Endet mit dem Weitermachen!

klaus sander über Avantgarde, Strategien der Beliebigkeit,
elektronische Musik und das Buch »Vorgemischte Welt«,
das er gemeinsam mit Jan St. Werner geschrieben hat.

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Klaus Sander, geboren 1968, betreibt in Köln den supposé-Verlag, in dem zahlreiche O-Ton-Dokumente von Albert Einstein bis Hubert Fichte und von Albert Hofmann bis Friedrich Kittler auf CD erschienen sind. Gemeinsam mit dem Musiker Jan St. Werner (Mouse on Mars) hat er jetzt ein polemisches Gesprächsbuch über den Kulturbetrieb und seine Mechanismen vorgelegt. Gastkritiker sind u.a. Dietmar Dath, Klaus Theweleit und Oswald Wiener.

Euer Buch ist bisher vor allem als ein Beitrag zur Debatte um elektronische Musik aufgenommen worden. Zielt es wirklich nur darauf, oder ist dieses Feld ein Beispiel für eure generelle Kulturkritik?

Es ist quasi das Fallbeispiel, von dem wir ausgehen und auf das wir immer wieder zurückkommen. Das liegt daran, dass wir über die Musik zusammengefunden haben: In unseren Auseinandersetzungen ging es häufig um die Frage, wie ich dem anderen meine jeweiligen Empfindungsintensitäten, sei es Begeisterung oder Enttäuschung, beim Hören, aber auch beim Machen von Musik nachvollziehbar mitteilen kann.

So ist es zwar ein Gesprächsbuch, gleichzeitig aber auch die Suche, überhaupt miteinander ins Gespräch kommen zu können. Ich glaube schon, dass eine gewisse grundsätzliche Kritik, etwa an Strategien der Beliebigkeit, durchaus auf andere ästhetische Gebiete übertragbar ist, etwa auf die bildende Kunst oder den Literaturbetrieb. Wir machen ja Andeutungen in diese Richtung, auch wenn wir letztlich immer wieder auf den konkreten Fall der zeitgenössischen Populärmusik zurückkommen. Schade natürlich, wenn das Paradigma dann schon für die Aussage gehalten wird.

Sind diese Strategien, die ihr im Buch als »Referenzästhetik« beschreibt, also das Herstellen von Kontexten, eigentlich genuine Popstrategien?

Diese Tradition ist natürlich älter, auch wenn sie sicherlich mit der Postmoderne einen Höchststand erreicht hat. Die Populärkultur hat seit jeher mit Referenzen gespielt, und das Arbeiten damit ist ja beileibe nicht genuin schlecht. Man hat nur gelegentlich den Eindruck, dass es sich inzwischen bis ins Groteske gesteigert hat. Ärgerlich wird es eigentlich erst, wenn die Referenzsetzungen das eigene Nichts zu einem Etwas erheben sollen. Also dass Verweisen auf (in einem bestimmten Kontext) bereits Anerkanntes, eine etablierte Autorität, nicht aus ästhetischen Gründen erfolgt, sondern einzig zwecks Selbstpositionierung und Eigenaufwertung, als bloßes Surrogat der eigenen Auseinandersetzung.

Ein weiterer interessanter Kritikpunkt ist, glaube ich, die Frage nach den »Künstler«-Funktionen, also nach der Arbeit am Lebenslauf. Ist der Künstler da ein Prototyp des neoliberalen Arbeitnehmers und Karrieremanagers?

Nun, es überrascht manchmal schon, wer heute als Künstler gilt oder sich als solcher versteht, aber es gibt natürlich auch unterschiedliche Typen. Es wird ja nicht jeder Künstler als solcher geboren, genauso wenig wie es nur diesen »klassischen« triebgesteuerten Künstlertypus gibt, der aus einer inneren Notwendigkeit, einem Zwang heraus arbeitet: Dieter Roth fällt mir da immer als Erster ein. Aber es gibt natürlich zahllose Beispiele für diese Vollblüter, historische wie gegenwärtige, bekannte wie unbekannte, erfolgreiche wie gescheiterte, die ihre Kunst oder Musik oder Literatur machen, weil sie nicht anders können, ansonsten aus der Welt herausfallen würden, durch Ausschluss oder eigene Hand oder auf welche Art auch immer. Damit ist natürlich noch gar nichts über die ästhetische Qualität ihrer jeweiligen Arbeit ausgesagt. Es kann ja durchaus auch Mist dabei herauskommen. Aber das sind Leute, bei denen sich die Frage nach Strategien gar nicht erst stellt.

Anders ist es bei Künstlern, denen es eher um ästhetisches Wirken aus Erkenntnisgründen geht und die häufig als Avantgarde, also Vorreiter für populäre Tendenzen wirken.

Von Avantgarde sprecht ihr ja auch in eurem Buch. Dieser Begriff ist ja einerseits universell applizierbar geworden, andererseits im eigentlichen Sinne völlig aus dem Diskurs verschwunden.

Ich will mich gar nicht auf feste Begriffe oder etablierte Positionen zurückziehen und beruhigt zurücklehnen. Wie man es nennt, ist eigentlich egal. Wichtig sind ja letztlich nicht Begriffe, sondern Ideen. Und ob man mit ihnen etwas anfangen kann, ob man durch sie auf etwas gestoßen wird, was man so noch nicht gesehen, gehört, erlebt hat. Und das erwarte ich von einem Künstler einfach immer noch. Kunst als Erkenntnismittel ist, glaube ich, ein Ansatz, den man nicht einfach ad acta legen kann, ob man das nun Avantgarde nennt oder nicht.

Nun geht Oswald Wiener in euren Gesprächen noch sehr viel weiter, wenn er Begriffe wie »Elite« nicht im Sinne einer Geld- und Leistungs­elite, sondern im Sinne geistiger Elite ins Spiel bringt. Kann man davon wirklich sinnvoll sprechen?

Die Gespräche liegen nun einige Jahre zurück, als diese ganze elende Elitediskussion noch nicht geführt wurde. Das ist eben das Problematische an diesem Begriff, viel mehr noch als bei »Avantgarde«, dass er derart in alle Richtungen vorbelastet ist, besonders natürlich durch seine nationalpolitischen Konnotationen und weil ihm ein inhärenter Vorwurf der Überheblichkeit und Besserwisserei anhaftet. Aber darum geht es Oswald eben nicht. Ihm geht es ja nicht um eine Machtelite, sondern um eine Elite des besseren Verständnisses. Also keine Alpha-Einheit, sondern eine äußerst heterogene Gruppe von Personen, in der sich die unterschied­lichsten Talente finden und die miteinander in wechselseitigem Austausch stehen. Ein sinnvolles Sprechen davon kann es sicherlich geben, eine Realisierung scheint eher unwahrscheinlich.

Tatsächlich ist es ja nicht nur so, dass es kaum Kriterien gibt, was denn nun Kunst, Musik, Literatur sein kann, sondern der Gebrauch dieser Begriffe ist absolut inflationär geworden. Wer etwas in die Welt setzt, ist Künstler. Auch der DJ ist natürlich ein Künstler, der Kurator sowieso.

Ja, das Künstlerdasein scheint immer noch reizvoll und erstrebenswert zu sein. Aber diese Verschiebungen und Umwertungen sind schon merkwürdig: Journalisten verstehen sich als Schriftsteller, DJs als Musiker, Musiker als Künstler, Sammler und Kuratoren als eine Art Metakünstler, die ihre Werke – eben die Künstler – darbieten. Gerade bei Massenkunstschauen wie der Documenta ist das ja offenkundig, aber auch bei kleineren Gruppenausstellungen sieht man zunehmend, dass auf dem Plakat die teilnehmenden Künstler nicht mehr aufgeführt werden, sondern nur noch der ­Ausstellungstitel und darunter oder darüber der Name des Kurators.

Nun gibt es bei euch den Versuch, dem eine Begriffswiederherstellung, einen Begriffstrotz entgegenzusetzen, z.B. durch Urteile der Art: »Das ist für mich keine Musik!«

Bei so viel Aufgewärmtem und Wiedergekäutem muss man halt gelegent­lich mal aufstoßen. Aber es stimmt schon: In der teilweise emphatischen Erregung der Wech­sel­rede ist man mit solchen Pauschal­ur­teilen natürlich manchesmal schnell bei der Hand. Darin besteht eine Eigenart des Buchs, die man als Reiz oder auch als Schwä­che auslegen kann. Die Gespräche dokumentieren ja einen Prozess, eine Suche, ein Kreisen, auch teilweises Nicht-Wei­terkommen, und natürlich macht man sich damit auch angreifbar, aber wir wollten ja keine kulturtheoretische Abhandlung verfassen. Die stellenweise artikulierte Unzufriedenheit rührt daher, dass einem häufig und mit der Geste der Selbstverstän­dlichkeit Dinge als Literatur, Kunst, Musik dargeboten werden, bei denen ganz offenkundig keine Auseinandersetzung stattgefunden hat, was daran eigentlich Literatur, Kunst, Musik ist und worin der ästhetische Nutzen oder Mehrwert bestehen könnte, abgesehen davon, den Betrieb am Laufen zu halten. Diese Auseinandersetzung – mit den Produktionsbedingungen, der Geschichte usw. – muss auch von dem geleistet werden, der sich damit beschäftigt.

Euer Buch richtet sich stark gegen Musikkritik, wobei Klaus Theweleit in eurem Gespräch Kunst-, Film- und Literaturkritik aus dieser Schelte ausnimmt. Funk­tionieren die wirklich besser, gibt es da andere Kriterien als bei der Musikkritik?

Ich glaube nicht, dass es in anderen Be­reichen wirklich besser funktioniert. Letzten Endes hängt es wie in vielen anderen Bereichen auch an Ein­zelpersonen, die einen eigenen Zugang, eigene Begrifflichkeiten entwickeln und in nachvollziehbarer Weise über ihren Gegenstand schreiben. Was ich vermisse, ist eine gewisse Kontinuität, die eine einigermaßen verlässliche Orientierung ermöglicht, die Rückführbarkeit eines Kritikers auf seine Worte aus dem Vormonat. Natürlich können die angelegten Maßstäbe wech­seln oder sich verändern, aber nicht nach irgendwelchen Moden im wöchentlichen Rhythmus springen. Von mir aus kann eine solche Kritik auch radikal subjektiv sein, sie muss nur klar machen, was ihre Voraussetzungen sind. Von den großen Feuilletons bis hin zu Musikfanzines habe ich oft den Eindruck, dass eher ein krampfhaftes adressiertes Schreiben stattfindet. Eine Schallplatte, ein Buch, ein Film wird nicht besprochen, weil etwas einen so begeistert oder erschüttert hat, sondern weil man es »muss«, um sich selbst vor den Feuille­ton­kollegen der Konkurrenzblätter zu positionieren.

Euer Buch endet mit dem Wort »weitermachen«. Aber wie?

Natürlich weitermachen. Wie, muss glücklicherweise jeder für sich selbst herausfinden. Wir sind ja keine Beratungsstelle. Letztlich sind die im Buch dokumentierten Gespräche der Versuch, für mich selbst zu einer Antwort auf genau diese Frage zu kommen: Aber wie? Wie kann man weitermachen – mit anderen oder letztlich doch nur allein?

Oswald Wiener spricht da nicht nur von »Verweigerung« (auch ökono­mischer Verweigerung), sondern beschwört fast ein klassisches Modell der Gegenöffentlichkeit mit Künstlern, die sich »dem Betrieb entziehen«.

Ein Modell soll es wohl nicht sein, aber ich mag auch nicht recht daran glauben. Und Verweigerung: Das ist generell die Frage. Wie geht man um mit dem, was im Kulturbetrieb passiert? Nimmt man Stellung, setzt man sich damit auseinander oder zieht man sich zurück? Nimmt man kritisch teil, sucht nach Gegenpositionen, oder ver­weigert man sich und konzen­triert sich auf anderes? Aber dann landet man natürlich schnell im Elfenbeinturm. Und da sind die Nebenwirkungen dann zwar andere, aber eben auch vorhanden.

Ein Ausgangspunkt dieser Gespräche und ein Grund für den polemischen, manchmal überzogenen Ton darin, ist eine häufig ganz körperlich, als Behinderung empfundene Unzufriedenheit, mit dem, was passiert. Es geht also nicht so sehr darum, Schelte zu betreiben, etwas abzuurteilen oder sich lustig zu machen, sondern für sich selbst einen Weg zu finden, damit umzugehen. Rück­zug, Verweigerung, Ignoranz, Gelassen­heit – das sind Modelle, die man da durch­spielen kann.

interview:

jan-frederik bandel