Kriegt man vom Küssen Kinder?
Wer als Mädchen donnerstags in den letzten beiden Schulstunden Sport hatte und in der Lage war, seiner Lehrerin schwerste Menstruationsbeschwerden vorzuspielen, hatte doppelt Glück. Denn zum einen blieben einem blödsinnige Ballspiele und fiese Kletterübungen an kratzigen Tauen erspart – und zum anderen konnte man auf den lederbezogenen Turnkästen rumsitzen, in aller Ruhe den hinterlegten Schmuck der Mitschülerinnen anprobieren und dazu auch noch die neueste Bravo studieren.
Bravo-Leserinnen wären schließlich lieber gestorben, als sich in schlabberigen T-Shirts und noch dazu ungeschminkt durch eine miefige Turnhalle zu bewegen, schließlich gab es wichtigere Sachen zu lernen als korrektes Zirkeltraining.
Die Teenie-Zeitschrift informierte immer punktgenau über das Leben der gerade aktuellen Stars. Die unglaubliche Treffsicherheit, wenn es darum ging, genau das Idol zu präsentieren, das zu verehren sich gerade in der Woche zuvor die weibliche Hälfte des Lateinkurses entschlossen hatte, verblüffte dabei derart, dass man sich die Redaktion als eine Ansammlung äußerst junger, supertoller Leute mit dem Hobby Schreiben vorstellte. Außerdem ging es einfach um alles, was so ein pubertäres Leben ausmachte. Hauptsächlich also: Sex. Klar, man wusste schon mit sechs oder sieben, wo die Babys herkamen. Aber das, was einem damals als langweilige biologische Tatsachen plus irgendwie Liebe geschildert worden war, gewann nun eine völlig andere Dimension, denn bald, das stand fest, würde man auch Sex haben, und vorbereitet zu sein, war von absoluter Wichtigkeit.
Also wurde Sport-Doppelstunde um Sport-Doppelstunde damit verbracht, die dürren Bravo-Ratschläge mit eigenen Erfahrungen zu vermischen und so zumindest jede Woche beim großen Aufklärungsprojekt ein Stückchen weiterzukommen.
Bis zum 26. August 1956 mussten Teenager in Deutschland auf ein einschlägiges Magazin verzichten. Dann erschien die erste Bravo, deren Untertitel lautete: »Zeitschrift für Film und Fernsehen«, 50 Pfennig kostete das Magazin. Von dem aus vier Fotos bestehenden Titel lächelte Marilyn Monroe, damals der Inbegriff für Sex und Glamour, neben ihr zielte ein Cowboy mit seiner Pistole in die Ferne, darunter war ein sich leidenschaftlich küssendes Paar zu sehen, und ganz links verrenkte sich ein Mann im Anzug bei etwas, das entfernt an Rock’n’Roll erinnert.
Jugendmagazine, so weit lässt sich das aus zerfledderten Exemplaren rekonstruieren, die man immer mal wieder auf Flohmärkten findet, waren damals eigentlich Anleitungen dafür, so schnell es geht zum möglichst langweiligen Erwachsenen zu werden.
Mädchen wurden dazu angehalten, sich mit Handarbeiten, Lesen, Bastelarbeiten, dem Dekorieren ihrer Zimmer zu beschäftigen und Tanzstunden zu besuchen, Jungs immer wieder daran erinnert, dass sie als mustergültige Kavaliere aufzutreten, beim Antrittsbesuch die mitgebrachten Blumen aus dem Papier zu wickeln und sich im Großen und Ganzen auf ihre Rolle als Alleinernährer des schutzlosen weiblichen Wesens an ihrer Seite gut vorzubereiten hatten.
Aufklärung gab es damals nicht, denn von Jugendlichen wurde ganz selbstverständlich erwartet, mindestens bis zur Verlobung auf den Austausch von Körperflüssigkeiten zu verzichten. Was sie natürlich in aller Regel nicht taten.
Es ist also das Verdienst der Bravo, den zweifellos vom Zwiespalt zwischen sexuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Konventionen völlig verunsicherten Jugendlichen erstmals so etwas wie Aufklärungsratschläge erteilt zu haben.
Wobei Bravo diese Aufklärungsseiten nicht von Anfang an im Blatt hatte, zunächst startete das Magazin 1962 die Rubrik mit dem schwiemeligen Titel »Knigge für Verliebte«.
Erst sieben Jahre später war es dann schließlich so weit: Zum ersten Mal beantwortete Dr. Jochen Sommer unter dem Titel »Was Dich bewegt« Fragen über Liebe und Sex. »Ein Mann von heute spricht mit den Bravo-Lesern über ihre Sorgen und Probleme«, hieß es dazu. Vorgestellt wurde der Experte als 37jähriger Arzt, der in einer deutschen Großstadt eine Erziehungsberatungsstelle leitete und dem »in seinem Beruf nichts verborgen bleibt, was Jungen und Mädchen bewegt. Ihr könnt ihm alle eure Sorgen anvertrauen.«
Bereits in der ersten »Sprechstunde bei Dr. Jochen Sommer« ging es nicht nur um harmlose Problemchen, sondern um echte Entscheidungssituationen. Zum Beispiel: »Er will die Scheidung seiner Eltern verhindern.« Oder eine 15jährige fragte, ob sie »zu unreif« für die Liebe sei, und die 14jährige Karin M. fühlte sich durch »die Liebe zu einem 21jährigen in Angst« versetzt.
Die Rubrik wurde tatsächlich von einem Arzt geschrieben; hinter dem Pseudonym verbarg sich der Psychotherapeut Dr. Martin Goldstein. Er leitete eine Jugendberatungsstelle in Köln und wollte nicht unbedingt mit seinem richtigen Namen in der Zeitschrift genannt werden. Sexualkunde und Aufklärung galten damals schließlich noch als umstrittene Themen; viele Eltern hatten ihren Kindern wegen seiner Rubrik das Bravo-Lesen ganz verboten.
Der Mann, der Dr. Sommer war, muss in diesen Jahren oft über seinem Job verzweifelt sein, denn die an ihn herangetragenen Fragen zeigten überdeutlich, dass die meisten Jugendlichen nicht nur wenig Ahnung von den biologischen hard facts, sondern zudem auch noch eine Tendenz hatten, auf blödsinnige Gerüchte und Schauermärchen zu hören. Die Standardfragen lauteten entsprechend: »Bekommt man vom Küssen Kinder?« und »Stimmt es, dass man durch Selbstbefriedigung krank wird?«
Dr. Sommer redete im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen nicht verkniffen drumherum, sondern gab klare Antworten. Manchmal wohl zu klare, 1972 landeten zwei Hefte sogar als jugendgefährdend auf dem Index.
Irgendwann in den siebziger Jahren erhielt der Experte dann Verstärkung, allein hatte er es einfach nicht mehr geschafft, die vielen eintreffenden Briefe zu beantworten. Seither kümmern sich Psychologen, Verhaltenstherapeuten und Pädagogen um die Sorgen und Nöte der Leserschaft, gemeinsam firmiert man seither als »Dr. Sommer-Team« – und ist mittlerweile auch im Internet vertreten.
Um Anfragen wie diese zu beantworten: »Platzt das Jungfernhäutchen mit einem Knall?« Markus, 14, will das wissen und schreibt: »Lieber Dr. Sommer, ich möchte bald zum ersten Mal mit meiner Freundin schlafen. Meine Freundin hat mir gesagt, dass dabei das Jungfernhäutchen platzt. Nun habe ich Angst, dass meine Eltern durch den Knall wach werden und uns erwischen!«
Aber Bravo war natürlich viel mehr als nur Aufklärung. Schließlich war es gar nicht so einfach, als Teenie in einer Kleinstadt zu leben und auf der verzweifelten Suche nach Musik zu sein, die das eigene Lebensgefühl ausdrückte. Das Internet war noch nicht erfunden, die nächste Großstadt viele Kilometer weit entfernt, dazu 13 und verwirrt zu sein, war nichts weniger als die Hölle.
Neben den Dr. Sommer-Seiten waren die Starschnitte ein weiteres Markenzeichen der Bravo. Auch diese Errungenschaft gehörte nicht von Anfang an zur Bravo, erst im Jahr 1959 wurden die Bastelbögen eingeführt. Der erste Starschnitt zeigte Brigitte Bardot, die mit einem badeanzugähnlichen schwarzen Body, Netzstrümpfen und Pumps für die damalige Zeit sicher sehr unvollkommen bekleidet war. »BB in Lebensgröße zum Ausschneiden« lautete die dazugehörige Headline, in der für die fünfziger Jahre typischen geschwungenen Schreibschrift. Dem elfteiligen Riesenposter folgte unmittelbar ein weiterer Starschnitt. Peter Kraus, als in Jeans und Lederjacke gekleideter Rocker mit Gitarre im Anschag, machte 15maliges Bravokaufen nötig.
Der nächste Starschnitt, ebenfalls noch aus dem Jahr 1959, brachte die erste farbige Abbildung – deutlich nachkoloriert wurde die Sängerin und Schauspielerin Conny Froboess präsentiert, in grellgelbem Polohemd, gleichfarbigen Ballerinas und leidlich knallroter Steghose.
Das Konzept veränderte sich dabei nie: Schlagersänger, deutsche und internationale Schauspieler und Musiker schafften es nur dann in maximal 15 Teilen an die Wände der deutschen Teenies, wenn es sich bei ihnen wirklich um ausgewiesene Stars handelte.
Nur in wenigen Fällen veränderte man die 15-Teile-Regel, wie zum Beispiel 1965, als Bravo mit den Beatles den größten Starschnitt ever anbot, insgesamt beschäftigte man die Leser fast ein komplettes Jahr damit, die 44 Ausschnitte von Paul, John, Ringo und George zu sammeln. Drei Jahre später folgte eine weitere Ausnahme, ein siebenteiliger Bastelbogen der Ponderosa, der Heimat der Cartwright-Cowboys, die damals zu den beliebtesten Figuren im deutschen Fernsehen gehörten. 1974 dann schafften es zum ersten und einzigen Mal Sportler auf den Bravo-Starschnitt, die 13 Teile, die die deutsche Fußballweltmeistermannschaft zeigten, ergaben zusammengenommen ein Bild von mehr als drei Metern Länge.
Dabei waren die Starschnitte vielen Lesern jedoch gleichgültiger, als die Macher dachten. Denn im Grunde war man aus dem Alter längst heraus, in dem man sich die Zeit mit Bastelarbeiten vertrieb. Ein sauber zusammengeklebter Starschnitt galt entsprechend bald als Synonym für ein vertrödeltes Leben. Wer wollte schon stundenlang zu Hause herumsitzen und blöde Stars zusammenpuzzeln, wenn nur wenige Seiten weiter detaillierte Anleitungen für den perfekten Zungenkuss plus deutliche Leitfäden für Petting standen – und das in Zeiten, wo man sich sowieso jede zweite Woche ganz neu und noch viel mehr verliebte als beim letzten Mal und man eine Menge auszuprobieren hatte?
Irgendwann wussten wir dann genug, und Bravo wurde nur noch von den Mitschülerinnen gelesen, die hoffnungslos out waren. Weil Sport immer noch als uncool galt, gehörte das, was mittlerweile als Teenieblatt verachtet wurde, trotzdem noch unabdingbar zur bevorzugten Donnerstagslektüre. Laut prustend las man sich die dusseligsten Leserbriefe vor und versuchte, nicht daran zu denken, dass man noch vor wenigen Monaten selber sehr dankbar über die genaue Anleitung, wie das mit dem Oralsex überhaupt geht, gewesen war.
Dass die Leserbriefe echt waren, wussten wir ganz genau. Denn Elfriede, die als hüftsteife Sportschlechteste zum Inventar der donnerstäglichen Bravo-Runde gehörte, hatte im Sommer die Schule verlassen und eine Lehre in der örtlichen Drogerie begonnen, wo man sie manchmal traf, wenn man auf der Suche nach dem neuesten Nagellack war.
Eines Tages lasen wir dann ihren verzweifelten Brief in Bravo. Darin erzählte sie von unhaltbaren Zuständen am Arbeitsplatz und beschrieb etwas, was Jahre später als »Mobbing« bezeichnet wurde. Die Ratschläge von Dr. Sommer, in denen es unter anderem darum ging, die Gewerkschaft zu kontaktieren, klangen sehr vernünftig, und so waren wir erleichtert, dass Elfriede, deren Eltern ganz furchtbar streng waren und sicher keinerlei Verständnis für die Nöte ihrer Tochter hatten, sich an einen wirklich vertrauenswürdigen Erwachsenen gewandt hatte, der ihr nicht mit dem Spruch »Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre« geantwortet hatte.
Blöderweise hatten wohl auch die Inhaber der Drogerie den Hilferuf gelesen. Als wir eine Woche später nach Elfriede fragten, wurde uns mitgeteilt, dass sie entlassen worden sei. Was aus ihr geworden ist? Wir haben es nie erfahren, sie war einfach aus unserem Leben verschwunden, wie es einige Zeit später dann auch die Bravo tat. Aber am nächsten Donnerstag wird sich vermutlich irgendwo in diesem Land ein hüftsteifes Mädchen mit blondem Pferdeschwanz zum Kiosk aufmachen, um endlich, endlich zu erfahren, wie so ein Zungenkuss nun eigentlich geht. Und wenn sie nicht Elfriede heißt, dann heißt sie eben Yvonne oder Nina oder Annalena.