Die Frau von heute ist in erster Linie schreibfaul. Kaum eine Freundin führt noch ein Tagebuch oder schreibt regelmäßig Urlaubspostkarten, von den auf der ganzen Welt bestehenden Brieffreundschaften – in meinem Fall einst zwanzig an der Zahl – ganz zu schweigen. Eine kurze E-Mail, ein flüchtiger Satz im Chat, den Rest klärt man persönlich oder am Telefon. Im Briefkasten liegen Rechnungen, Werbung und Probeabos, ansonsten herrscht gähnende Leere. Nur in einem Fall wird die Regel, nicht mehr zu schreiben, noch durchbrochen: dem Abschiedsbrief. Wenn einen der Liebste verlässt, wenn das Herz vor Kummer und gekränkter Eitelkeit zerspringen will, oder wenn man selbst nicht mehr weiß, wie man es ihm sagen soll, dass man einst wollte, aber nun eben nicht mehr, ja, dann, aber wirklich nur dann, greift das weibliche Geschlecht noch zur Feder oder wenigstens zum Kugelschreiber.
Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat sich die Mühe gemacht, diese schriftlichen Zeugnisse des Liebesleids und des Liebesfrusts zu sammeln und in einem wirklich hübsch aufgemachten Buch herauszugeben. »›Und ich dachte, es sei Liebe‹ – Abschiedsbriefe von Frauen« beinhaltet neben den Briefen meist bereits verstorbener prominenter Frauen – Marlene Dietrich etwa oder Sylvia Plath – auch die Zeilen weniger berühmter Zeitgenossinnen. Miriam L. schreibt da an X oder Dietlinde R. an G. Ergänzt werden die Briefe (in seltenen Fällen auch Mails) mit biografischen Hinweisen zu den Autorinnen, zum Entstehungskontext sowie mit Liebes- und Lebensweisheiten von Frau Berg selbst. Die Message, die das gesamte Buch durchzieht, ist »das Erstaunen darüber, wie schwierig es ist, jemandem zu trauen, wie unmöglich es mithin scheint, sich mit jemandem zu verständigen, der einen Zentimeter neben einem liegt. Das hat sich nicht geändert.« Sprich, jedes Töpfchen sucht sein Deckelchen, damals wie heute, und manchmal findet man es auch, und warum so oft nicht, das liest man nun in diesem Buch.
Es kommen auf gut zweihundert Seiten viele Stimmen zu Wort, die ein durchaus differenziertes Bild von dem Thema Frauen und Liebe, oder vielleicht besser formuliert: Frauen und Beziehungen, geben. Eine Frau mittleren Alters erträgt den neuesten Gesundheitsfetisch ihres Ehemanns nicht und überlegt sich, sich zu trennen. Agnes von Kurowsky urteilt hart, dass es »doch eher die Gefühle einer Mutter als die einer liebenden Frau sind«, die dazu führen, dass sie sich dem jungen Ernest Hemingway verbunden fühle, und Esther B. schickt eine Kopie ihres Abschiedsbriefs auch an die Polizei mit dem Kommentar: »Einige deiner Drohungen zwingen mich dazu.« Historische Leckerbissen sind die Zeugnisse von Anne Boleyn an Heinrich VIII »aus meinem trübseligen Gefängnis im Tower«, verfasst kurz vor ihrer Enthauptung, und die tragische Mittelalterromanze zwischen Héloïse und Pierre Abélard, der wegen seiner Beziehung tatsächlich kastriert wurde.
Nicht alle Frauen sind Opfer. Oft sind sie uneinsichtig, manchmal auch klettenhaft und männerfixiert und teilweise sogar richtig gemein. Etwa wenn es in der Abfuhr, die Simone Meiser ihrer Jugendliebe erteilt, heißt: »Mein Herz kennt seine Antwort. Sie ist hart und kurz. Sie heißt: NEIN.« Doch so banal diese Aussage vielleicht ist, hier handelt es sich um ein Buch, bei dem schätzungsweise 99,9 Prozent aller Frauen wirklich mitfühlen können: »Scheiße, so was könnte leider auch von mir stammen« oder »Warum bitte stehen so viele Frauen auf Arschlöcher, unter anderem auch ich?« Derartige manchmal auch unangenehme Einsichten blieben auch der viele Trennungen hinter sich habenden und oft verlassenen Verfasserin dieses Textes nicht erspart. Etwas gewöhnungsbedürftig sind dagegen leider die Tipps der Herausgeberin. Ginge es nach ihr, ist man von Geburt bis zum Tod 24 Stunden am Tag nur mit der Suche nach Ihm und in seltenen Fällen auch nach Ihr beschäftigt. Das Ziel einer jeden Frau ist einzig und allein: eine erfüllte romantische Zweierbeziehung. Auch wenn das vielleicht in den meisten Lebenslagen zutreffen mag, irgendwann nervt diese Konzentration auf die Liebe als Sinnstifterin einfach. Vor allem, wenn sie in so esoterische wie kitschige Sätze wie diesen verpackt ist: »Eigentlich wollen wir zurück zu der Zeit, als wir eins mit der Mutter waren. Bedingungslosigkeit wollen wir, danach suchen wir und werden immer enttäuscht werden. Denn so ist es nie.« Da waren Sie auch schon mal angriffslustiger, Frau Berg!
Zum Schluss eine Antwort auf die Frage, ob Männer dieses Buch lesen sollten, die sicher nicht leicht fällt: Auf jeden Fall, wenn sie zu jener seltenen Spezies gehören, die auch gerne »Sex and the City« gucken und heimlich beim Friseur Gala lesen. Wenn es sich lediglich um die Typen handelt, die Frauen besser verstehen wollen, sei gesagt, dass sie es einfach ausprobieren sollen und nicht alles Geschriebene für bare Münze nehmen müssen. An alle Hosenscheißer und Macker der Nation geht der Ratschlag von Else Buschheuer: »Friss es, du Bestie. Verreck dran!«
Sibylle Berg: Und ich dachte, es sei Liebe – Abschiedsbriefe von Frauen. DVA, München 2006, 223 S., 17,90 Euro