27.09.2006

Erst die Härte, dann der Tod

platte buch

Humor ist eine Frage des Talents; und der in England geborene Autor William Nicholson besitzt mehr davon, als man nach seinem Drehbuch zu »Gladiator« und seiner Regiearbeit »Nell« hätte erwarten dürfen. Für seinen Debütroman »Die Gesellschaft der Anderen« hat Nicholson einen Protagonisten erfunden, dessen boshaft trockene, durch und durch nihilistische Weltsicht einen möglicherweise lauthals zum Lachen bringt. »Das Leben ist hart, dann stirbt man.« Man muss sich dabei vor Augen führen: Der junge Mann ist höchstens Mitte zwanzig.

Die Familie liebt ihn – ihr Problem. Zeit, von zu Hause zu verschwinden. Per Anhalter macht sich unser namenloser Ich-Erzähler auf eine Reise ohne Ziel – wer braucht Ziele? Und es ist schon beeindruckend brutal, mit welcher Wucht uns der Autor aus der englischen Familientristesse-Komödie reißt, um uns auf einen düsteren, verrätselten Trip zu schicken. Auch unser Held kann es kaum fassen: Mir nichts, dir nichts landet er in einem Polizeistaat irgendwo im Osten Europas, rasch umsäumt von Leichen, die seinen Weg pflastern. Ist er ein Mörder? Wer ist die Dissidentengruppe, die sich »Die Bewegung« nennt? Er versteht nichts, wir verstehen nichts.

Doch während wir in Ruhe weiter lesen können, muss er handeln. Sich verstecken, folgenreiche Entscheidungen treffen, sich neuen Gefahren stellen. Obwohl er das eigentlich gar nicht will. Genau das macht »Die Gesellschaft der Anderen« zu einem Entwicklungs- oder Läuterungsroman. Zu einem Roman, der es tatsächlich wagt, die beknackte Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Hinterher denkt man sich: Ist ja gar nicht so beknackt, diese Frage. Wurde wahrscheinlich immer bloß von den falschen Leuten gestellt.

michael saager

William Nicholson: Die Gesellschaft der Anderen. Eichborn, Frankfurt a. M. 2006, 258 S., 19,90 Euro