Es ist nicht nur unter Linken Konsens, dass die Welt schlecht ist und immer schlechter wird. Und wer sich die Fernsehnachrichten anschaut, ob bei der ARD, bei CNN oder bei al-Jazeera, wird kaum auf die Idee kommen, dass die Welt friedlicher wird. Wird sie aber doch, behauptet der Human Security Report 2005. Die von der University of British Columbia veröffentlichte Studie stellt unter anderem fest, dass die Zahl der zwischenstaatlichen Kriege, der Umsatz des Waffenhandels und die Zahl der Flüchtlinge seit Anfang der neunziger Jahre stark gesunken sind.
Timothy Noah sprach im Online-Magazin Slate sogar von einer »Friedensepidemie«. Denn »sogar seit dem Beginn des Irak-Krieges wurde die Welt weniger von Konflikten geplagt. Hallelujah!« Es mangelt jedoch auch nicht an Zweiflern und Kritikern, die dem Bericht methodische Mängel und eine selektive Sichtweise vorwerfen. So sterben die meisten Menschen an den indirekten Folgen eines Krieges wie Hunger und Krankheiten, und den vier Millionen Opfern des Kongo-Konflikts nützte es nichts, dass weniger Kampfflugzeuge und U-Boote verkauft wurden.
»Lasst die Champagnerkorken noch nicht knallen«, fordert Fred Kaplan. Was sich geändert habe, sei allein »die Art der Kriegführung«. Die Zahl zwischenstaatlicher Kriege sei immer gering gewesen, und wenn die Zahl »bewaffneter Konflikte« von 50 auf 30 gesunken ist, habe die Welt damit den Stand des Jahres 1976 erreicht: »Ich kann mich an niemanden erinnern, der diese Epoche als besonders ruhig betrachtet hätte.« Vielmehr war die Zahl der Bügerkriege in dieser Zeit »höher als in jeder vorherigen Epoche«, und der Rückgang zwischenstaatlicher Kriege sei vielleicht nur ein »Wellental«.
Doch Timothy Noah hält an der These von der »Friedensepidemie« fest. Er räumt allerdings ein: »Normalerweise verbreiten sich Epidemien und gehen dann wieder zurück.« Auch er sieht »keine Garantie, dass wir am Anfang einer friedlichen Epoche stehen«, wohl aber »einen Trend zu weniger Kriegen«. Möglicherweise handele es sich nur um ein »Wellental«, doch »was für den einen ein Wellental ist, ist für den anderen eine Epoche«.
jörn schulz