18.01.2006

Feindbild Bushido

Wer empört sich über Aggro Berlin und mit welchen Argumenten? günther jacob fordert, die Kritik an Sexismus und Homophobie vom Ressentiment gegen die Underdogs stärker zu trennen

Am 22. Januar beginnt die Tour des Rappers Bushido. Anlass für ein Gespräch mit dem Hamburger Autor Günther Jacob, der sich bereits in den neunziger Jahren mit dem Genre des Gangsta-Rap auseinandersetzte und die sich »politisch korrekt« präsentierenden Deutsch­rapper für die Entstehung eines ­»Orient HipHop« verwantwortlich machte. Seiner Ansicht nach haben sich die Fronten jetzt verkehrt: Die etablierte Poplinke macht gemeinsame Sache mit den Bigotten gegen den »Unterschichten-Rap«.

Kann es sein, dass sich die Diskussion um Rapper, die offen mit Nazi-Symbolen spielen, Fäkalvokabular zum allgemeinen Wortschatz erheben und auf martialische Selbstdarstellungen setzen, nicht mehr fortbewegt? Über die Frage, ob Bushido & Co. einfach nur dumm oder tatsächlich gefährlich sind, ist offensicht­lich keine Einigung zu finden.

Gefährlich könnten Dumme und Schlaue ja gleichermaßen sein. Mit dieser Gegenüberstellung drücken einige Diskutanten ein gewisses Verständnis für kommerziell lohnenswerte Tabubrüche aus. Wer mit allen Mitteln Aufmerksamkeit erregen möchte, trifft in einer Konkurrenzgesellschaft durchaus auf Verständ­nis. Mit dieser rhetorischen Figur werden aber nicht selten auch junge Neonazis als Tabubrecher bagatellisiert.

Gehört der Rapper Fler zu den Neonazis?

Nein, das glaube ich nicht. Im Vergleich zu dem durchaus eloquenten Bushido hat man bei ihm eher den Eindruck, dass die ehrgeizigen Eigner der Plattenfirma sein Image steuern. Fler treibt ein Spiel mit den Codes der heutigen Rechtsradikalen. Da er dieses Spiel jedoch unter Kunstvorbehalt stellt, unterscheidet er sich zunächst nicht von etablierten Künst­lern wie Rosemarie Trockel mit ihren gestrickten Hakenkreuzen. Flers Präsentation ist zunächst als ein Realismus der Bühne zu sehen, der ähnlich funktioniert wie eine Kunstausstellung: Wenn man den Saal betritt, verlässt man jene Wirklichkeit, in der politisch und praktisch gehandelt wird. Ich möchte diese Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit aber dort einschränken, wo es um den Nationalsozialismus geht, weil die Nazis ihre antijüdischen Phantasiebilder durch Massenmord wahr gemacht haben. Gegen alle, die sich in die Nach­folge von Mördern stellen, hilft nur das strikte Verbot.

Die öffentliche Auseinandersetzung um das Label Aggro Berlin dreht sich tatsächlich eher um die aggressiven Texte, mit denen Frauen und Schwule herabgesetzt werden. Über Fler hört man in diesem Zusammenhang weniger als etwa über Bushi­do.

Ein Spiel mit Symbolen des NPD-Milieus und Sexismus gegenüber be­stimm­ten gesellschaftlichen Gruppen sind nicht auf derselben Ebene angesiedelt. Tatsächlich machen diese Ber­liner Rapper vor allem mit verletzenden Wendungen gegen Frauen und Schwule auf sich aufmerksam. Allerdings: Mir ist ein Teil dieser Empörung suspekt. Ich bin gegen Sexismus und Rassismus, aber ich werde sofort hellhörig, wenn Boulevard-Zeitungen, die täglich über »Boxenluder«, »Schul­mädchensex« und »gefährliche Ausländer« schreiben, sich an die Spitze der Empörung über Bushido setzen können.

Dass sich auch auflagenstarke Boule­vardzeitungen gegen Bushido richten, entkräftet aber nicht die Kritik an ihm.

Nein, aber man muss in dieser Auseinandersetzung genau hinschauen, wer über was wie spricht. Da gibt es Leute, die werfen Bushido vor, Gruppensex und Analverkehr zu thematisieren. Da fühlt man sich in die fünfziger Jahre zurückversetzt. Das gilt durchaus auch für das Thema Gewalt. Man kann ein Bushido-Konzert in mancher Hinsicht mit einem Horrorvideo vergleichen: Wenn man in dieser Zeitung die Regieanweisungen für einen Splatterfilm wortwörtlich abdrucken würde, wären viele entsetzt, aber im Kino sehen sich nicht wenige Leute, die sonst völlig friedfertig sind, so etwas an.

Ein Bushido-Konzert ist also ein Ort, an dem junge Menschen ihre Phantasien friedvoll ausleben?

Ich muss wenigstens in Rechnung stellen, dass sich viele Bushido-Fans wie im Kino fühlen, dass sie dort Haltungen und Phantasien ausagieren, die sie sich in der realen Welt selbst verbieten, weil sie in einer so­zial verbindlichen Welt leben. Man könnte sogar noch weiter gehen und sagen: Das wirkliche Problem ist die Gleichzeitigkeit von einer über das Internet alles durchdringenden Pornografisierung sowie einer nachhaltigen Sexualisierung aller Lebensfacetten in Medien und Werbung einerseits und einer vergleichsweise antiero­tischen Lebenswirklichkeit andererseits. Diese Kluft wird normalerweise mit Bigotterie oder anzüglichen Sexwitzen überbrückt.

Nach dieser Definition wäre zumindest ein Teil der Auseinandersetzung zwischen Bushido und seinen Kritikern als Streit zwischen einem Zotenreißer und Heuchlern zu verstehen?

Wobei diese Rapper selbst auch beide Melodien beherrschen, denn sie sind ja keine Anhänger einer libertären Sexualität. Prüderie und Zoten passen öfters zusammen, als man denkt. Was Bushido & Co. da über »Arschficker«, »Mutterficker«, »Schlam­pen« und »Schwuchteln« zusammendichten, das kann man einerseits tatsächlich auch an Männerstammtischen und in Firmenkantinen hören. Das ist klassische repressive Sexualmoral, wo Sex immer mit Schuld und Strafe zu tun hat.

Deshalb sollen Bushido-Kritiker ihren eigenen Standpunkt klarer kenntlich machen, also deutlicher sagen, in wessen Namen sie anklagen?

Ja, denn eine Bushido-Kritik ist schnell formuliert – zum Beispiel zum »Schutz unserer Frauen und Kinder«. Manche finden, dass sich bei den Aggro-Berlin-Texten erneut zeige, dass wir in einer »kranken Gesellschaft« leben, deren Niedergang mit der Einführung der privaten Fernsehsender begann. Selbst poplinke Autoren, die in den neunziger Jahren jeden Sexismus oder gar Antisemitismus im Rap rechtfertig­ten, halten nach ihrer eigenen Etablierung Bushido nun für »Unterschichten­fernsehen«. Andere sehen in Bushido ein Beispiel dafür, wohin der hohe Aus­länderanteil in den Metropolen führt. Wenn all diese Tendenzen in eine indifferente Front für Wohlanständigkeit münden, haben wir nachher repressivere Zustände als vorher.

Bushido zerstört gezielt unsere Heile-Welt-Fassade?

In der Tat. Und er schlüpft zum Beispiel ganz bewusst – er sagt das in Interviews – in die Rolle des »schwar­zen Mannes«, des »Ausländers«, der in »Kanakendeutsch« blonde Mädchen belästigt. Indem ich nun aber sage, er spielt diese Rolle, sage ich nicht, dass alles nur ein Spiel ist. Das macht die Schwierigkeit des Themas aus. Bushi­do bietet vor dem Hintergrund realer Ausgrenzungen ein kulturindustrielles Genre an, dass ich ganz bewusst als »Arschlochrap« bezeichne. Inszeniert wird hier eine Figur: der sozial eher unten stehende junge Mann, der sich durch die Diskriminierung von Frauen und schwu­len Männern selbst aufwerten oder entschädigen will. Wenn dieser junge Mann zu Mädchen im Bus sagt »Ich fick dich«, dann nicht, weil er glaubt, auf diese Weise ein Mäd­chen für sich einnehmen zu können. Indem er sich als »Arschloch« präsentiert, erkennt er seinen Underdog-Status an und zieht einen Genuss daraus, Angst zu verbreiten, also »Stress zu machen«.

Was sagen Sie als DJ und Musikkri­tiker zur Musik der »Arschlochrapper«?

Wenn ich Bushido nach genre-immanenten Kriterien beurteilen soll, dann muss ich – bis auf wenige Ausnahmen – sagen: Das ist schlechter Rap. Kein DJ würde solche Sachen in einem Club auflegen. Aggro-Musik wird im Kinderzimmer als CD gehört oder beim Konzert, wo man mitfluchen kann.

Liegt nicht ein Problem im Umgang mit dieser Musik auch darin, dass sich in den Texten überhaupt nichts Spielerisches finden lässt, nichts, was zumindest auf eine Spur relativierender Selbstironie hindeutet?

Die Sprache auf einer Aggro-Berlin-Platte ist eine künstlerisch bearbeitete Sprache. Die Aggro-Rapper stellen sie als Ghetto-Realismus dar, womit sie allerdings den Inszenierungscharakter ihrer Performance offenlegen. Die Behauptung, man repräsentiere nur eine harte und verletzende Welt, erweist sich als künstlerische Stilisierung. Trotzdem ist es gerade der Verzicht auf relativierende Gesten, der den Verdacht nährt, dass die Akteure hier ihre eigene Affirmation realer Unterdrückungsverhältnisse zu Protokoll geben. Anders gesagt: Wir sind zwar auf der Bühne, aber dort stehen eine Menge schlechter Schauspieler, die nur sich und ihre Welt halbwegs darstellen können. Das verstärkt bei denen, die symbolisch herabgesetzt werden, das Gefühl, dass da welche gerne das Gesagte in die Tat umsetzen würden. In der Literatur spricht man in solchen Fällen vom Schlüsselroman.

Bushido & Co. könnten sich auf die US-ame­rikanische Richtung des »Ghetto-Realismus« berufen. Um Credibility zu beweisen, beteuern viele US-Rapper, von ganz unten zu kommen. In diesem Sinne wollen alle einen Schlüsselroman rappen.

Ja, dieser Konkurrenzkampf um Glaub­wür­dig­keit ist zentral für die Genres Gangs­ta-Rap, Ghetto-Rap und Pimp-Rap. Wer nicht einige Jahre Gefängnis in seine Biografie schmuggeln kann, hat es schwer. In den neunziger Jahren war hier die Lifers Group, eine Rap-Gruppe aus lebenslänglich einsitzenden Gefangenen, führend. So viel Echtheit hat der ganzen Branche genutzt. Dieser Kampf um vorgebliche Authentizität folgt, wie wir seit der Einführung des Reality TV wissen, einem medialen Gesetz: Das Dramatisierungsgefälle zwischen Kunst und Leben muss ständig ausgeglichen werden, weil die Leute sonst die Lust an Medien als einem Leben aus zweiter Hand verlieren.

Ein durchschaubares Spiel…

Natürlich. In Amerika ist Gangsterrap aber ein Teil einer Black Community Culture, Teil eines seit über 100 Jahren existierenden Brechtschen Unterweltszenarios, in dem die reale Unterwelt literarisiert und mit Jazz versetzt wurde. US-Gangsta-Rap ist in diese kulturelle Erzählung eingebettet. Er ist ein bisschen wie bei der »Seeräuber-Jenny«: eine Idealisierung der Halbwelt.

Aggro Berlin und Bushidos Label Universal Records tun nun aber alles, um mit erns­ter Miene auch bei uns einen Gangsta- und Ghetto-Rap zu etablieren, obwohl der Begriff »Ghetto« in Deutschland im Zusammenhang mit dem Holocaust steht und es deshalb seit 1945 Ghettos weder gibt noch jemals wieder geben darf. Ein deutscher Gangsta-Rap kann daher nur etwas ganz und gar Fragwürdiges sein.

Stellen sich die Aggro-Berlin-Rapper eigentlich selbst noch in die Tradition des US-Rap?

Bushido grenzt sich mehrfach explizit von den amerikanischen Vorbildern ab. Wer Rhythm’n’Blues mache, sei »schwul«. Damit leugnet er, woher sei­ne Sache eigentlich kommt. Rap hat sich in Deutschland fast vollkommen von den US-amerika­nischen Vorbildern gelöst.

Was war denn dann der Nährboden für den deutschen Aggro-Rap?

Seit den neunziger Jahren hat sich auch hierzulande eine spezielle Art von Proll-Kultur etabliert, eine Kultur, die man in den USA als White Trash bezeichnet. Ein bekanntes mediales Format sind die Mittagstalkshows im Fernsehen, in denen Leute kurz davor sind, aufeinander loszugehen, wo sie ihre Dummheit und Prollhaftigkeit offen präsentieren dürfen. Aggro Berlin fand dieses Angebot der Unterhaltungsindustrie fertig vor und konnte sich da reinsetzen, irgendwo zwischen Sangria-Party am Ballermann und »Vera am Mittag«. Vor der Etablierung dieser Formate wäre Bushido nicht denkbar ge­wesen. Zugleich darf nicht übersehen werden: Es sind Formate und Genres, also mediale Angebote für real Deklassierte, Angebote neben vielen anderen, zum Beispiel der Mög­lich­keit, sich in der katholischen Kirche zu engagieren.

Wer hört eigentlich die Musik von Aggro Berlin wirklich?

Zunächst ist Aggro Berlin wirklich ein Berliner Phänomen. Ich wurde schon Mitte der neunziger Jahre gewarnt, in Berlin HipHop aufzulegen, weil es bei den Parties immer wieder zu Schlägereien kam. Das gab es in keiner anderen Stadt. Die große Stunde dieser Mini-Milieus kam mit der Krise des Deutschrap, der Anfang der neunziger Jahre dadurch entstanden ist, dass eher linke Leute plötzlich nur noch Deutsch gelten lassen wollten und dadurch die Jugendlichen aus Emigranten­familien rauskickten und zur Erfindung eines »Türken-Rap« nötigten. Bushi­do & Co. sind auch eine Art späte Rache an den politisch korrekten, linksnationalistischen »Deutsch­rappern mit Abitur«, die vom Goethe-Institut als Kulturbotschafter zu Welttourneen eingeladen werden.

Bushido-Alben verkaufen sich auch in der Provinz bestens.

Für die Besucher von Jugendzentren in der Provinz und Mittelstandskids in Rei­hen­haussiedlungen bedeutet die Rezep­tion von Bushido eher eine prickelnde Grenzüberschreitung hin zu obszönen Worten.

Auf einer Ihrer Diskussionsveranstaltungen in der saarländischen Provinz sagte eine besorgte Mutter, sie wolle nicht zusehen, wie ihr Sohn zu menschenverachtenden Texten tanzt. Sollte die Mutter gelassener reagieren?

Diskussionsveranstaltungen zu dem Thema enden oft damit, dass eine Mutter oder ein Vater auftreten, die ihre Kinder vor »menschenverachtenden Texten« retten wollen. Mir fällt es oft schwer, ihnen nicht zu misstrauen. Die Dramaturgie ist einfach verdächtig. Der herzensgute Junge ohne einen bösen Gedanken wird von bösen Mäch­ten zu menschenverachtenden Tänzen animiert. Dabei weigert sich die Dame, nur eine Sekunde darüber nachzudenken, warum gerade ihr lieber Sohn Lust auf Menschenverachtung hat.

Und warum?

Naja, das wirklich nahe Liegende erwähnt diese Frau nicht: die tägliche Dressur ihres Jungen für eine Konkurrenzgesellschaft, in der der Sieg über die Konkurrenten oder gar der Wunsch nach deren Beseitigung und die Angst, selbst aus dem Weg geräumt zu werden, die Gedanken und Träume beherrscht. Diese Aggressivität wird in der Zivilisation meist schon im vorpolitischen Raum, also kulturell aus­agiert. Ganz vereinfacht gesagt: Es ist reak­tionär, die Ressentiments verbieten zu wollen, mit denen auf die Kluft zwischen Arm und Reich reagiert wird, und zu der Kluft selbst zu schweigen. Was bitte sagt denn diese Mutter dazu, dass in einer flächen­deckend mit Pornos ausgestatteten Gesellschaft ein Skandal entsteht, wenn Janet Jackson für fünf Sekunden ihren Busen zeigt? Da könnte sie sich fragen: Hat diese Heuchelei meinen Sohn zum – affirmativen – Klartext-Fan gemacht, also zum Bushido-Anhänger? Wieso können homophobe, sexistische, frauenfeindliche Rapper überhaupt tausende Jugendliche mobilisieren? Ist das denn nicht eine Folge des Backlashs nach ­libertären Versuchen?

Gibt es antiaufklärerische Entwicklungen in unserer Gesellschaft?

Es passieren hier Dinge parallel, die man nicht sofort versteht: Junge Leute hören Bushido und wollen zugleich in Weiß heiraten. Offensichtlich passt das zusammen. Die repressive Sexuali­tät in Bushido-Texten geht einher mit einem »Ich lass auf Mutter nichts kom­men, heirate in Weiß und geh’ zum Papstbesuch«. Junge Mädchen rufen auf Bushido-Konzerten: »Fick mich, mach mir ein Kind.« Bemerkenswert daran ist ja der zweite Teil, denn den ersten haben schon Groupies der Sixties-Bands gerufen. Jetzt soll’s gleich ein Kind sein. Natürlich ist das auch ein Spiel, aber eines, das zeigt, dass ein erotischer Lebensentwurf nicht im Mittelpunkt steht. Sex wird gleich im Zusammenhang mit Verpflichtungen gesehen. Auch Jungs sollen wissen, dass es nichts umsonst gibt.

Wie lange werden wir es noch mit deutschem »Arschlochrap« zu tun ­haben?

So ein Trend kann sich durchaus zehn Jahre halten. Der Aggro-Erfolg beruht aber auf einem sich überschlagenden Überbietungsmechanismus. Vermutlich wird es Nachrücker geben, die an Bushidos Thron rütteln, wahrscheinlich auch einen Boom an türkischsprachigem Rap.

interview: johannes kloth