Die Rolling Stones gibt es schon so lange, dass mittlerweile sogar die Witze über den Seniorenstatus der ältesten Rockband der Welt steinalt und blöde sind. Allerdings muss sich eine Band, deren Mitglieder alle über sechzig sind, die aber beim Konzert schon mal ihre treuen angegrauten Fans aus den ersten Reihen vertreiben und durch hübsche Teenager ersetzen lässt, damit die Kamera jubelndes Jungvolk einfangen kann, dann auch an den Maßgaben des Jugendwahns messen lassen. Nun gibt es unter den echten Stones-Fans der ersten Stunde jedoch tatsächlich so viele bizarre Typen, dass diese an und für sich eklige Maßnahme zumindest ein kleines bisschen nachvollziehbarer wird. Jedenfalls hat man selten so viele erwachsene Frauen und Männer mit kurzen Hosen und heftigen Vokuhilas aus verschiedenen Dekaden auf einem Fleck gesehen wie beim Konzert im Berliner Olympiastadion.
Wer die beste Figur machte, war, muss man sagen, Mick Jagger selbst, der wie niemand sonst gleichzeitig laufen und singen kann, und das zwei Stunden lang und bei schwülen 30 Grad. Der Liebenswerteste von allen ist und bleibt natürlich Keith Richards, der die Tournee beinahe hätte absagen müssen, weil er von einer Palme gefallen war und sich alle Welt um ihn Sorgen machte.
Beim Anzünden einer Zigarette nuschelte er etwas, das sich wie »It’s good to be back in Berlin« anhörte und dann nach kurzer Besinnungspause durch »Oh, its good to be back anywhere« verbessert wurde. Sein »Slipping away« war dann auch das bluesigste und zu Herzen gehendste Stück des Abends. Das ist einfach glaubwürdiger als ein Alphatierchen wie Mick Jagger, das sich hinstellt und »Can’t get no satisfaction« schreit. Obwohl auch das, wenn alles so weitergeht, vielleicht irgendwann mal glaubwürdig sein wird.
Wie auch immer: Die ganze Geschichte der Gruppe lässt sich in dem schönen Text-Bildband »According to The Rolling Stones« nachlesen.
heike runge
Dora Loewenstein/Philip Dodd: According to The Rolling Stones. Ullstein, Berlin 2005