Das Leben in einer modernen Gesellschaft kann den Einzelnen arg überfordern. Um alles muss man sich selbst kümmern: um die Arbeit, um die Wohnung, um die Rente, um zwischenmenschliche Beziehungen, die günstige Flatrate, die Beschäftigung in der Freizeit. Und ununterbrochen muss man sich entscheiden. Da sehnt sich manch einer nach dem einfachen Weg und den ewigen Wahrheiten. Er möchte nicht mehr möglichst angenehm leben. Er möchte »sein«.
Nicht ohne Grund heißt das monatliche Magazin der Berliner Esoterikbranche Sein. Jeden Monat liegen über 15 000 Exemplare der Zeitschrift in Berlin kostenlos aus. In der aktuellen Ausgabe geht es um den »Aufbruch in neue Dimensionen«. Folgen wir also dem »spirituellen Lehrer Sri Bhagavan«. Er kann mit einer »Energieübertragung erstmals die wissenschaftlich belegbare Erleuchtung für jedermann« ermöglichen. Er »wird nicht müde, zusammen mit seiner Frau Amma die Gehirne der Menschen über die Diksha neu zu verdrahten. In seinem Ashram läuft die Ego-Auflösungsmaschinerie seit nunmehr zwei Jahren auf Hochtouren.«
Doch trotz der Arbeit des nimmermüden Gurus herrscht immer noch der Egoismus. Die Redaktion ist deshalb wütend auf die »Anleger« und »Finanzkonzerne«, sie vermisst die »soziale Verantwortung«. Wo die Wurzel des Übels liegt, weiß sie ebenfalls: In der vorherigen Ausgabe informierte sie ihre Leser über das »Geld, die geheimnisvolle Macht, den ständigen Quell der Gier«. Und die Schreiber von Sein wissen auch, wie man Abhilfe schaffen könnte: Das Zinswesen verbieten, das Regionalgeld einführen.
Wem diese reaktionären Tiraden gegen den Kapitalismus zu wenig spirituell sind, der kann seiner Erleuchtung in einem der vielen im Heft angebotenen Kurse nachhelfen. Ganz umsonst sind diese Schulungen natürlich nicht. Wie wäre es mit der »Einweihung in das Licht der Erzengel Zadkiel und Amethyst«? Mit nur 220 Euro sind Sie dabei. Spirituell gesegnetes Regionalgeld nimmt der erleuchtete Guru leider nicht an.
markus ströhlein