01.03.2006

Zwischen den Orten

platte buch

Die Graphic Novel »Blankets« von dem jungen US-amerikanischen Zeichner und Autor Craig Thompson war ­einer der größten Comic-Erfolge der letzten Jahre. Das Buch wurde überhäuft mit Preisen und verkaufte sich unglaub­lich gut. Zu Recht, denn in ihm wird auf beinahe 600 Seiten so behutsam und feinfühlig eine wunderschöne autobiografische Coming-of-Age- und Liebes­geschich­te erzählt, wie man sie nur ganz selten findet.

»Tagebuch einer Reise«, das neue Buch des Autors, ist eine Art Nachhall auf »Blankets«, ein, wie er es selbst nennt, »ungeplantes Nebenprojekt«. Dabei ist es weit mehr als nur ein »simples Reisetagebuch«, wie Thompson behauptet, es ist vielmehr eine feine Mischung aus Comicerzählung, Sketchbook und bebildertem Tagebuch. Und es lebt erneut davon, dass hier ein Autor bereit ist, sich auszuliefern und zu offenbaren.

Schon bei »Blankets« wirkte es geradezu verstörend, dass Thompson nie auf Distanz bedacht ist, sondern fast manisch für seine Gefühle Bilder und Worte sucht, die ohne jede Abgeklärtheit auskommen. Wenn er Liebeskummer darstellen möchte, dann fliegen bei ihm die Herbstblätter von den Bäumen, und dennoch, und das ist fast schon ein Wunder, verfängt er sich niemals im Kitsch.

Er beschreibt nun in seinem Tagebuch eine Art Flucht vor dem Erfolg von »Blankets« und erzählt, was diese plötzliche Popularität nun für sein neues Leben bedeutet. Er ist eigentlich immer noch der staunende Junge mit dem Background einer christlichen Erziehung, aber auch schon der neue Star der Comicwelt. So konfus und gleichzeitig geordnet wie sein neues Buch sind auch seine Gefühle. Thompson ruht in sich, wird aber ständig von Selbstzweifeln und überflüssigerweise auch noch von Liebeskummer zerrissen.

Manchmal fällt es einem schwer, das mitansehen zu müssen, man erkennt sich darin viel zu deutlich wieder.

andreas hartmann

Craig Thompson: Tagebuch einer Reise. Reprodukt, Berlin 2005, 16 Euro