Wenn eine US-amerikanische Bombe die goldene Kuppel zerstört hätte, wären die Reaktionen in der islamischen Welt wohl heftiger ausgefallen. Doch da wahrscheinlich sunnitische Extremisten der al-Qaida den Anschlag auf den al-Askari-Schrein in Samarra zu verantworten haben, protestierten vor allem irakische Schiiten gegen die Zerstörung des Heiligtums.
Es kam auch zu Rachefeldzügen, bei denen mehr als 170 Menschen getötet wurden. Als Ayatollah Ali al-Sistani, der einflussreichste schiitische Geistliche, aber auch der extremistische Milizenführer Muqtada al-Sadr zum Gewaltverzicht aufriefen, in Bagdad eine Ausgangssperre verhängt und die Truppenpräsenz verstärkt wurde, ließen die Kämpfe am Wochenende nach.
Doch auch wenn es gelingt, eine Eskalation zu vermeiden, wird der Konflikt die Warlordisierung fördern. Viele Polizei- und Armeeeinheiten werden von schiitischen Milizionären dominiert. Sie haben häufig spät oder gar nicht eingegriffen, wenn sunnitische Moscheen und Wohngebiete angegriffen wurden. Nun drohen auch sunnitische Gruppen, die keine Sympathien für den bewaffneten »Widerstand« haben, eigene Milizen zu bilden. Für schiitische Politiker wiederum sind die Anschläge auf Zivilisten und Moscheen eine Rechtfertigung, ihren Zugriff auf Ministerien und Streitkräfte nicht zu lockern.
jörn schulz