04.01.2006

Peking, Alexanderplatz

Wir dokumentieren Auszüge aus der Text- und Bildfabrik der »Riesenmaschine«

Der Müsli-Kaiser von China

Traditionell wird im Land der Chinesen (China) schön ungesund gefrühstückt: süß oder salzig gefüllte Teigbällchen (Bao Zi), mit diversen Ingredienzien aufgepeppter Reis­porridge (Zhou), frittierte »Ölstangen« (You Tiao) oder eine schlichte Nudelsuppe (Mi­an Tang). Dazu reicht man bisweilen wurst­artiges, weißes Pappbrot (Mantou). Offensichtlich passt das der Internationale der Müslifresser und Cerealienfreaks nicht, die traurigerweise auch unter den Riesenmaschineautoren ihre Agenten hat. In China wird sie neuerdings durch die Beijing The Cereal Way Food Technology Development Co. Ltd. vertreten. Seit ein paar Wochen »wirbt« das Unternehmen für ein Produkt, das man ganz unverblümt »Kampfplatz der fünf Getreidesorten« nennt. Auf den Pla­katen herrscht der Schauspieler Chen Bao Guo die traditionellen chinesischen Frühstü­cker an: »Sagt nein zu Frittiertem – bleibt gesund!«, andernfalls – so muss man es wohl interpretieren – er ihnen vermittels seines Baseballschlägers die Gesundheit einzuprügeln gedenkt.

Und Chen Bao Guo ist hierzulande nicht irgendeiner. In der 58teiligen und sechs Millionen US-Dollar teuren TV-Serie »Han Wu Da Di« (»Großer Han-Dynastie Kaiser Wu«) spielt er den Kaiser persönlich, der eigentlich Liu Che (156 bis 87 v. Chr.) hieß und den Beinamen Wu für seine kriegerischen Verdienste erhielt. Der Müslifresser – ein lascher Peacenik? Die hiesigen Werber glauben anscheinend, es sei an der Zeit, dieses internationale Trugbild zu korrigieren, respektive in China gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dabei haben sie ungewollt sogar Recht, denn letztlich kann man vor dieser gefährlichen Sorte Mensch gar nicht drastisch genug warnen.

Allerdings scheuen die chinesischen Cere­a­lien-Warlords bisher die offene Feldschlacht. Wer die Schriftzeichen in und ums Plakatausrufezeichen genau studiert, wird feststellen, dass es sich beim propagierten »Kampfplatz der fünf Getreidesorten« immer noch um eine Nudelsuppe handelt, allerdings eine, die »Gesunde Instant-Nudeln – 100% nicht frittiert!« enthält. Beruhigend liest sich auch, was die Beijing The Cereal Way Food Technology Development Co. Ltd. sonst noch so unter dem Label »The Cereal Way« vermarkten möchte: Neben Schokolade, Backpulver und Senf auch künstlichen Kaffee, Eiscreme und Mondkuchen. Das nun klingt tatsächlich nach einem richtig leckeren Frühstück.

Christian Y. Schmidt / 24.11.2005 / 14:49 / Anderswo / Alles wird schlechter / Sachen kaufen / Essen und Essenzielles

Public Private Prostitution

Neues von der Front »Privatisierung des öffentlichen Raumes«: Im Zuge der Neuord­nung der Straßennamen um den Alexanderplatz herum (die durchaus geboten erscheint, firmiert doch ein gesamter Innenstadtbereich derzeit noch unter der Adresse »Am Alexanderplatz«) haben die Investo­ren des komplett überflüssigen, nichtsdestoweniger massiv im Entstehen begriffenen Shopping- und Erlebniscenters »Alexa« entlang der S-Bahn zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke harsch interveniert und erwirkt, dass das Straßenstück vor dem Koloss umbenannt wird in »An der Alexa«. Joachim Zeller, CDU-Bürgermeister von Mitte, räumt gegenüber der Berliner Zeitung ein, dass der unsäglich beknackte Name durchaus »eine kleine Anerkennung für deren Bemühungen in der Stadt« darstelle.

Das gibt uns Gelegenheit, an Harry Rowohlts radikal-genialen Vorschlag in der Debatte zu erinnern, ob zum Gefallen des Springer-Konzerns die Kreuzberger »Lindenstraße« in »Axel-Springer-Straße« umgetauft werden dürfe: Man solle doch gleich Nägel mit Köpfen machen und »Unter den Linden« in »Unter den Axeln« um­be­nen­nen. Obschon unberücksichtigt, kommt dieses Szenario dem aktuellen Casus schon recht nahe, sowohl was die Unappetitlichkeit des Namens als auch die des gesamten Procederes anbetrifft.

Holm Friebe / 19.08.2005 / 11:45 / Berlin / Alles wird schlechter

Jetzt amtlich: Punk doch tot

Dass die Jugendkulturen heute nicht mehr das sind, was sie mal waren, als wir ihnen noch angehörten, verkünden wir nach dem ersten Bier ja schon seit langem. Wie bitter es aber tatsächlich um das schiere Wesen der Jugendkultur an sich bestellt ist, dämmert einem erst dann, wenn man sich klar macht, dass die Bundeszentrale für politische Bildung durch die Schulen tourt, um den Kindern im Rahmen des Projekts »Culture on the Road« die Ideen, Grundhaltungen und Codes von zum Beispiel HipHop, Dancehall-Reggae, Punk, Gothic, Skateboarding und Girl Power nahe zu bringen. Zum Beispiel so: »Punk ist äußerlich wohl die schrillste Subkultur. (...) Das Zerstörungs-Image der Chaostage trügt und hatte viel mit dem Agieren von Medien und Staatsgewalt zu tun. Punks sind Selbermacher, im Ganzen konstruktiv, gestalten ihren Lebensraum, sind reise- und kontaktfreudig, und vor allem: politisch zumeist weder gleichgültig noch zynisch. Punks legen Wert auf Solidarität und Engagement vor Ort: autonomes Jugendzentrum, Instand-Besetzung von Spekulationsobjekten, Anti-Nazi-Demos.« Respekt. So, und nur so, die Herren Schönbohm und Gauweiler, macht man dem Punk ein und für allemal und gründlich den Garaus.

Ulrike Sterblich / 20.09.2005 / 12:35 / Alles wird schlechter

Eidechsentrikots

Im Fußball hört man oft von Textilfouls. Seit einiger Zeit soll dieses Zerren am Trikot des Gegenspielers vom Schiedsrichter hart abgestraft werden. Nichts gegen gewisse Neuerungen im Regelwerk. Aber ließe sich die Sache nicht auch interessanter und – bionisch gesprochen, man lernt ja vom Tier dieses und jenes – eleganter lösen?

Auftrag also an die Biotechnologen: Schafft ein, zwei, elf Eidechsentrikots. Solche Leibchen nämlich, die sich, sobald der Gegner sie grapscht, nicht in die Länge ziehen und den so Gegrapschten zu Fall bringen, sondern die stattdessen abfallen wie das Schwanzende der Eidechse, um sich danach noch einige Zeit lang dribbelnd auf dem Rasen zu winden, während der verblie­bene, enthuschte Rest-Kuranyi den Ball unterdessen gemütlich im kurzen Eck verstaut. Wir sähen das gerne. Und auch in den Zeitlupen, die dann gegebenenfalls im Split­screen-Modus, hier abgeworfenes Trikot, da Stummeltrikot, wiederzugeben wären – mit doppelter Trikotwerbung! –, gäbe das einiges her, den Sponsoren-heischenden Vereinen sogar das Doppelte.

Martin Bartholmy / 23.08.2005 / 12:42 / Was fehlt / Sachen anziehen

Textile Displays

Wir alle sehnen uneingeschränkt die Markt­reife von grafikfähigen, elastischen Dis­playfolien von der Rolle herbei. Was danach kommt, liegt angesichts des Trends zum anziehbaren Digitalium auf der Hand: das Wear­able Display. Ausgestattet mit einer eingewobenen Kurzstreckenfunkantenne, meldet sich das neuerworbene T-Shirt per Bluetooth als Ausgabemedium beim Mobiltelefon an. Vorbei sind die Zeiten, in denen veraltete Heavy-Metal-Tourdaten-T-Shirts das Straßenbild störten. Zukünftig teilt uns die ausgewaschene Oberbekleidung unserer Mitmenschen minutenaktuell mit: Motör­head – Jul 17/05 Wiesen, Austria Forestglade (Cancelled), Oct 7/05 Gothenburg, Sweden Scandinavium (noch 232 Karten an den Vorverkaufskassen). Am Ärmelbund rotieren die Headlines des Tages, gefolgt von der aktuellen Wettervorhersage.

Auch Peer-To-Peer-Anwendungen sind denkbar: In der Bahn beispielsweise lässt sich das Top des Gegenübers als Pong-Spielfeld verwenden, während auf der eigenen Brust »Fight Club« läuft. Größere Oberweiten sind zugunsten einer verzerrungsfreien Wiedergabe zu meiden. Für den modernen Opportunisten bietet sich der Abgleich des Aufdruckes mit den in der gleichen Funk­zelle angemeldeten Bekleidungsstücken an. So wird aus »Bier formte diesen wunderschönen Körper« im Nu »Unterwegs im Auftrag des Herrn«, sobald die Kirchentagsbesucher im Kleinbus vorbeifahren. Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans können so auf ein Minimum reduziert werden.

Aber auch auf Gefahren und Risiken soll hier hingewiesen werden. Denn »Jamba!«, die taschengeldfressende, kreischende Klin­gelton-Krake, ist stets auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern. Schon kurz nach Markteinführung der Display-Shirts werden Kooperationen mit den Herstellern geschlos­sen, die sich darin verpflichten, sämtliche Bekleidungsstücke mit Unerträglichem vorzukonfigurieren. Besonders beliebt werden kurze Animationen sein, ähnlich den animierten GIFs aus der grauen Vorzeit des Webs.

Blinkende Werbebanner werden das Straßenbild prägen, da sie den Kaufpreis der Wearware auf 1 Euro Asterisk reduzieren. Das Kleingedruckte überlässt dem Betreiber den eigenen Oberkörper als beliebig bespielbare Werbefläche. Wer das alles nicht will, wird seufzend die gelbgefiederte Geflügel-Widerlichkeit auf der neuerworbenen Anziehsache durch das kostenpflichtige »Weg!«-Motiv aus der Spar-Abo-Kollektion ersetzen müssen. Egal, trotzdem! Her mit den Displayfolien! Wie lange sollen wir denn noch warten?

Jan Bölsche / 15.07.2005 / 17:19 / Alles wird besser / Alles wird schlechter / Sachen anziehen / Vermutungen über die Welt

Behinderte raus

Es ist wahr, dass Grafiker einen schweren Job haben, weil sie das bunt machen müssen, was andere ihnen sagen, obwohl sie nichts mehr hassen, als bunt zu machen, was andere ihnen sagen. Es ist auch wahr, dass Piktogramme und Stilisierungen viel, viel schwerer zu designen sind, als man annimmt. Trotzdem hätte der entwickelnde Grafiker, aber auch der zuständige Projektmanager und schließlich die anbringende Person selbst eine Spur mehr Feingefühl zeigen können. »Behinderte verboten«, die­ses Schild auf dem Nürnberger Flughafen klebt ohne ersichtlichen Grund an einer Säule mitten in der Abflughalle. Im ersten Moment denkt man so bei sich, klar, die Nürnberger Rassegesetze wirken hier im volkshygienischen Bereich noch nach. Erst einige Nachfragen später offenbart sich die Bedeutung des Schilds: »Ab hier keine Möglichkeit mehr für Rollstuhlfahrer, die Ebene zu wechseln, weil nur noch Treppen und keine Fahrstühle mehr vorhanden sind.« Hätte man auch selbst drauf kommen können. So weit ist Nürnberg nun auch nicht hinterher.

Sascha Lobo / 24.11.2005 / 21:26 / Anderswo / Zeichen und Wunder / Vermutungen über die Welt

Kick it Like ­Lieblingsstar

Gut, es ist nicht leicht, Jungs zum Spielen mit Puppen zu bewegen. Auch wenn es ­bestimmt pädagogisch wertvoll ist. Oder wäre. Oder sein könnte. Die Firma Revell, die sich schon seit Urzeiten um das Wohl der zukünftigen Männer sorgt – zum Beispiel mit zusammenklebbaren Panzern –, ist sich ihrer Verantwortung bewusst und beglückt die Jungs seit einiger Zeit mit Puppen. Natürlich nicht mit traumatisierend unrealistischem Barbiequatsch, sondern mit den Originalen »unglaublich ähnlich« sehenden »Lieblingsfußballstars«. Die Kick-O-Mania-Figuren bekommen nämlich nicht wie anno Dings die kleinen Tipp-Kick-Kicker ihr unverwechselbares Profil durch absplitternden Lack. Oder unverwechselbare Spielerqualitäten durch diverse Tuningtricks. Nein! Die Kick-O-Maniacs sind von Hause aus 3D-gescannte, computermodellierte Stars. Wie obenstehendes Foto eindrucksvoll beweist. Falls sich jemand nicht ganz sicher sein sollte, wer da seinen Kopf hat scannen lassen, kann man sich hier vom gewohnt geschmeidig agierenden Ballack die Revell-Spielerelite vorführen lassen.

Auch wenn wir zugeben müssen, dass Deco oder auch Rooney einen spontanen Kaufreiz auslösen, finden wir einen nur 19 Mann umfassenden Kader etwas dürftig und wünschen uns zum Beispiel Lucio oder Ronaldinho – kaum auszudenken, was das für schmucke Püppchen wären! Schön aber, dass Revell den Stars keinen Kick-Knopf aus dem Kopf ragen lässt, bedient wer­den die erstaunlich großen Puppen durch Spannen des Schussbeins (alles Rechts­füße!) und Drücken des »Action­knopfs« – man sticht dem Kicker mit dem Finger beherzt zwischen die Schulterblätter und schon »zimmert er den Ball ins Netz«. Um sich ein abschließendes Urteil erlauben zu können (Voll bewegliche Gelenke! Super Spielmöglichkeiten!), wird die Anschaffung eines van Nistelrooy er­wogen. Denn interessant wäre natürlich auch, was die Kicker so unter ihren Trikots tragen. Aber Puppen ausziehen, das ist wohl Mädchendenken.

Natalie Balkow / 20.11.2005 / 15:00 / Fakten und Figuren / Sachen kaufen

Und sonntags zum Familien-Jihad

Wenn man in der weltweiten Öffentlich­keit als überaus aggressive Terrortruppe gilt, sich selbst aber eher als teilmilitante Moslem-CSU versteht, sollte man sich über ei­ne Neupositionierung mittels Public-Affairs-Methoden Gedanken machen. Die libanesische Hisbollah stand vor diesem Problem – und hat reagiert. In Kfar Kila, einem historisch wie politisch wichtigen Grenz­über­gang zu Israel (der selbstverständlich nicht zu nutzen ist – wie man überhaupt aus dem Libanon nicht nach Israel kommt –, da über ihn im Jahr 2000 die israelische Armee den besetzten Südlibanon räumte), hat die Hisbollah beispielsweise ein spielerisches, aggressionsanbauendes Feature eingerichtet, mit dem der meist wenig geneigte arabische Besucher seinem Unmut Ausdruck verleihen kann: Zwei Steinsäulen (im Hintergrund) sind errichtet worden, gegen die man Steinchen werfen darf – symbolische Kiesel gegen Israel. Darauf wäre die Bundeszentrale für politische Bildung nicht ohne Weiteres gekommen.

Zehn Meter daneben steht der Touristenshop mit Promotionartikeln der Hisbollah, in dem neben arabischer, oft antizionistischer Folklore, Postkarten mit Bildern des Anführers Scheich Nasrallah, Anti-Israel-­Stickern, arabischem Kitsch und DVDs mit von der Hisbollah produzierten Spielfilmen über den Kampf gegen die Besatzer auch sehr schicke Hisbollah-T-Shirts zu kaufen sind. Das ist zielgruppenadäquat und äußerst populär, kurz: ein Bombenerfolg. An Sonntagen ist der Grenzübergang Ziel von Familienausflügen samt verschleierter Müt­ter und Töchter, die lachend Kieselsteine gegen Israel werfen. 20 Meter und zwei Stacheldrahtzäune weiter sitzen israelische Soldaten in einem Bunker. Nur einen Steinwurf entfernt ist die erste Siedlung in Israel. Diese wiederum soll ihrerseits jedoch nicht neu positioniert werden.

Daniel Erk / 22.10.2005 / 19:01 / Anderswo / Vermutungen über die Welt

Geld wie Heu

Die Zeiten für Bauern scheinen immer schlech­ter zu werden. Subventionskürzungen, Preisverfall bei Agrarprodukten, Bil­lig­importe (wahrscheinlich aus China!) – der gemeine Landwirt hat offenbar kaum noch Chancen, seine Familie angemessen zu ernähren. Die in der Marktwirtschaft natürliche Folge ist die Suche nach Ersatz­einnahmequellen. So wird das seit einiger Zeit praktizierte Kuhleasing immer erfolgreicher, andere Bauern bieten tolldreist Arbeitsferien an, für die man unter Umständen sogar bezahlen muss. Da ist eine naheliegende, harmlos daherkommende Variante, sein Heu zu Geld zu machen. Und zwar mit Werbung, wie man sieht. Über die markt­üblichen Richtwerte kann man errechnen: Bei einem TKP (Tausendkontaktpreis) von 30 Euro und vor Ort geschätzten vier Passanten pro Tag kommt der Werbebauer auf Zusatzeinnahmen von 3,60 Euro pro Monat. Da ein solches mehrfarbig geplottetes Riesenplakat etwa 1 200 Euro kostet, hat sich die Investition bereits nach 27,7 Jahren amortisiert und beginnt dann, Reingewinn abzuwerfen. Aber Landwirte sind ja gewohnt, langfristig zu denken.

Sascha Lobo / 25.08.2005 / 18:10 / Anderswo / Vermutungen über die Welt

Vom Segen der Marktforschung

Als das Moeritherium (oben) innerhalb einer Focusgruppe einem repräsentativen Testpanel zur qualitativen Evaluation vorgestellt wurde, musste die Entwicklungs­abteilung herbe Kritik einstecken. »Zu lang« sei das neue Tier und auch irgendwie »nicht niedlich genug«, es fehle an »Features« und ein Alleinstellungsmerkmal sei auch nicht so richtig zu erkennen. Ein Moeritherium-Moratorium wurde beschlossen, die Entwicklungsabteilung zog sich wieder an den Rechner zurück und morphte ein wenig am Tier herum, denn noch mal ganz von vorne anfangen mochte man auch nicht. Das Ergebnis (unten) gefiel der Zielgruppe schon besser, es wurde nur allgemein als zu klein empfunden. Keine Sorge, es handle sich natürlich nur um ein maßstabsgerecht verkleinertes Modell, das fertige Tier werde die Konkurrenz größenmäßig, aber hallo. So versicherte die Projektleitung, und das Ergebnis wurde dann auch wirklich ein ziemlicher Markterfolg.

Kathrin Passig / 08.09.2005 / 15:46 / Supertiere / Vermutungen über die Welt

Sport möglicherweise gesund

Wie der Wissenschaftsbüttel fürs Volk, Scien­­tific American, neulich zu berichten wusste, verzeichneten die Notfallambulanzen rund um Boston in der Spielsaison 2004 um so weniger Notfälle, je besser die Red Sox spielten. Während der erfolgversprechendsten und demzufolge beliebtesten Spiele der Baseballmannschaft war die Zahl der Emergency-Room-Konsultationen sogar um rund 15 Prozent niedriger, als aufgrund historischer Vergleichsdaten zu erwarten gewesen wäre.

Rechnet man das um beziehungsweise rüber beziehungsweise hoch auf Fußball und Deutschland, wird klar, wer 2006 das nationale Gesundheitssystem wirklich entlasten kann. Für den – selbstverständlich völlig unwahrscheinlichen – Fall, dass die deutsche Mannschaft schon im Halbfinale ausscheiden sollte, empfehlen wir jedenfalls, für Herbst 2006 schon mal eine Beitragserhöhung (»Klinsmann XI«) der Krankenkassen mit einzuplanen – oder doch zumindest einen Verbandskasten stets griffbereit zu halten.

Ira Struebel / 28.09.2005 / 20:31 / Anderswo / Fakten und Figuren

Zinken 2005

Vor das Umziehen, eine an sich schon nicht sehr beliebte Tätigkeit, hat das Schicksal die Wohnungssuche gesetzt, die Anstrengung mit Demütigung kombiniert. Wir alle wissen, dass eine Aussage wie 4ZKBB/WM700 eigentlich überhaupt nichts aussagt, das dient bestenfalls zum Anzeigensortieren. Und sofern man nicht Nachmieter ist, kriegt man die Vormieter nicht zu fassen, die einen vor dem bollernden Nachbarn oder der nässenden Wand warnen könnten. Bald schon werden aber profes­sionelle Wohnungstester ihr Siegel an den Leerraum kleben, es wird dort stehen, ob die Wohnung unser Geld wirklich wert ist. Bis dahin freuen wir uns über erste Testimonials wie dieses, noch ungelenk ans Haustor gekritzelt, aber es ist ein Anfang.

Markus Kempken / 23.08.2005 / 12:49 / Berlin / Alles wird besser / Zeichen und Wunder

Von Markt- und Zahnlücken

Was ist wohl auf dem unten stehenden Bild dargestellt? Ein neuartiges Krokodil mit gelbem Zahn? Eine Wäscheklammer mit ergonomischem Griff? Oder aber eine spezielle Zange zum Herausziehen von Milch­zähnen? Natürlich alles Unsinn, denn es handelt sich um etwas ganz Einfaches, näm­lich um eine spezielle Zange zum Herausziehen von Milchzähnen. Wieder mal ist das eine so dermaßen offensichtliche Erfindung wie seinerzeit »Tisch« oder »Haus«, dass man sich tagelang an die Stirn schlägt vor lauter Ärger, nicht selber darauf gekommen zu sein. Man könnte heute ein Patent besitzen, für eine spezielle Zange zum Herausziehen von Milchzähnen! Einziger Trost: Auch die Hersteller der herkömm­lichen Geräte für denselben Zweck (Faden und Türklinke, kräftige Ohrfeige, hartes Brot) wurden kalt erwischt.

Aleks Scholz / 01.08.2005 / 22:51 / Alles wird schlechter / Sachen kaufen

Exgeneration X

Dass unsere Generation die erste wirklich coole & hippe ist, ist allen klar, die dazugehören. In unserer Premium-Generation gibt es erstmalig Berufe wie VJ oder Profi-Blogger, man kann arbeiten, wo, wie und wann man will, man kann sich anziehen wie ein Retropunkpopper und trotzdem Jazz hören, Schwarzeneggerfilme mögen und Veganer sein. Alles gut und schön, aber was, wenn wir alt werden, und ich meine richtig alt, nicht 40 oder so, das sind ja jetzt schon viele. Mit uns werden unsere Berufe altern, unsere Gadgets, unsere Accessoires, unse­re Mode: Wir werden eine alte, coole & hippe Generation mit naturgrauem Iro, mit Inline-Rollstühlen, mit customized Picture-Heizdecken im selbst hochgeladenen Design. In vielen Jahren wird man versuchen, sich zurückzuerinnern, wie es angefangen hat, dass unsere coole Generation so lächerlich gealtert ist. Und dann wird man für einen kurzen Augenblick die Eingebung haben, ah, ja! Es war damals, 2005, als die ersten Einkaufswägelchen im Militarylook herauskamen. Man wird dann melancholisch werden, eine uralte Westbam-mp3 einspielen und versuchen, die 350 bpm mit dem Laserpointer-Krückstock mitzuklopfen.

Sascha Lobo / 25.07.2005 / 00:02 / Berlin / Vermutungen über die Welt

Die Krankheit Ich

Keine Frage dürfte die abendländische Philo­sophie über die Jahrhunderte hinweg derart beschäftigt haben wie die nach dem Sub­jekt. Sigmund Freud hat es in drei Etagen zerlegt. Michel Foucault hat es erst mühevoll abgeschafft und dann durch die Hintertür wieder reingelassen. Und Arthur Rimbaud hatte sich der Frage kurzerhand zu entledigen versucht, indem er behauptete, Ich sei ein anderer. Trotzdem stand die Frage, wer oder was das Ich ist, quälend unbeantwortet weiterhin im Raum. Vermut­lich, weil niemand auf die Idee gekommen ist, einfach mal in der Wikipedia nachzuschlagen. Dort steht nämlich die Antwort schwarz auf weiß. »Ich« ist eine Krankheit, die Aquariumfische befällt. Gut zu wissen: »Ich is fairly easy to treat in the freshwater aquarium«, und zwar mit Hilfe von »standard ich treatments«. Die Frage, wie man das noch viel lästigere Über-Ich loswird, kann hingegen auch die Wikipedia vorerst nicht beantworten.

Holm Friebe / 15.09.2005 / 21:48 / Fakten und Figuren

Faustrolls Kinder

Konnte Alfred Jarry am 28. April 1893, als er die Pataphysik erstmals in seinem Roman »Taten und Meinungen des Pataphy­sikers Dr. Faustroll« einer breiteren Öffentlichkeit präsentierte, also jene okkulte Metastase der Metaphysik, einer Wissenschaft, die die einzige imaginäre Lösung für nicht vorhandene Probleme anbietet, von der Berechnung der Oberfläche Gottes bis zur ­Krokodilologie und Mistizin (»Für die Pataphysik sind alle Phänomene absolut gasförmig«, Jean Baudrillard), konnte Jarry also damit rechnen, dass seine Wissenschaft bis zum heutigen Tage ein fröhliches Schattendasein führt und in einem immer wilder wuchernden Wald von kommerziellem Krem­pel und lieblosen Tand gedeiht? Der Autor Max Goldt zum Beispiel beschreibt in einem seiner Bücher, es gäbe, ohne sie dezidiert so zu nennen, eine pataphysische Maschine in seinem Haushalt, ein Gerät, in das man oben eine vorher bereits geknackte Nuss wirft, die unten wieder rauskommt, und das es vermag, ihn für Stunden in seinen Bann zu ziehen. Die Firma Maywa Denki hat sich auf die mehr oder weniger serielle Produktion solcher Maschinen spezia­lisiert. Hier entwickelt der japanische Tüftler Nobumichi Tosa Haar-Hygrometer, den Othelloscope genannten Hautfarbmesser, einen Traktor, der von Fischen gelenkt wird, aber auch nützliches Zeug wie die Schnipsprothesen, eine sprechende Armbanduhr, bei der man sich die gewünschte, ideale Uhr­zeit selbst auf einer Wählscheibe zusammenstellt, oder den Knockman, den größten Erfolg der Firma. Es handelt sich um einen freundlichen mechanischen Burschen, der sich, wenn man ihn aufzieht, lachend auf seinen eigenen Kopf einprügelt, als gäbe es nichts Herrlicheres als Kopfschmerzen und keinen neuen Morgen. Und das können die Damen und Herren von Aspirin ja auch nur unterschreiben, nicht?

Tex Rubinowitz / 10.10.2005 / 11:15 / Alles wird besser / Fakten und Figuren

Shampooskandal

2002 wurde in Veröffentlichungen des Nano­physikers Jan Hendrik Schön in Nature und Science ein identisches Diagramm mit unterschiedlicher Beschriftung entdeckt. Ein ausgewachsener Wissenschaftsskandal schloss sich an; aus dem anvisierten No­belpreis wurde nichts und zuletzt entzog die Universität Konstanz Herrn Schön 2004 seinen Doktorgrad wegen »unwürdigen Verhaltens«. Dabei handelte es sich offenkundig erst um die Spitze des betrügerischen Eisbergs. Wie die Riesenmaschine jetzt in aufwändiger Recherche durch verdeckte Testkäufe feststellen konnte, enthalten je nach Hersteller bis zu 75 Prozent aller Haar­reinigungsprodukte gefälschte wissen­schaft­liche Daten. Die Abbildungen 1 bis 5 zeigen die Grafiken auf der Rückseite von 1: Nivea For Men, 2: Nivea Glanz, 3: Nivea Color, 4: Nivea Vitalizing und 5: Ni­vea Volumen Lift. Signifikante inhaltliche Übereinstimmungen bei gleichzeitig un­ter­schied­licher Beschriftung der Diagramme sind nicht von der Hand zu weisen. Einzig bei Nivea 2 in 1 und Nivea Anti-Schuppen (Abb. 6 und 7) werden wissenschaftliche Mindest­standards gewahrt. Für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Beiersdorf AG sieht es damit wie für Jan Hendrik Schön nobelpreistechnisch für die nächsten Jahre äußerst mau aus.

Kathrin Passig / 15.09.2005 / 17:37 / Alles wird schlechter / Fakten und Figuren

Neues aus der Schweiz

Kürzlich meinte eine kluge Frau zu mir, sie glaube, es gäbe im Bereich der Fremdwahrnehmung von sexuellen Vorlieben nichts Schlimmeres, als für »lächerlich« gehalten zu werden. Abstoßend, eklig, pervers oder langweilig sei alles zu ertragen, jedoch »lächerlich« – das sei richtig hart. Als ernsthaften Anwärter für dieses Prädikat dürfte nun die Künstlergruppe (um nicht zu sagen: Studentengruppe) »Das Sekretariat« mit ihrer Vorliebe fürs Häuserficken gelten. Zwar kennt wohl jeder das Gefühl, einen schön polierten Handlauf aus Holz, eine spiegelnde Lackoberfläche oder auch nur einen massiven Betonpfeiler berühren, ja streicheln zu wollen. Aber gleich ablecken? Oder ficken? Nun, man sollte nicht vorschnell urteilen, mit Fug und Recht könn­te ja auch der gewöhnliche, heterosexuelle Geschlechtsverkehr als »lächerlich« bezeichnet werden, wenn man ihn nur aus den »Ruf-mich-an-unter-0190...«-Werbefilm­chen kennen würde.

Leider ähneln die auf »housefucking.com« bereitgestellten Filmsequenzen stark diesen nachmitternächtlichen Werbespots: Sie brechen dann ab, wenn es interessant wird, und verschweigen uns, wie man es denn nun bewerkstelligen würde, das Häuserficken.

Lukas Imhof / 10.08.2005 / 13:44 / Anderswo

Saurier – Tiere ohne Perspektive

In der Nähe der Stadt Silena im Land Lybia wohnte ein Drache, dem die Bürger täglich zwei Schafe opferten, auf »dass sie seinen Grimm stilleten« und er sie von seinem Pest­hauch verschonete. Als die Schafe alle waren, nahmen sie Kinder, und als das Los die Königstochter zum Opfer bestimmte, wurde es dem heiligen Georg zu viel. Er besiegte den Drachen unter der Bedingung, dass alle Bürger sich zum Christentum bekehrten; so sagt es die Legenda Aurea. In der Historie spielt der Drache die Rolle des Götzenkultes; in der Kunstgeschichte figuriert er irgendwo zwischen Flugechse und Tyrannosaurus, je nach Temperament des Malers. Paolo Uccello (1397 bis 1475) verpasst ihm außerdem sechs schicke Ellipsen auf die Flügel, die allerdings nur der kurz zuvor von Brunelleschi entdeckten Perspektive geschuldet sind, deren erstes Gebot da lautete: Du sollst möglichst viel gefluchteten Schnickschnack in dein Bild reinmachen, auf dass man wisse, dass du mit dem Geodreieck umgehen kannst.

Die eigentliche Frage, die das Bild aufwirft, ist jedoch: Was machen die Dinosaurier in der Tafelmalerei, Jahrhunderte, bevor der erste Knochen von ihnen aus der Erde gegraben wurde? Geht man davon aus, dass die von der Bibel behaupteten »Riesen auf Erden«, die »Helden der Vorzeit« (1. Mose 6,4), mithilfe altgriechischer Mythologie zusammendeliriert wurden, und hält man ferner das »kollektive Unterbewusstsein« C.G. Jungs für einen der Hohl­welttheorie vergleichbaren Schmarren, bleibt man doch einigermaßen ratlos zurück. Und kann sich gleich mit der nächsten Frage beschäftigen, die das Gemälde aufwirft: Was macht eigentlich der Spiralnebel da rechts oben, Jahrhunderte, bevor van Gogh ihn entdeckte?

Wolfgang Herrndorf / 08.09.2005 / 18:39 / Supertiere / Vermutungen über die Welt