Seit dem Karikaturenstreit zeigen auch viele Deutsche eine erhöhte Sensibilität, wenn jemand ihre Werte in Frage stellt. Vor allem Ausländer, die zu Gast bei Freunden sein wollen, sind zur Zurückhaltung aufgerufen. Wenn die Bundesregierung aus purer Höflichkeit den UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung zu einem Besuch einlädt, bedeutet das schließlich noch lange nicht, dass er wirklich kommen oder sich gar berechtigt fühlen soll, Kritik zu üben.
Vernor Muñoz Villalobos flegelhaftes Benehmen begann mit seinem Reiseplan. Er flog aus Afrika nach Deutschland. Afrika! Dadurch konnte »der Eindruck entstehen, Deutschland stehe nach Pisa auf einer Stufe mit Ländern wie Botswana«, analysiert die Märkische Allgemeine. Also, Herr Villalobos, die erste Lektion: Achten Sie die kulturelle Identität der Deutschen, die nichts gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe haben, solange die wissen, wo ihr Platz ist. Nämlich keinesfalls auf einer Stufe mit den Deutschen. Besuchen Sie nächstes Mal vorher Japan oder wenigstens die USA.
Aber es kommt noch schlimmer. Obwohl der »UN-Sheriff« die »Schmuckstücke des deutschen Bildungswesens zu sehen« bekam, fiel seine Bilanz »überraschend negativ« aus, stellt die Märkische Allgemeine fest. Villalobos meint, dass die Kinder »zu früh auf verschiedene Schultypen« verteilt werden. Die FAZ konstatiert, dass diese »erwartete Kritik«, geäußert »nach einer oberflächlichen Stippvisite«, ein »anmaßendes Urteil« ist. Denn »was Deutschlands Bildungspolitik am wenigsten gebrauchen kann, sind sinnlose Strukturdebatten«. Das ist die zweite Lektion: Sie befinden sich im Land der Dichter und Denker. Statt über so banale Dinge wie Strukturen und wissenschaftliche Studien zu reden, zitieren Sie lieber mal Goethe.
Und es gibt noch eine dritte Lektion: Berücksichtigen Sie die tribalistische Struktur Deutschlands, die hierzulande als Föderalismus bezeichnet wird. Gehen Sie verständnisvoll auf die Sorgen und kulturellen Vorlieben jedes Stammes ein. Sonst behaupten die Häuptlinge, es ginge gar nicht um sie. »Mit seiner pauschalen Kritik«, glaubt nämlich der CSU-Bildungspolitiker Gerhard Waschle, könne Villalobos »nicht Bayern gemeint haben«.
jörn schulz