»Kezeket fel!«
Jonny Moser kam 1925 als Sohn einer Jüdin und eines nicht jüdischen Vaters zur Welt. Seine Eltern besaßen in Parndorf im Burgenland eine Gemischtwarenhandlung. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland floh er ohne Papiere nach Budapest und lebte im Untergrund. Er und seine Familie wurden dort 1941 interniert und sollten mit dem letzten Transport nach Auschwitz gebracht werden. Durch einen glücklichen Zufall kam es nicht dazu, und er lernte 1944 den schwedischen Gesandten Raoul Wallenberg kennen, für den er fortan als Schreibkraft und Bote arbeitete. Wallenberg wurde als Gesandter der schwedischen Regierung nach Budapest geschickt, um sich der in Gefahr befindlichen Juden anzunehmen. Er konnte durch die Ausstellung und Verteilung schwedischer Schutzpässe Tausenden Juden und Jüdinnen das Leben retten. Es folgen Auszüge eines Interviews, das im September 2005 in Wien geführt wurde.
Sie waren im März 1938, beim Einmarsch der Wehrmacht, zwölf Jahre alt. Inwiefern war schon vor 1938 im Burgenland Antisemitismus spürbar?
Er war damals schon ganz furchtbar zu spüren. Leopold Kunschak, der erste Nationalratspräsident nach 1945, hat schon 1936 das so genannte Judensondergesetz einbringen wollen. Da ging es darum, die Juden zur eigenen Nation und zur Minderheit in jeder Hinsicht zu erklären. Das heißt, sie hätten nur entsprechend ihrer Anzahl im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung bestimmte Berufe ausüben dürfen und so weiter. Solche Dinge gab es natürlich die ganze Zeit. Der Vizebürgermeister von Wien ließ zu Weihnachten 1936 Flugblätter verteilen: »Kauft Weihnachtsgeschenke nicht in jüdischen Geschäften.« Und der Bürgermeister von Wien, Richard Schmitz, bestimmte, dass Gemeindewohnungen nicht an Juden zu vergeben seien.
Dieser Antisemitismus hat verhältnismäßig stark dem Nationalsozialismus zugearbeitet. Wie oft hat der liebe Schuschnigg (Österreichs letzter Bundeskanzler vor dem Anschluss) von »deutsch« gesprochen, es ist nie das Wort Österreich gefallen. Sogar bei der Volkabstimmung am 12. März 1938, die ja nicht abgehalten wurde, sollte es heißen, »für ein freies, für ein christliches, für ein deutsches Österreich«.
Was hat sich nach 1938 verändert?
Am 10. März wurde bekannt gegeben, dass der Schuschnigg zurücktritt. Wir waren alle schockiert. Wir schlossen das Geschäft um halb acht Uhr am Abend. Und zwei Stunden später zogen bereits die Nazis durch die Ortschaft, haben Umzüge gemacht und »Heil« geschrien, »Sieg heil, Sieg heil« und »Ein Volk, ein Reich, ein Führer«. Am nächsten Tag, am Samstag, da ging das Geschäft sehr flau, da wurde bereits von Seiten der Nazis die Parole ausgegeben: »Kauft nicht bei Juden.« Und das ging ungefähr bis Ende März. Dann wurde das Geschäft beschlagnahmt. Ich durfte auch nicht mehr in die Schule gehen. Wir waren praktisch abgeschlossen von jedem gesellschaftlichen Leben und wurden auch von der Bevölkerung gemieden.
Sie haben dann in Budapest gemeinsam mit Raoul Wallenberg gearbeitet und als sein Angestellter über 5 300 schwedische Schutzpässe ausgestellt. Mit diesem Stück Papier wurde ziemlich vielen Leuten das Leben gerettet …
Na ja, ich hab’ die Schutzpässe nicht ausgestellt, ich hab’ sie nur zur Unterschrift ins Außenministerium gebracht. Sie werden von den Todesmärschen auf österreichischer Seite gehört haben. Im November 1944 gab es Todesmärsche von Budapest an die österreichische Grenze. Es wurden also die Budapester Juden zur österreichischen Grenze getrieben. Hier sollten sie den Südostwall graben. Da sind wir, Wallenberg, der Chauffeur, der erste Sekretär der Gesandtschaft und ich, bei Nacht nach Hegyeshalom gefahren. Mit uns kamen drei Lastautos mit Medikamenten und Lebensmitteln. Die Leute haben keine Verpflegung bekommen, kein Wasser, keine Medizin. Das war fürchterlich.
Sie müssen sich vorstellen, November, Temperatur ungefähr zwischen null und minus ein Grad, es nieselt, und die Leute marschieren 240, 260 Kilometer zu Fuß. Wenn jemand zusammengebrochen ist, haben sie ihn erschlagen oder erschossen. Und wir kommen an die Grenze nach Heg-yeshalom und sehen, wie die ersten Transporte hereinkommen. Es sah fürchterlich aus. Und Wallenberg sieht das, und bevor sie an die Deutschen übergeben werden, springt er auf dem Bahnhof auf einen Pritschenwagen und ruft in die Menge hinein: »Wer ist schwedisch geschützt?« Natürlich haben die ungarischen Juden wenig Deutsch verstanden. Dann sag’ ich also auf Ungarisch, »Kezeket fel!«, also »Hände heben!« Zögerlich hebt der eine die Hand und hebt der andere die Hand. Darauf sagt Wallenberg zu mir: »Gib mir die Tasche herauf!« Er nimmt eine Mappe heraus, aus der Mappe ein Blatt Papier und einen Bleistift. Er sagt: »Wie heißen Sie?«, und er hakt auf dem Papier ab. Er hakt ab und sagt: »Kommen Sie heraus.« Die Leute haben wir zu den Lastautos und zurück nach Budapest gebracht.
Am Ende hat sich folgendes herausgestellt: Wallenberg hat ein weißes Blatt Papier gehabt, da war kein Name drauf, gar nichts. Nach außen hin hat das ausgeschaut, als hätte er eine Liste gehabt von Leuten, die einen Schutzpass haben. Diesen Leuten haben wir dort noch in Hegyeshalom provisorische Schutzpässe ausgestellt. Damit haben die Leute eine Chance gehabt, den Krieg zu überleben. Wallenberg war ein Mensch, der, wenn er eine Aufgabe übernommen hat, diese Aufgabe hundertprozentig erfüllt hat. Er war wirklich durch und durch eine Persönlichkeit, die man sehr selten findet.
Das Jahr 2005 ist ein »Gedenkjahr«. Es geht offensichtlich auch darum, verschiedene Sichtweisen auf die Geschichte durchzusetzen. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Widerstandsbewegung im Geschichtsbild Österreichs?
Ich bin einer der Gründer des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands und seit 1964 im Vorstand. In diesem Jubiläumsjahr ist viel zu wenig erzählt worden, was Österreich zwischen 1938 und 1945 bzw. zwischen 1934 und 1938 mitgemacht hat.
Sehen Sie, man muss die Widerstandsbewegung differenziert sehen. Es gab einerseits eine konspirative und andererseits eine aktive Widerstandsbewegung. Der größte Widerstand war konspirativ. Es gab auch verhältnismäßig viele aktive Widerständler. Und es gab viele Österreicher, die in ausländischen Armeen gekämpft haben, für die Befreiung dieses Landes. Das fand in meinen Augen 2005 zu wenig Erwähnung. Vergessen Sie eines nicht: Es gab allein in der englischen Armee rund 3 000 Österreicher. Es gab in der amerikanischen Armee rund 8 000 Österreicher. Und diese Leute sind zu wenig erwähnt worden, obwohl sie ein wesentlicher Teil des Widerstandes waren. Diejenigen, die sich geweigert haben, in der deutschen Armee zu kämpfen, die desertiert sind. Die so genannten Fahnenflüchtigen. Wissen Sie, wie viele davon ihr Leben lassen mussten? Wissen Sie, wie viele da eingesperrt waren? Und heute muss man sich anhören, dass diese Fahnenflüchtigen Mörder an ihren Kameraden waren, wie es der Herr Bundesrat Kampl gesagt hat. Die, die in der deutschen Armee gekämpft haben, kämpften ja nicht für Österreich, sie haben für Hitler gekämpft! Hat Österreich jemals den Krieg erklärt? Aber sie mussten als Österreicher in der Wehrmacht kämpfen. Und wenn jemand von ihnen sagt: »Wir haben die Heimat verteidigt«, meine ich: Gar nichts haben sie verteidigt!
Sie leben nach wie vor in Wien. Wie ist das, wenn Sie heute durch die Stadt gehen? Gibt es bestimmte Orte und Situationen in Ihrem Alltag, die Sie an die Zeit damals erinnern?
Zum Beispiel wenn Sie zum Morzinplatz gehen. Dort stand das Gestapogebäude. Wir haben das Denkmal dort (eine Gedenkstätte des österreichischen Freiheitskampfes). Natürlich steht jetzt ein anderes Haus dort, aber unwillkürlich erinnert man sich, wie es damals dort ausgeschaut hat. Das war ein Haus im Ringstraßenstil. Es waren zwei Polizisten draußen, und Leute sind vor dem Eingang abgestellt gewesen.
Oder wenn ich am Parlament vorbeigehe, freut es mich immer, die Pallas Athene dort zu sehen. Der Aufgang zum Parlament ist nun frei. 1938, 1939 und 1940 standen immer zwei SS-Posten draußen. Warum? Der Gauleiter von Österreich hat dort im Parlament seinen Sitz gehabt. Das sind so kleine Erinnerungen. Zum Beispiel war fast jedes Autogeschäft in Wien früher einmal ein Kaffeehaus. Sind alle weg. Wissen Sie, wie viele Kaffeehäuser Wien einmal hatte? Die Kaffeehäuser kommen wieder, und die Wiener gehen auch wieder in Kaffeehäuser.
Fahren Sie noch manchmal ins Burgenland und nach Parndorf, die Ortschaft, in der Sie aufgewachsen sind?
Heuer war ich in Neudorf bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Das war die erste Gemeinde, die sowohl der Kriegsopfer als auch derjenigen, die während der Befreiungskämpfe gefallen sind, sowie derjenigen, die im Holocaust umgekommen sind, gemeinsam gedachte. Das ist bis jetzt die erste und einzige Gemeinde im Burgenland, die das gemacht hat.