20.09.2006

Der Star auf meinem Balkon

Schmutzgeier, Klappertiere, Waschbären – Wildtiere erobern die Metropolen und sind zu erstaunlichen Anpassungsleistungen fähig. Etwa der, den Lärm der Städte zu imitieren. von cord riechelmann

Wilde Tiere sind in den letzten Jahren zunehmend in den Häuserschluchten der Städte auffällig geworden. Als vor 65 Jahren Füchse begannen, in die Vororte Londons einzudringen, war dies der Anfang einer Siedlungsgeschichte, deren Ende nicht abzusehen ist. Füchse zählen heute in über 200 Städten Großbritanniens zur ständigen Stadtfauna. Auf dem europäischen Festland sind sie in die Vororte von Paris, Amsterdam, Kopenhagen, Frankfurt und Berlin eingezogen, und zunehmend begegnet man ihnen auch in den innerstädtischen Bezirken. Waschbären wandern durch die Vororte von Toronto und schlafen in den Mülltonnen. Turmfalken bauen in Jerusalem ihre Nester mittlerweile in Blumentöpfen auf den Balkonen der Häuser. Uhus in Stockholm und Lübeck, Fischadler in den Jacht- und Fischereihäfen Nordamerikas oder auf einem Leuchtturm in der westaustralischen Stadt Broome, Schmutzgeier in Kairo oder Halsbandsittiche in Köln und Leverkusen. Tierarten, die bisher als menschenscheu galten, tauchen in menschlichen Siedlungsgebieten auf, was von der Öffentlichkeit und Presse mit einer Mischung aus Erstaunen, Freude und Ängstlichkeit zur Kenntnis genommen wird.

Doch die Liste der auffälligen und überraschenden Umsiedlungen von Tieren in städtische Lebensräume ist noch lange nicht abgeschlossen. So gehört seit einigen Jahren eine wohlgenährte Klapperschlangenpopulation zum Stadtbild von Berkeley. Und in den Kanälen im Zentrum von Mailand trocknen von Frühjahr bis Winter Kormorane nach ihren Tauchgängen die nassen Federn. Haubentaucher entdeckten in der letzten Zeit die Grachten von Amsterdam für sich. Die städtische Atmosphäre muss sie dabei so beeindruckt haben, dass sie das ganze Jahr über im Prachtkleid herumschwimmen. Ihre ländlichen Artgenossen tragen die aufstellbaren Feder­ohren und den rostroten Backenbart nur im Sommer. Am Stadtrand von Karlsruhe ernähren sich Störche fast ausschließlich auf den wachsenden Müllhalden. Der Müll an den Stadträndern verändert ihr Verhalten so weitreichend, dass sie selbst ihre Winterquartiere dort suchen. Immer weniger Störche fliegen bis nach Afrika. Viele bleiben an den Stadträndern der Extremadura in Spanien. Und wo ihnen ganzjährig Abfälle zur Verfügung stehen, können sie auch zu Standvögeln werden. In solchen Ballungszentren nisten sie in sonst ungewohnter Nähe zu städtischen Siedlungen selbst auf den Sendemasten von Radiostationen.

Für Menschen ist Landflucht seit Jahrhunderten eine Möglichkeit, Lebensverhältnissen auszuweichen, die als ungesund oder rigide empfunden werden. Pflanzen und Tiere dagegen zieht es, diesem Beispiel folgend, erst sehr spät – besonders in den letzten 30 Jahren und in Mitteleuropa immer noch zunehmend – aus ländlichen Gegenden in städtische Ballungszentren. Einer der Gründe für diese Bewegung liegt in der Betriebsform der modernen, so genannten intensiven Landwirtschaft. Seit der umfassenden Düngung mit anorganischen Stoffen wie Phosphaten und Stickstoffverbindungen werden den Böden mehr Nährstoffe zugeführt, als Pflanzen für ihr Wachstum benötigen.

Dadurch reichern sich die Nährstoffe im Boden an und begünstigen das Wachstum einiger weniger Pflanzenarten. Mais, Weizen oder Gerste gedeihen in den Monokulturen der Landwirtschaft mit den Düngemitteln auch prächtig und liefern in guten Jahren immer neue Ertragsrekorde, während andere Pflanzen, wie Wildkräuter zum Beispiel, auf den nährstoffüberfütterten Böden nicht so gut gedeihen können, in ihrem Wachstum gehemmt werden und letztlich ganz aus der Landschaft verschwinden.

Die Artenzahl nimmt ab, spezialisierten Insekten fehlen die Blüten, auf denen sie ihr Leben verbringen. Insektenfressenden Vögeln geht die Nahrung aus, und Tiere, die Wildkräuter nicht nur als Nahrung, sondern auch als Heilmittel nutzen, erkranken häufiger und werden seltener.

In Städten werden immer wieder Struk­turen erzeugt, die den natürlichen, das heißt den ursprünglich von Tieren genutzten Räumen ähneln. Hochhäuser stellen für die Bedürf­nisse von Felsenbrütern wie Mauerseglern, Wanderfalken oder Felsentauben alles zur Verfügung, was eine Steilwand in den Bergen auch bietet. Dass insbesondere diese Arten aus Berlin nicht mehr wegzudenken sind, folgt aus der strukturellen Ähnlichkeit von Hochhäusern und Felsen für die Tiere. Den Unterschied zwischen natürlichem Felsen und künstlichem Haus kennen sie nicht.

Ähnliches gilt für das Stadtklima. Gerade im Zentrum ähneln Städte durch die Wärme und Trockenheit dem Klima in Steppen und Halbwüsten. Für Steppentiere eröffnet sich in der Stadt dadurch schlicht ein neuer Lebensbereich. Die Ansiedlung der ursprünglich nur in der Sahelzone vorkommenden Haubenlerche in Mitteleuropa und Berlin ist vor allem auf das warme Klima der Innenstädte zurückzuführen. Außerhalb von Städten brütet sie hierzulande nur sehr selten. Selbst Arten, die sich nicht auf die dicht und hoch stehenden Häuser einstellen können, finden am Stadtrand Lebensbereiche, die für Großstädte charakteristisch sind. So siedeln die aus den Ackerlandschaften fast verschwundenen Feldlerchen seit Jahren vom Fluglärm unbeeindruckt auf dem Gelände des Tegeler Flughafens und vermögen auch dort, im Frühjahr mit ihren Fluggesängen Partner anzulocken und erfolgreich Junge großzuziehen.

Und Heckenbraunellen, etwa spatzengroße, schlanke, grau-rostbraun gefärbte Vögel, zieht es mittlerweile selbst in die winzigsten Hinterhöfe.

Hinzu kommt, dass in Städten neben den mehr oder weniger dauerhaft existierenden Biotopen wie Parkanlagen, Seen, Flüssen oder Altbausiedlungen ständig neue Baustellen entstehen, und das so unvorhersagbar, dass man die durch die Bautätigkeit aufgebrochenen Flächen als chaotisch wechselhaft charakterisieren kann. Für die Stadtlandschaft bedeutet dies alles, dass sie eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Lebensbereiche hervorbringt, die auch von sehr verschiedenen Lebewesen genutzt werden.

Die Stadt ist – um es mit einem Schlagwort zu sagen – zum Fluchtpunkt der Artenvielfalt geworden.

Ende August fiel hinter dem Marx-Engels-Karee am Alexanderplatz ein riesiger Schwarm von Vögeln ein. An die 40 000 Stare haben die Bäume um den Dom zu ihrem Schlafplatz gemacht. Stare sind in Berlin das ganze Jahr über in großen Scharen anzutreffen. Sie brüten in Kolonien, suchen zusammen nach Nahrung, lassen sich in großer Zahl auf Hinterhofbäumen zur Mittagsruhe nieder, ziehen in Schwärmen in neue, bisher unbewohnte Gebiete und schlafen gemeinsam wie am Dom. Ihr Versammlungsdrang ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als sie noch Zugvögel waren. Spaziert man nachmittags um den Dom herum, hört man aus den Bäumen ununterbrochen ein knarzendes Geschwätz. Solange es hell ist, sind Stare während ihrer gemeinschaftlichen Rast nie still. Die schnurrend schnalzenden Töne können von knackend scharfen Rätschen durchzogen sein und klingen wenig melodisch. Trotzdem sind die Geräusche für das mensch­liche Gehör angenehm. Im Unterschied zum Nachtigallengesang tragen Stare ihre Chorgesänge ohne wohlgesetzte Pausen vor, und sie wirken einförmiger. Man könnte fast versucht sein, diesen Unterschied auch auf ihre Erscheinung zu übertragen. Wenn die gedrungenen, kurzschwänzigen Vögel um die Ecke zum Alex fliegen und dann neben Marx und Engels mit ihren kräftigen Beinen und zirkelnden Schnabelhieben unter dem Laub nach Nahrung suchen, wirken sie im Vergleich zu den dünnbeinigen, feinen Nachtigallen wie die Acker­bauern vom Alexanderplatz.

Stare haben wie Nachtigallen ihre ursprünglichen Lebensbereiche in lichten Laub- und Mischwäldern verlassen und sich in menschlichen Kulturräumen angesiedelt. Nur waren sie dabei ungleich erfolgreicher. Ihre Fähigkeit zur feinen Koordination in großen Mas­senansammlungen ist einer der Gründe für ihre beispiellose Erfolgsgeschichte, die in der Mitte des 19. Jahr­hunderts begann. Von Europa aus haben sie alle Kontinente besiedelt, sind vom Land in die Städte vorgedrungen und in Europa zu großen Teilen von Zugvögeln zu Standvögeln geworden. In Berlin ziehen sie nur noch im Spätsommer, Herbst und Winter zwischen ihren Brutplätzen und verschiedenen Massenschlafplätzen hin und her und verlassen die Stadt kaum noch.

Und sie haben die Stadt nicht nur räumlich angenommen. Junge Stare beginnen bereits im Alter von drei Wochen mit Gesangsübungen. Nach bisherigem Kenntnisstand können sie ihr ganzes Leben lang hinzulernen und ihre Gesänge um die unterschiedlichsten Töne erweitern. Stare nehmen sich nämlich nicht nur die arteigenen Laute zum Vorbild. Sie sind genauso empfänglich für Töne anderer Vogelarten wie Spatzen, Amseln oder Krähen und ahmen auch Hundebellen, Katzenschnurren oder Froschlaute nach. In der Stadt werden sie außerdem zum Resonanzraum des Straßenverkehrs, indem sie die Geräusche anfahrender oder bremsender Autos, Polizeisirenen und Baustellenlärm imitieren. Solche Töne können zum akustischen Markenzeichen einer ganzen Schlafgemeinschaft wie der am Dom werden. In großen Ansammlungen gleichen Stare ihre Gesänge einander an und formen auf diese Weise komplizierte Dialekte, die sich selbst innerhalb von Berlin unterscheiden. So singen die Stare vom Dom anders als die in den Bäumen am Kurfürstendamm.

Über die gemeinsam benutzten Teile ihrer Gesänge – oft sind es bestimmte Pfeiflaute – erkennen sie sich als Angehörige derselben Kolonie. Für Stare ist der Gesang wesentlich ein Gemeinschaftsereignis. Er markiert nicht wie bei Nachtigallen einen Klangraum, der das Revier als besetzt anzeigt und Rivalen fern hält. Bei Dauerrednern und Schwarmvögeln wie Staren hat der Gesang andere Funktionen, die nicht immer leicht auseinanderzuhalten sind. In den Schwärmen »schwätzen« beide Geschlechter. Und die von allen gemeinsam geäußerten Töne fördern und bestärken vermutlich das Gefühl von Vertrautheit und damit Zusammengehörigkeit.

Der Gesang der Starenmännchen dient gleichzeitig auch der Paarbildung. Im Frühjahr sitzen die Männchen vor den Bruthöhlen, seien es alte Spechtbauten, von Menschen aufgehängte Bruthilfen wie Vogelkästen oder einfach Aushöhlungen in alten Gemäuern, und stimmen ihre Lockgesänge an. Ihre Erregung zeigt sich nicht nur in der Stimme, sondern sie schlagen während des Vortrags auch mit den Flügeln. Der zittrige Flügelschlag, begleitet von heftigem Kopfwenden in verschiedene Richtungen, macht sie auch für ungeschulte menschliche Beobachter auffällig. Während sie versuchen, Weibchen anzulocken, können die Starenmännchen sehr dicht nebeneinander vor den Höhlen sitzen, ohne sich etwas zu tun oder sich gegenseitig zu vertreiben. Sie verteidigen nur die unmittelbare Umgebung ihrer Nesthöhle.

Die Weibchen bevorzugen die furioseren Sänger. Furios ist in diesem Fall durchaus wörtlich zu verstehen. Denn Starenmännchen können zweistimmig singen. Die Oberstimme, in der sie legato arteigene Motive aus hohen, grellen Trillern mit den bereits erwähnten Imitationen verflechten, unterlegen sie in der Unterstimme staccato mit kurzen, ratternden Elementen. Man ist oft verblüfft, dass es sich wirklich nur um einen Sänger handelt. Die Weibchen wählen vorrangig denjenigen Star, der in dieser Vortagsform die anderen an Variantenreichtum und Dauer übertrifft. Und sie lassen sich offenbar nur von dem Gesang verführen, die Qualität des Reviers, das heißt der Bruthöhle, scheint für sie nebensächlich zu sein. Denn anders als Nachtigallen suchen Stare nicht nur in ihrem Revier nach Nahrung. Sie sind selbst im Frühjahr während der Paarbildung und Jungenaufzucht in der Stadt sehr beweglich, erhalten die Kommunikation innerhalb des Schwarms aufrecht und haben es gar nicht nötig, sich von ihren Artgenossen abzugrenzen, um ihrer Brut ausreichend Nahrung zu sichern.

Das Hin und Her zwischen der paarweisen Aufzucht der Brut und der Nahrungssuche im Schwarm könnte auch einer der Gründe sein, weshalb Stare ihre Lebensbereiche auch akustisch in ihren Stimmen spiegeln. Die durch die Aufnahme fremder Töne gesteigerte Variabilität ihres Gesangs verschafft ihnen einerseits ganz handfeste Vorteile bei der Paarbildung, und andererseits bieten die zu Teilen in den Schwarmgesang überführten neuen Töne die Chance einer unverwechselbaren lokalen Identität und damit schnelle Erkennbarkeit der Zugehörigkeit.

Die Fähigkeit der Stare zur Abstimmung und Synchronisation findet ihren sichtbaren Ausdruck in den Formationsflügen riesiger Schwärme. Das kann in der Nähe des Roten Rathauses zu nahezu sphärischen Schauspielen führen. In dunklen Wolkenwellen, mal aufschlagend, dann nach unten abbrechend, genauso schnell in die Breite sich ausdehnend, wie sich die Tiere wieder zu einem eng werdenden Trichter zusammenziehen, schwappt der Starenschwarm auf den Rathausplatz zu, um, kurz bevor die Vögel in den Bäumen landen, in kleine Gruppen auseinanderzubrechen. Die pulsierenden Flugbewegungen erinnern an eine riesenhafte Amöbe. Und wenn die Vögel dicht über einem hinwegfliegen, sieht man, dass selbst die Flügelschläge im dichten Zentrum der fliegenden Amöbe synchronisiert sind.

Stare beobachten im Schwarm die anderen sehr genau und reagieren äußerst schnell auf die Flugbewegungen be­stimm­ter Vögel. So können von jeder beliebigen Stelle Richtungsänderungen vorgegeben werden und sich in Wellenform ausbreiten. Warum sich die Stare aber überhaupt in so riesigen Formationen zusammenfinden und scheinbar nutzlos am Himmel ihre Flugspiele vollziehen, ist bis heute umstritten.

Zwischen Ende Juni und Oktober erwartet manchmal schon mittags ein Falke auf dem Turm der Marienkirche die »anschwimmende« Wolkenwelle. Fliegt er mit schneller werdenden Flügelschlägen auf den Schwarm zu, bildet dieser einen ausweichenden Halbmond um den Angreifer. Und schließt ihn mit einer unfassbar schnellen und gleichsam flüssigen Bewegung in einer schwar­zen Kugel ein. Bis er unten oder an der Seite aus dem biegsamen Schwarmkörper wieder hinausfällt bzw. -fliegt. Dass es dabei zu Kollisionen gekommen sein muss, davon zeugen die vielen kleinen schwarzen Federn, die immer noch durch die Luft wehen, wenn der Falke schon im Turm des Roten Rathauses gelandet ist und die Stare wie ein enger werdender Fluss in die Bäume am Dom eingeströmt sind.

Erfolg haben Greifvögel bei solchen Attacken fast nie. Im Schwarm sich auf einen einzelnen Vogel zu konzentrieren, schaffen sie trotz ihres guten Sehvermögens nicht. Sie werden konfus, verlieren die Orientierung, und bei der Geschwindigkeit, mit der sie fliegen, während der Schwarm sie einschließt, besteht die Gefahr, dass sie mit einem Vogel frontal zusammenstoßen und sich das Genick brechen. Dass sie trotzdem immer wieder einen Angriff versuchen, wird mit dem riesigen Angebot an potenzieller Nahrung zusammenhängen, das ein Schwarm von mehr als 1 000 Staren darstellt. Und genau darin liegt der schwer aufzulösende Widerspruch der großen Staransammlungen. Denn ob der später vielleicht durch die Masse zu erzielende Konfusionseffekt den Nachteil aufwiegt, durch die bloße Massenansammlung Fressfeinde auf sich aufmerksam zu machen, ist schwer zu klären. Häufig genug jedenfalls sieht man einen Wanderfalken mit einem kleinen schwarzen Vogel in den Greifern in der Nestnische im Rathausturm verschwinden.

Zusammenfassend kann man schließen, dass Stare die städtische Umgebung auf verschiedene Weise in ihren Lebenszyklus zu integrieren verstehen. Die Biologie hat dafür den Begriff »Kulturfolger« eingeführt. Die Antithese Stadt-Natur von Charles Baudelaire lässt sich für Stare nicht aufrechterhalten. Der polyphone Gesang der Vögel findet aber auch eine Entsprechung in der Dichtung Baudelaires selbst. Nach Michel Leiris taucht nämlich der Lärm von Paris nicht nur wörtlich in den Gedichten Baudelaires auf, er ist ebenso rhythmisch in den Vers hineingearbeitet. Nicht anders ist es mit dem Gesang der Stare in der Stadt, in diesem doppelten Sinn.