»Das war Widerstand«
Apollonia (Lonki) Schellander (geb. 1919) und Ana Zablatnik (geb. 1923) waren noch sehr jung, als im April 1942 aus der Gemeinde Ludmannsdorf/Bilcovs slowenische Familien deportiert wurden. Insgesamt wurden über 1 300 Personen aus Kärnten vertrieben. Slowenisch zu sprechen, war bereits seit 1938 überwiegend verboten. Nach den Deportationen verbreitete sich in nahezu allen von slowenischer Bevölkerung bewohnten Gebieten Kärntens schrittweise der Widerstand der Partisaninnen und Partisanen, der teilweise auch von deutschsprachigen Kärntnerinnen und Kärntnern unterstützt wurde. Die Partisanen banden in Kärnten über einen langen Zeitraum 10 000 deutsche Soldaten und führten 600 bewaffnete Aktionen durch. Auf Seiten der Partisanen waren dabei 1 080 Tote, 710 Verletzte und 317 Gefangene und Vermisste zu beklagen. Kärnten war der einzige Teil des Deutschen Reichs, wo Teile der Bevölkerung über drei Jahre im Widerstand ausharrten.
Ab 1943 bildete sich auch in der Umgebung von Ludmannsdorf die Widerstandsbewegung der slowenischen Befreiungsfront (Osvobodilna fronta), der sich auch Lonki Schellander und Ana Zablatnik anschlossen. Am 6. Mai 1944 wurden beide zusammen mit etwa 20 weiteren Bewohnern verhaftet und ins Gestapo-Gefängnis in Klagenfurt eingeliefert. Danach warteten die beiden im Landesgericht auf den Prozess, zu dem es zum Glück nicht mehr kommen sollte. Beide wurden in den letzten Kriegstagen freigelassen. Fast gleichzeitig besetzten die Partisanen und die britische Armee am 8. Mai 1945 Klagenfurt. Es folgen Auszüge eines Gesprächs, das im August 2005 in Ludmannsdorf stattfand.
Nach den Vertreibungen 1942 haben sich in Kärnten die ersten Partisanengruppen gebildet. Ihr habt euch ebenfalls der Befreiungsfront angeschlossen. Wie hat das angefangen, wie hat dieser aktive Widerstand ausgesehen?
Zablatnik: Es war nicht so leicht für die Partisanen hier, denn bei uns gibt es ja kein Gebirge als Rückzugsgebiet wie etwa die Karawanken. Unsere Wälder konnte die SS problemlos durchstreifen und kontrollieren, ob da nicht irgendwo Partisanen oder Bunker versteckt sind. Der Widerstand hat sich aber trotzdem auch bei uns gebildet. Die erste Begegnung mit den Partisanen hatten wir in einem Schweinestall. Das war Mitte Januar 1944. Wir bekamen eine Nachricht über den Treffpunkt und sind dort hingekommen. So haben wir auch unsere Aufträge erhalten, wie zum Beispiel Geld, Essen und Kleider zu sammeln. Wir sollten auch Leute ansprechen, damit sie uns helfen und die Partisanen unterstützen. Kurierdienste waren auch sehr wichtig. Das haben wir dann nach Möglichkeit gemacht.
Was waren eure Hoffnungen und Erwartungen, wie es nach der Befreiung weitergeht, nach eurer Rückkehr aus dem Gefängnis in die heimische Ortschaft?
Schellander: Als wir nach der Haft wieder heimgekommen sind, da haben wir gehofft, dass es hier nun anders aussehen würde, die Situation sich geändert hätte, aber alle haben uns schief angeschaut. Wir waren für viele immer noch die Verräter. Nichts war anders geworden! Und die Nazis gibt es heute noch, nach so vielen Jahren! Man muss fast sagen: Der gleiche Kampf wie damals tobt heute noch. Es gibt diesen Hass gegen das Slowenische, gegen die slowenische Sprache.
Zablatnik: Das war schon arg, diese Zeit. Nach dem Krieg haben wir zum Beispiel einen Opferausweis bekommen, und da hat ein Gendarm zu mir gesagt: »Schämst dich nicht, dass du bei diesen Banditen warst?« Ich hab’ gesagt: »Ich schäm’ mich nicht, die Buben waren ja fort! Wer hätte denn helfen sollen? Die, die daheim waren, und das waren wir Frauen!«
Wie ging es dann nach der Befreiung weiter in Kärnten? Welche politischen und sozialen Konflikte habt ihr danach erlebt?
Zablatnik: Die Konflikte gingen sofort los. Am 15. April 1946 sollte eine Gedenkfeier zum vierten Jahrestag der Vertreibung stattfinden. Es gab verschiedene Reden, und es wurde gesungen. Im Anschluss da-ran sollte ein Schweigemarsch durch die Stadt gehen. Wir sind gemeinsam die Straße entlang gegangen, durch die Stadt, und plötzlich stehen da viele Polizei- und Feuerwehrautos, die die Straße blockieren. Wir dachten uns, ja was wird denn jetzt sein? Einige haben gesagt: »Wir lassen uns nicht zurückhalten! Wir gehen! Wir lassen uns das nicht verbieten!« Es war ein Schweigemarsch, und wir sind ganz ruhig marschiert, aber plötzlich sind Polizisten und andere auf diese Autos hinaufgesprungen und haben »Wasser frei!« gerufen. Auf einmal haben sie uns alle nass gespritzt! Sie wollten uns nicht weitergehen lassen. Es war eine Gegendemonstration gegen uns Slowenen, inklusive Polizei und Feuerwehr! Alle haben mitgemacht und dabei gelacht. Es tut mir das Herz weh, wenn ich heute daran zurückdenke. Noch heute kämpfen wir darum, ein Slowene sein zu dürfen. Ist es etwa eine Schande, wenn man ein Slowene ist? Das kann ja keine Schande sein, oder? Und doch schämen sich hier bei uns noch immer viele dafür! Es sprechen immer weniger Leute slowenisch.
Im Jahr 1972 war dann der »Ortstafelsturm«, bei dem die zuvor aufgestellten zweisprachigen Ortstafeln zerstört wurden. An diesem Tag war ich zu Hause, und auf einmal höre ich Autos. Ich weiß nicht, wie viele, aber es waren bestimmt über 100, die hier herum und durch die Ortschaften gefahren sind. Alle hatten die Fenster heruntergekurbelt und haben herausgebrüllt und sie hielten Österreich-Fahnen aus den Autofenstern. Das war ein Gefühl, wie damals, als Hitler einmarschiert ist.
Bei welchen Situationen im Alltag erinnern Sie sich an die Repression gegen Slowenen und den Widerstand dagegen?
Zablatnik: Da gibt es viele. Viele der Menschen, die nach dem Krieg noch Slowenen waren, sprechen heute kein Slowenisch mehr und bekennen sich auch nicht mehr zu ihrer Sprache. Das ist sehr traurig.
Schellander: Nach diesem Druck auf die slowenische Sprache haben sich viele entschieden, darauf zu verzichten. Auch deswegen, damit die Kinder das nicht mitmachen müssen, was wir durchgemacht haben. Früher war ja alles slowenisch hier und heute spricht alles deutsch.
Zablatnik: Bei uns hat man ja immer gesagt: »Das ist ja schiach (etwa: hässlich)! Slowenisch ist schiach! Windisch ist schiach!« Wir können ja auch nichts dafür, dass wir als Slowenen geboren wurden! Wer kann denn da was für? Ich verstehe ja die Menschheit nicht, warum man gegen eine Sprache so einen Hass haben kann. Da sind die Deutschnationalen schuld daran. Das ist ein Teil von unserer Geschichte. Der Slowene war für die nichts wert!
Schellander: Am Arbeitsplatz durfte man auch nicht slowenisch reden. Als Slowene war man immer minderwertig und hat keine Arbeit bekommen.
Die antifaschistische Widerstandsbewegung der Partisanen war ein Hauptgrund, warum Österreich in der Moskauer Deklaration als erstes Opfer des Hitlerregimes erwähnt wird und somit den Staatsvertrag erhielt. Welche Rolle spielt eurer Meinung nach der slowenische Widerstand im Verständnis der österreichischen Bevölkerung?
Schellander: Uns gegenüber wurde oft gesagt: »Die Partisanen haben nichts Gutes gemacht, sondern nur Unheil gebracht!« Aber in Wirklichkeit war der Widerstand der Partisanen wichtig. Einmal hat es geheißen, dass der ganze Turiawald voll sei mit Partisanen. Dabei gab es nur zirka fünf Partisanen, und die waren in den Häusern versteckt. Aber an einem Tag kamen gleich mehrere Omnibusse voller Soldaten, die die Partisanen, die da oben hätten sein sollen, einfangen sollten. Stellen Sie sich vor, wenn da kein Widerstand gewesen wäre und wenn diese Soldaten alle an der Front gewesen wären.
Partisanen gab es ja nicht nur bei uns! Die waren auch in Frankreich. Mein Nachbar hat mir von den Partisanen dort erzählt. Mein Mann war in Finnland, und dort gab’s auch Partisanen. Wenn die Partisanen nicht gewesen wären, hätte der Hitler den Krieg gewonnen! Die Partisanen, das war ja wirklich ein Widerstand!
Zablatnik: Ich denke schon, dass wir etwas Wesentliches zum Ende der Nazis beigetragen haben, dass wir darauf stolz sein können und dass wir auch zu dieser Wahrheit stehen können.
Schellander: Aber dieser Kärntner Heimatdienst will das nicht glauben. Was diese Heimatdienstler schon alles über die Kärntner Slowenen geschrieben haben. Die haben die Leute aufgehetzt.
Zablatnik: Deshalb freuen wir uns ja, wenn sich jemand wirklich für die Zeit damals und die Partisanen interessiert und die Geschichte ernst nimmt. Es war ja eine ernste Zeit. Man hat ja sein Leben riskiert! Da hat man schon gewusst, was man tut.
Und als eine Lehre von damals ist uns geblieben, dass man auch heute immer wieder sagen muss: »Dafür bin ich nicht!« Und das kann man immer sagen, denn wenn man nichts sagt, dann meinen die: »Ach, die sind eh zufrieden!« Aber oft einmal ist man nicht zufrieden.