15.02.2006

Der Schwindel geht weiter

platte buch

Wie in jedem Jahr marschierten am vergangenen Samstag tausende Neonazis in Dresden auf, um der Opfer des »alliierten Bombenterrors« zu »gedenken«, gefolgt von einer bürgerlichen Gedenkveranstaltung am Montag. Wie Dresden zum Leitbild deutscher Opferrhetorik wurde, kann man in einem frisch erschienenen Buch von Gunnar Schubert nachlesen. Gut zusammengefasst und mit einem leicht polemischen Unterton versehen, präsentiert er die Lügen und Unwahrheiten, die im Zusammenhang mit der Bombardierung der Stadt durch britische Flieger am 13. Februar 1945 von Neonazis ebenso wie der bürgerlichen Mitte beharrlich vorgebracht werden, um Deutschland endlich, endlich zum Opfer des Weltkriegs werden zu lassen.

Die Lüge von der angeblich »unschuldigen Stadt«, die immerhin die größte Dichte an NSDAP-Mitgliedern Deutschlands vorzuweisen hatte, wird ebenso entlarvt wie die von der angeblichen militärischen Nutzlosigkeit des Bombardements. Den Mythos von den Tieffliegern, vom Phosphor-Angriff, von der angeblichen »Kunst- und Kulturstadt« und die übertriebenen Totenzahlen kennzeichnet Schubert treffend als großen »Dres­den-Schwindel«.

Leider betreibt er den Schwindel selbst weiter. So lesenswert die Chronik der Mythologisierung Dresdens nach 1990 ist, so verharmlosend und geradezu beschönigend ist es, wie Schubert die Rolle der DDR beschreibt, oder besser: nicht beschreibt. Aus Furcht, einer Totalitarismus-Argumentation zuzuarbeiten, fehlt das Kapitel darüber, wie DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl erklärte, das »unsinnige Verbrechen« habe nur das Vordringen der Roten Armee erschweren sollen, wie sich im gesellschaftlichen Diskurs der DDR die Rede vom »anglo­amerikanischen Bombenterror« verfestigte, wie die Befreier Deutschlands in gute Sowjets und böse Imperialisten dividiert wurden, wie Walter Ulbricht den Morgen­thau-Plan als »satanischen Irrsinn« der »imperialistischen Westmächte« bezeichnete. Und so bestätigt sich am Ende leider der Reihentitel, den der konkret-Verlag wählte: »Pro­pa­gan­da«.

ivo bozic

Gunnar Schubert, »Die kollektive Unschuld«, konkret-Verlag 2006, 168 S., 13.50 Euro