29.03.2006

Was Freiheit bedeutet

Ein Interview mit Irma Trksak über antifaschistischen Widerstand und das Gedenken in der Gegenwart

Irma Trksak (geboren 1917) war aktiv im Widerstand der tschechoslowakischen Minderheit. Wegen mehreren Brandanschlägen wurde sie 1941 von der Gestapo verhaftet. Ein Jahr lang war sie im berüchtigten Wiener Polizeigefängnis Rossauer Lände inhaftiert. Ende September 1942 wurde sie ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück nördlich von Berlin gebracht. 132 000 Frauen aus über 40 Nationen wurden zwischen Mai 1939 und April 1945 nach Ravensbrück und seine Nebenlager verschleppt. Auf einem der so genannten Todesmärsche gelang Irma Trksak die Flucht. Es folgen Auszüge eines Interviews, das im Oktober 2005 in Wien entstand.

Ihre Widerstandsaktivitäten haben nach 1938 angefangen. Sie haben Ihre Aktionen mit einer Gruppe aus dem Turnverein organisiert und dabei versucht, die Kriegslogik zu sabotieren …

Zuerst wurden die Juden verfolgt und dann die Roma und Sinti. Nach ihnen wurden die Slawen verfolgt, hieß es doch, wir hätten »keinen Tropfen deutschen Blutes in unseren Adern«. Folglich waren wir in dieser Logik keine vollwertigen Menschen bzw. Men­schen zweiter resp. dritter Klasse. Ich habe 50 oder 60 Mitglieder unserer Minderheit gekannt. Aber da waren nicht nur wir, es gab Hunderte kleine Gruppen in Österreich. In ganz Europa formierten sich Widerstandsgruppen. Wir wollten die Menschen darauf aufmerksam machen, welches Unrecht uns geschehen ist und dass sie unsere Minderheit ausrotten wollen.

Wir haben uns damals vorgenommen, wo immer es uns möglich wäre, Sand ins Kriegsgetriebe zu streuen, um die Maschinerie aufzuhalten. Und je öfter die deutsche Wehrmacht auf diversen Kriegsschauplätzen geschlagen wurde, umso größer wurde das Misstrauen der Soldaten gegenüber der Armee, und schließlich waren mehr und mehr Soldaten bereit, etwas gegen diesen Krieg zu unternehmen. Wir haben Kettenbriefe an die Soldaten geschrieben und außerdem versucht, Kontakt zu Eisenbahnern zu bekommen, um sie dafür zu gewinnen, wichtige Transportwege zu sabotieren. Das ist teilweise auch gelungen. Und es zeigte Wirkung. Wir haben etwas bewirkt, und je schlimmer die Situation in Deutschland wurde, umso leichter wurde unsere Arbeit. Nachdem sie uns eingesperrt hatten, haben andere diese Arbeit im Widerstand übernommen.

Was hatte es mit den Brandanschlägen auf Depots auf sich?

Wir wollten ein Zeichen setzen: Es ist jemand hier, der etwas tut, der sich das alles nicht gefallen lässt! In der Lobau haben wir Strohtristen angezündet, um die Leute darauf aufmerksam zu machen: Es gibt Menschen, die nicht einverstanden sind mit dem Vorgehen der Nazis. Wir haben auch Depots der Nazis angezündet, mit Geräten drin, die sie gebraucht haben. Solche Aktionen haben wir gemacht, um den Menschen, die auch nicht einverstanden waren, sich aber vielleicht nicht getraut haben, Widerstand zu leisten, Mut zu geben. Ob das so aufgegangen ist, wie wir uns das vorgestellt haben, wissen wir nicht.

Im September 1941 wurden Sie verhaftet und sind ins Gestapogefängnis in der Rossauer Lände gekommen …

Ja, und danach ins KZ Ravensbrück. Trotzdem haben wir auch im Lager weitergemacht. Nur von Brot und Rüben hätten wir ja nicht überlebt, wenn wir nicht die Hoffnung gehabt hätten, dass es einmal aus sein wird und wir rauskommen. Sie haben uns die Menschenwürde geraubt. Wir waren keine Frauen für sie, wir waren weniger als der letzte Dreck, wenn ich das so vulgär ausdrücken darf. Den Hund haben sie gestreichelt, gefüttert, geschniegelt und auf uns gehetzt. Wir waren nichts. Wer die Hoffnung aufgab, hat nicht überlebt. Jemand, der nie in so einer Situation war, kann sich das nicht vorstellen.

Ich war in Ravensbrück und auch im Vernichtungslager – im aufgelösten Jugendlager, das umfunktioniert wurde zu einem Vernichtungslager. Da bin ich zur Strafe hingekommen. Aber ich hatte Glück, dass die Russen immer näher gekommen sind. Die SS hat das Lager aufgelöst, um keine Zeugen zu hinterlassen. Sie haben die Frauen selektiert und in einer provisorischen Gaskammer erstickt. Alles musste schnell, schnell gehen. Weg mit den unnützen Fressern. Das war ganz schrecklich, und deswegen hat man weitergekämpft. Und wie ich wieder ins alte Lager zurückgekommen bin, hab’ ich weitergekämpft, um das zu erzählen, was die Nazis gemacht haben, auch wenn ich nach der Befreiung gleich umgefallen wäre und nicht mehr gelebt hätte, wollte ich jemandem erzählen, was dort geschehen ist. Damit es nie wieder kommt. Auch wenn man oft gar nicht sagen kann, wie es war.

Ich war als Zeugin beim Hamburger Prozess über diese Vorkommnisse. Da wurde der Kommandant von Ravensbrück befragt, warum er die provisorischen Gaskammern errichten ließ. Er hat ganz kurz gesagt, »weil das die schnellste und billigste Art des Tötens war«. Ohne Kommentar, ohne Reue, ohne Gemütsbewegung, nichts.

Wenn Sie jetzt Orte sehen, an Plätzen sind, die eine Rolle gespielt haben in ­Ihrer Jugend oder im Widerstand, was sind das für Orte und Situationen, an denen Erinnerungen hochkommen?

Natürlich fällt mir immer wieder ein, was hier geschehen ist. Die Leute wissen nicht einmal, warum der Bau, wo ich wohne, Otto-Haas-Hof heißt. Es steht nur »Freiheitskämpfer« bei der Namenstafel, sonst nichts! Er wurde hingerichtet! Die Leute wissen gar nichts. Die gehen vorbei an diesen Orten, die an Schreckliches, an Tragisches erinnern, und wissen nichts.

Es tut mir leid, dass die Leute so schnelllebig sind, auch die jungen. Ich will nicht alle in einen Topf werfen, aber vorwiegend leben sie so, ohne zu wissen, was geschehen ist. Im Bezirk, in meiner Gasse, in meinem Bau, nichts. Und niemand bemüht sich, ihnen das zu erklären. Nicht alle, das sag’ ich immer, aber der Großteil der jungen Menschen interessiert sich nicht dafür.

2005 hat man sich bemüht, doch das sind lauter Alibihandlungen gewesen. Wenn ich mir das vorstelle, diese Feier im Belvedere. Die Regierung und alle sind gesessen im Belvedere. Aber kein einziger Widerstandskämpfer war dort. Zum Kotzen! Es gibt Gruppen und junge Menschen, die machen Ausstellungen, die machen Filme. Das kommt aber nicht so in der Bevölkerung an, wie es sollte. Jeder sollte die Geschichte seines Landes wenigstens ein bisschen kennen. Die Widerstandskämpfer waren maßgeblich daran beteiligt, dass unser Land befreit wurde und dass die Nazis den Krieg verloren haben. Wie viele Tausende Widerstandskämpfer haben nicht überlebt, und ihr Kampf hat dazu beigetragen, dass der Faschismus besiegt wurde. Das sagt man nirgends. Das sind Vorbilder, markante Frauen und Männer, die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen.

Prägnante Aussprüche von Widerstandskämpfern von 1945 lauten: »Niemals vergessen« und »Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg«. Wurden diese Forderungen erfüllt?

Na, sieht man das? Was geschieht jetzt in der Welt? Wir haben keinen Krieg, aber schauen wir uns um: Überall keimen faschistische Organisationen, werden groß. Das Materielle spielt heutzutage eine größere Rolle als alle ideellen Werte, nicht? Und ob sich jemand vorstellen kann, was Freiheit bedeutet? Er glaubt, er ist jetzt frei, weil er nicht eingesperrt ist oder was … Ob sie die Begriffe »Freiheit« und »Demokratie« und »Menschlichkeit« überhaupt richtig verstehen? Weil wir sie vermisst ­haben, verstehen wir die Worte. Ich kann kein Rezept geben, nur Anregungen, wie es ungefähr geschehen sollte, wenn man mich einladen würde und fragen. Nicht nur theoretisch, sondern auch so, dass es unter die Haut geht. Wenn man mitfühlt, kann man mitkämpfen.

Sie sind jetzt Vorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück …

Ich war lange Sekretärin der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück. Wir hatten das Glück, junge Frauen kennen zu lernen, die sich für unseren Kampf und unser Schicksal interessierten und darüber publizierten, Ausstellungen und Filme gemacht haben. Jetzt kann ich noch denken und reden, aber vielleicht nicht mehr lange. Und jetzt haben wir den Verein den Jungen übergeben, die bereits zehn Jahre mit uns arbeiten. Der Verein heißt nun »Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück und Freundinnen«.

Ich bin einfaches Mitglied dieses Vereins – aber solange ich kann, werd’ ich da sein, an den Treffen teilnehmen und Fragen beantworten oder mithelfen. Immer wieder geh’ ich mit ihnen, als Zeitzeugin, solange ich es kann. Wir sind ja nur sehr wenige und haben die Zukunft der Lagergemeinschaft dadurch gesichert, dass die Jungen bereit waren, das weiterzuführen und unsere Erfahrungen, unsere Erlebnisse und ­alles, was wir hatten, weiterzutragen. Wir haben Hoffnung, dass das gutgehen wird und dass sie auch weiterhin etwas bewegen können. Es geht darum, dass sich das nie wiederholt. Wir haben es nicht vergessen, aber es ist nicht leicht, sich damit zu beschäftigen. Ich versteh’ das, von der Warte der jungen Menschen gesehen. Denn das sind keine lustigen Erlebnisse, das sind schwerwiegende Taten gegen die Menschlichkeit, die begangen wurden und die sehr belastend sind. So ist es.