15.02.2006

Home Story

Während die einen den Dialog der Kulturen pflegen und sich beim Berliner Karneval der Kulturen jedes Jahr in den Armen liegen, reicht’s hier in der Jungle World nur alle paar Wochen zu einem Arbeitsessen der Kulturen. Um unser wertvolles Produkt zu verbessern, treffen wir uns zu Hause bei einer Redakteurin oder bei einem Redakteur, um Ideen zu sammeln, unseren Spinnereien freien Lauf zu lassen und jenseits des Redaktionsalltags bei einem leckeren Abendessen alles noch einmal von vorne zu besprechen.

In der vorigen Woche fand das Treffen tief im sunnitischen Dreieck statt, in jenem Kreuzberger Kiez zwischen dem Kottbusser Tor, dem Görlitzer Bahnhof und dem Hermannplatz. Und zwar bei unserem Kollegen, dessen Eltern aus der Türkei stammen. Wir waren jedoch ziemlich überrascht, als er uns ankündigte, welche Leckereien er uns servieren wolle. »Es gibt Handkäs mit Mussig und dazu Äbbelwoi«, verriet er uns am Vortag. Doch dagegen regte sich Protest. Hatte man uns nicht beigebracht, dass man respektvoll und tolerant mit fremden Kulturen umzugehen habe? Freilich wussten wir, dass er im Südhessischen aufgewachsen ist, aber wir hatten uns tief im Inneren selbstverständlich auf ein üppiges türkisches Mahl mit Fleischbällchen, Teigtaschen und Raki eingestellt.

Es kostete uns einiges an Überzeugungskraft, unsere Vorstellungen von Toleranz durchzusetzen. Das Abendessen wurde ein multikulturelles Fest, wie wir es uns vorgestellt hatten. Und das, obwohl es keinen Raki gab, sondern Whiskey der Marke Bushmills und Südtiroler Himbeerschnaps. Die Teigtaschen waren mit dänischem Käse gefüllt, der in einem türkischen Supermarkt gekauft worden war. Nur unser Gastgeber war nicht ganz zufrieden. Er hasst es, wenn wir seine Kultur achten. Außerdem vermisste er seinen Handkäs und den Äbbelwoi.

Der bayerische Kollege, der als nächster zur außergewöhnlichen Sitzung einladen will, hat es da leichter. Seine Herkunft wird sowieso nicht ernst genommen, allenfalls muss er sich der Schmähungen seines Hamburger Kollegen erwehren. Spätestens aber, wenn in vier Wochen in einer dunklen Hinterhauswohnung in Prenzlauer Berg Schweinebraten mit Knödeln für zehn Personen auf dem Tisch steht und dazu Tegernseer Helles gereicht wird, dürfte die Kritik an Bayern auch in der Jungle World verstummen. Der Dialog der Kulturen geht weiter.