29.03.2006

Am sozialen Lagerfeuer

in die presse

Frieren Sie? Jagt Ihnen ein Phänomen Schauer über den Rücken, das man in Deutschland gern als »soziale Kälte« bezeichnet? Dann kann Ihnen vielleicht Abu Bakr Rieger helfen. Der zum Islam konvertierte Rechtsanwalt ist der Herausgeber der Islamischen Zeitung aus Berlin. Auf seiner persönlichen Homepage macht er sich ganz eigene Gedanken zum Zeitgeschehen.

Was ihn besonders umtreibt, beschreibt er in einem aktuellen Aufsatz mit dem Titel »Biopolitik und Leitkultur«: »Die Globalisierung, die Türen öffnen sollte, hat sie für viele verschlossen. Globalisierung verschärft die Konkurrenz, stellt die Interessen transnationaler Konzerne über alles, kümmert sich nicht um Menschen und Bürgerrechte.« Rieger kann aber mehr, als aus Broschüren von Attac abzuschreiben. Er kann auch schlussfolgern. So sei »die eigentliche, zeitgemäße Herausforderung Europas nicht der Islam«, sondern es seien »die Auswirkungen des entfesselten Kapitalismus«.

Doch damit nicht genug: Im Kampf gegen den »Kapitalismus als ungezügeltes Gesellschaftsmodell« komme dem Islam eine besondere Rolle zu. Denn er habe »eine sinnvolle ökonomische Botschaft« und sei in der Lage, »soziale Lagerfeuer jenseits der bankrotten sozialen Strukturen moderner Staaten zu unterhalten«. Riegers Religion ist jedoch mehr als ein kuscheliges Pfadfindertreffen. Sein Islam ist ein Hort der Freiheit: »In Zeiten, wo der Staat schon aus Sicherheitsgründen eine strukturelle Totalität anstreben muss, provoziert das Phänomen Islam gerade dadurch, dass der Islam sich der völligen Strukturierung entzieht und seinen Gemeinschaften so ein Minimum von Freiheit und Unabhängigkeit bewahrt. Zwischenmenschliche Solidarität ist das eigentliche Kulturgut dieser islamischen Gemeinschaften.«

Nachdem Oskar Lafontaine den Islam bereits als sozialistische Bruderideologie entdeckt hat, sind Abu Bakr Riegers Gedanken natürlich nicht mehr ganz neu. Doch einer derartigen Melange aus postmodernem Jargon und globalisierungskritischem Betroffenheitskitsch hat sich noch niemand bedient, um die Botschaft eines Islam zu predigen, in dem Friede, Freude und Sharia herrschen.

markus ströhlein