Alle reden vom Frieden

Nach dem Attentat in Sri Lanka

Vor dem Leichenschauhaus wählte Präsident Mahinda Rajapakse verhaltene Worte: »Wir lassen diesen barbarischen Anschlag nicht den Friedensprozess sabotieren.« Einen Tag nachdem ein Bus durch ferngezündete Claymore-Minen zerstört und 64 Zivilisten, darunter 15 Kinder, getötet worden waren, besuchte er den Ort Kebitigollawe. Nahe der Waffenstillstandslinie gab er am vergangenen Freitag der Zeitung Daily News ein Interview. Für ihn und die Armeeführung stehe fest, wer für den Anschlag verantwortlich sei: die »Befreiungstiger von Tamil Eelam« (LTTE). »Deshalb muss man den Waffenstillstand ernsthaft überdenken«, verkündete Regierungssprecher Keheliya Rambukwella in Colombo.

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Am gleichen Tag bombardierte die Luftwaffe die Hochburgen der »Tiger«, Kilinochi und Mullaitivu im Nordosten der Insel. Zivilisten flohen vor dem Artilleriefeuer aus der Kampfzone und Nichtregierungsorganisationen zogen ihre Helfer ab. Die Armee sprach von »abschreckenden, begrenzten Aktionen«. Es sehe so aus, als sei die Regierung bereit für einen Krieg, meinte ein ranghoher »Tiger«, und Seevaratnam Puleedevan, Direktor des Friedensekretariats der LTTE, bestreitet auf der Internetseite TamilNet jede Beteiligung seiner Organisation am Anschlag. Vielmehr vermute er dahinter »Kräfte, die ethnische Spannungen provozieren wollen«.

So will es am Ende keiner gewesen sein. Erik Solheim, der norwegische Entwicklungshilfeminister und einstige Chefunterhändler der skandinavischen Beobachtermission, äußerte sich in der Hindustan Times ernüchtert: »Wir erleben eine Gewaltspirale, die Sri Lanka in einen Bürgerkrieg reißt.«

Dabei hatte es im Frühjahr wieder Hoffnung gegeben, denn in Genf begannen Friedensgespräche. Man zerstritt sich schnell, die LTTE wollten vorrangig die Unterstützung abtrünniger Milizen durch die Armee besprechen, die Regierung lehnte das ab. Kurz darauf tötete eine Selbstmordattentäterin in Colombo zwölf Menschen und verletzte den Oberbefehlshaber der Armee. Die »Tiger« dementierten, die Streitkräfte begannen eine »begrenzte Offensive«, und fortan hatten sich beide Seiten nichts mehr zu sagen. Der Präsident stoppte bald die Militäraktion, steht seitdem aber unter starkem Druck singhalesisch-nationalistischer Kräfte und der Armee. Täglich kam es in den vergangenen Monaten zu Feuergefechten und Anschlägen, über 700 Menschen starben seit Jahresanfang. Das Bus­attentat stellt jedoch ein Novum dar.

Das Wort »Krieg« wurde bis zur vergangenen Woche von den Konfliktparteien möglichst vermieden. Die EU, die USA, Norwegen und Japan hatten nach dem Tsunami rund vier Milliarden Euro Unterstützung zugesagt, die Auszahlung jedoch an Fortschritte im Friedensprozess gebunden. Nachdem Ende Mai die LTTE ein Boot mit Mitgliedern der Beobachtermission angriff, setzte die EU die »Tiger« auf die Liste der Terrororganisationen. Anton Balasingham, politischer Vertreter der LTTE, sagte daraufhin der Financial Times: »Je mehr die internationale Gemeinschaft uns isoliert, um so mehr treibt sie die LTTE in eine verhärtete Position«.

Schreckensszenarien gibt es viele, befürchtet werden Anschläge in Colombo oder den Zentren des Tourismus und Angriffe auf Häfen und Schiffe. Möglich sind aber auch anti-tamilische Pogrome. Vielleicht spekuliert die Führung der LTTE sogar darauf, da sie den Führungsanspruch in den von ihnen kontrollierten Gebieten absichern zu wollen scheint. Eine Aussicht auf einen militärischen Sieg haben beide Seiten derzeit nicht. Wer auch immer hinter dem Busanschlag steckt, in der zynischen Logik des Bürgerkrieges hat er beiden Seiten geholfen.