Habemus Papam Habermas

Was hat Benedikt XVI. genau gesagt? Über die erstaunliche Nähe von Kritischer Theorie und päpstlicher Philosophie. von rudi thiessen
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Die Vorlesung, die Benedikt XVI. in Regensburg zum Verhältnis von »Glaube, Vernunft und Universität« gehalten hat, zielte darauf, einen Begriff von Vernunft zu entfalten, der allein erst einen Dialog der Kulturen ermöglichen würde. Ins Zentrum seiner Argumentation stellte er die göttliche Vernunft, den Logos des Johannes-Evangeliums: Im Anfang war der Logos, und der Logos ist Gott.

Davon grenzte er zwei Kulturen scharf ab: die des Jihad und die einer Wissenschaft, die »Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare« beschränkt. Die Diskussion zum Jihad lässt er von einem byzantinischen Kaiser, Manuel II. Palaeologos, an der Schwelle zum 15. Jahrhundert führen. Es ist die Zeit der Belagerung von Konstantinopel, ein halbes Jahrhundert später wird es fallen.

Der Kaiser weiß also, wovon er redet, wenn es um den Jihad geht. Er kennt nicht nur den friedfertigen Satz aus der zweiten Sure – »Es sei kein Zwang im Glauben« (256) –, den Benedikt auf die Frühzeit Mohammeds datiert, als dieser noch schwach und ohnmächtig war, sondern auch die späteren wie: »Und nicht sind diejenigen Gläubigen, welche daheim ohne Bedrängnis sitzen, gleich denen, die in Allahs Weg streiten mit Gut und Blut. Allah hat die, welche mit Gut und Blut streiten, im Rang über die, welche daheim sitzen, erhöht. Allen hat Allah das Gute (das Paradies) versprochen; aber den Eifernden (den mit der Waffe Streitenden) hat er vor den daheim Sitzenden hohen Lohn verheißen.« (4.98)

Der Kaiser kennt also Realität und Theologie des Heiligen Kriegs, und so nimmt es nicht Wun­der, dass er sich, wie Benedikt in seiner Rede ausführt, in »erstaunlich schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner« wendet: »Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.«

Allein von dieser »erstaunlich schroffen Form« kann sich der Papst angesichts weltweiter islamischer Empörung distanzieren, indem er auf den Zitatcharakter des Satzes hinweist, der keineswegs sein eigener sei. Alles jedoch, was Manuel II. zur Begründung seines Urteils anführt, deckt sich mit der Theologie Benedikts XVI. – ob auch mit der der katholischen Kirche zu allen Zeiten, ist eine ganz andere Frage. »Der entschei­dende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.« So zu argumentieren, heißt, Gott an den Logos, an die Vernunft zu binden. Das ist – so argumentiert jedenfalls der von Benedikt bemühte Islamwissenschaftler Theodore Khoury – der islamischen Theologie fremd: Diese denkt Gott in absoluter Transzendenz. Er kann tun, was er will, nichts zwingt ihn, uns die Wahrheit zu offenbaren. An der Stelle, sagt Benedikt, »tut sich ein Scheideweg im Verständnis und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert«.

Mit diesem Satz beendet der Papst seine Auseinandersetzung mit Jihad, Religion und Gewalt und eröffnet zugleich die mit dem Positivismus moderner Wissenschaft. Die Auseinandersetzung so zu beschließen, ist in zweierlei Hinsicht interpretationsbedürftig. Zum einen: Dieser Scheideweg, so formuliert und begründet, ist in Wahrheit ein unüberwindbares Hindernis im Dialog der Kulturen. Allah müsste sozusagen Vernunft annehmen bzw. die islamischen Gelehrten müssten ihn aus seiner absoluten Transzendenz entlassen und ihn in die Vernunft seiner Schöpfung einbinden.

Zum zweiten: Manuel II. (und mit ihm Benedikt) haben völlig darauf verzichtet, auf die islamische Unterscheidung zwischen Bekehrung und Unterwerfung zu reflektieren. Für die Bekehrung gilt die zweite Sure, für den Jihad, die Verpflichtung, die ganze Welt dem Islam zu unterwerfen, die vierte. Das heißt mit Blick auf die Religion, dass es überhaupt kein islamisches Problem gäbe, die katholische Welt zu tolerieren, auf jedes Gewaltmittel zur Bekehrung zu verzichten, wenn sie denn bereit wäre, sich (politisch) zu unterwerfen. (So gedieh die multikulturelle Gesellschaft in Spanien zur Zeit der arabischen Herrscher.)

Die religionspolitischen Aufgeregtheiten haben es verhindert, die geistesgeschichtliche Sensation dieser Vorlesung überhaupt wahrzunehmen. Mit dem Logos als Vermittlungsbegriff fordert Benedikt einen Begriff von Vernunft, wie er in der deutschen Philosophie zuletzt von Horkheimer und Adorno, von Marcuse und dem jungen Habermas vertreten wurde. Habermas klagte im deutschen Positivismusstreit über einen »positivistisch halbierten Rationalismus«. Diese damals »linke«, »emanzipatorische« Position ist nun die des Papstes: »In diesem Sinn gehört Theologie (…) als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein. Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen. In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen.«

Es ist lange her, dass ein päpstlicher Theologe sich so sehr einer kritischen Philosophie als Bundesgenosse angeboten hat.