Elitenbildung auf Französisch

Das zweigeteilte französische Hochschulsystem schreibt die Klassengesellschaft fest. Die derzeitigen Proteste spiegeln diese ungleichen Verhältnisse. von kolja lindner, paris

Es geht um Privilegiensicherung«, so lautet eine in diesen Wochen im medialen Diskurs oftmals gegebene Antwort auf die Frage nach den Streikintentionen französischer Studierender. Doch diese Einschätzung ist mehr als fragwürdig. Sie stimmt nicht nur unverhohlen der allgemeinen Prekarisierung junger Lohnabhängiger durch den Ersteinstellungsvertrag zu, so als ob es sich beim Kündigungsschutz um ein Privileg handele. Eine solche Bewertung verkennt zudem, dass keinesfalls alle Studierenden privilegiert sind. Die derzeitigen Proteste drücken vielmehr auch die extrem hierarchisierte Struktur des französischen Hochschulsystems aus, in dem sich Klassenunterschiede in aller Deutlichkeit zeigen.

Die Besonderheit der französischen Hochschulen ist die international einzigartige Trennung zwischen Grandes Ecoles und Universitäten. Während letztgenannte eine nahezu kostenlose akademische (Aus-) Bildung für große Teile der französischen Bevölkerung bereithalten, sind erstgenannte elitäre Einrichtungen verschiedener Fachrichtungen. Sie haben den Status von Hochschulen, sind jedoch finanziell wesentlich besser ausgestattet, erheben oftmals Gebühren und führen harte Aufnahmeprüfungen durch. Vier Prozent der französischen Studierenden besuchen eine solche Institution, 80 Prozent von ihnen kommen aus wohlhabenden Familien.

Die bekannteste und renommierteste Hochschule dieses Typs ist die seit über 200 Jahren bestehende Ecole Normale Supérieure (ENS), die heutzutage vor allem Lehrpersonal für die Universität ausbildet. Wer hier studiert, braucht sich um die Auswirkungen des CPE, der neu geschlossene Arbeitsverträge von unter 26jährigen während der ersten zwei Jahre vom Kündigungsschutz ausnimmt, keine Sorgen zu machen. Studierende werden mit dem Eintritt in die ENS für zehn Jahre quasi verbeamtet und erhalten in dieser Zeit ein gesichertes Gehalt, sollten sie nicht vor deren Ablauf über ein eigenes Einkommen verfügen.

Wenngleich der Status dieser so genannten Normaliens selbst in Frankreich einzigartig ist, so sind doch auch Studierende der anderen Grandes Ecoles, etwa der politikwissenschaftlichen Institute (IEP), der Ingenieursfakultät Polytechnique oder aber der wirtschaftswissenschaftlichen Hochschule HEC im Vergleich mit denen an gewöhnlichen Universitäten besser gestellt. Mit den Abschlüssen einer dieser Kaderschmieden ist die Gefahr späterer Arbeitslosigkeit wesentlich geringer als mit einem normalen Universitätsdiplom. Hohe Reputation, Orientierung an der Berufsausbildung und das Netzwerk der »Ehemaligen« sind für die größeren Er­folgs­chan­cen ausschlaggebend.

Die derzeitige Streikbewegung ist von dieser Hierarchie des französischen Hochschulsystems deutlich gekennzeichnet. Die ersten blockierten Fakultäten in Poitiers und Rennes sowie die mittlerweile zum Symbol gewordene Pariser Sorbonne sind allesamt keine Grandes Ecoles. An diesen hingegen herrscht nahezu uneingeschränkter Lehrbetrieb. Am IEP Paris wurde vor knapp zwei Wochen sogar in einer Abstimmung – organisiert von der Direktion, die offenbar keine Zweifel hinsichtlich der Mehrheitsverhältnisse unter den Studierenden hatte – mit fast 75 Prozent die Blockade der Lehrveranstaltungen abgelehnt. Auf dem Campus hatten in den Wochen zuvor rechte Studierendengewerkschaften und Jugend­organisationen mit Flugblättern für die Einschränkung des Kündigungsschutzes und gegen einen Streik agitiert. Während in den vergangenen Wochen die Studenten einiger Universitäten in eigenen Blöcken von mehreren hundert Menschen auf die Straße gingen, beteiligten sich die Studierenden der Elitehochschulen meist nur spärlich.

Bei den französischen Studierenden, die derzeit ihre Universitäten lahm legen, handelt es sich demnach bei den meisten um eine Art akademische Unterklasse. Die Hälfte aller an gewöhnlichen Universitäten Eingeschriebenen muss neben dem Studium einer Erwerbsarbeit nachgehen. Arbeitsrechtliche Verschärfungen haben auf sie also bereits während des Studiums die gleichen Auswirkungen wie auf Lehrlinge, JobberInnen oder Kulturprekäre. Über ein Viertel jedes Jahrganges verlässt zudem nach einigen Jahren die Universität, ohne auch nur das nach zwei Jahren erreichbare allgemeine akademische Diplom DEUG zu erlangen. Die Hälfte derjenigen, die bis zum Hochschulabschluss durchgehalten haben, muss sich schließlich auf Beschäftigungsverhältnisse einstellen, die mit der erworbenen Ausbildung nichts zu tun haben – neben zunehmender Akademikerarbeitslosigkeit ein Indikator dafür, dass sie als HochschulabsolventInnen nicht mehr gebraucht werden.

Anders ausgedrückt, im französischen Hochschulsystem findet Klassenkampf statt. Dieser ist nicht nur an der Auslese von Studierenden ablesbar, sondern auch daran, dass ganze 90 Prozent des Lehrkörpers der Grandes Ecoles vormals selbst in einer solchen Institution ausgebildet wurden. Angesichts dieser Verhältnisse verwundert es nur wenig, dass ­Pierre Bourdieus Theorie zur symbolisch-materiellen Reproduktion sozialer Herrschaft gerade an den höheren Bildungsinstitutionen ansetzt.

Historisch ist der Prozess der zunehmenden Fragmentierung des akademischen Betriebs eng mit der in den vergangenen Jahrzehnten erfolgten Demokratisierung des Universitätssystems verbunden. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Zahl der Studierenden in Frankreich verachtfacht. Wegen steigender Qualifikationsanforderungen an die Ware Arbeitskraft und den entsprechenden Strategien politischer Regulation sind tatsächlich viele sozial Benachteiligte in die Universitäten integriert worden. Die Selbstvergewisserung und Perpetuierung sozialer Eliten findet in dem zweigeteilten Hochschulsystem allerdings statt.

Bildungspolitisch kommt den Eliteschmieden noch eine weitere Funktion zu. Sie sind durch ihre starke Orientierung der Ausbildung am Arbeitsmarkt die ersten, die den Übergang von der formellen zur reellen Subsumtion der Hochschulen unter das Kapital vollziehen. So kommt es, dass der schlichte, nicht unmittelbar in Wert zu setzende Bildungserwerb an den gewöhnlichen Universitäten immer stärker als anachronistisch, wenn nicht sogar als Ursache der derzeitigen Proteste begriffen wird.

Stellt man die Hierarchisierung und die Entwicklungstendenzen des französischen Hochschulsystems in Rechnung, lässt sich nur schwerlich behaupten, in der derzeitigen Streikbewegung ginge es hauptsächlich um Privilegiensicherung. Vielmehr erlebt Frankreich nach der noch zaghaften sozialen Bewegung der Praktikanten im vorigen Herbst (Jungle World, 48/05) derzeit eine der ersten Manifestationen der Existenz von Akademieprekären, wie sie in Analogie zu den KulturarbeiterInnen genannt werden könnten. Gerade die starke Beteiligung letztgenannter bei den Streiks und Besetzungen und das von den Studierenden gesuchte Bündnis mit ihnen ist vielleicht der Anfang der Entwicklung eines Bewusstseins davon, dass sich soziale Kämpfe längst nicht mehr auf bestimmte Bereiche beschränken lassen – erst recht, wenn grundsätzliche Fragen der Verteilung des gesellschaftlichen Mehrprodukts berührt werden. Zumindest ist dies eine Hoffnung, die im französischen Frühjahr 2006 zu keimen beginnt.

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