27.09.2006

Gutes Karma, schlechte Luft

Runen, Tachyonenenergie, Kontakte ins Jenseits: Die Berliner Esoteriktage locken mit Lösungen für alle Probleme und finden ihr Publikum. von markus ströhlein

Ein Jugendlicher sträubt sich. »Ich will da nicht hinein«, sagt er. Doch seine Mutter lässt nicht locker: »Ach, komm schon. Du gehst jetzt mit.« Nach einem kurzen Wortwechsel gewinnt die Mutter. Sie zahlt den Eintritt. Der Sohn trottet gesenkten Hauptes hinterher. Sich im Alter von 13 oder 14 Jahren mit seiner Mutter in der Öffentlichkeit zu zeigen, ist schlimm genug. Den Samstagnachmittag auf einer Esoterikmesse in Begleitung von Mama zu verbringen, ist eine Demütigung.

Die Mutter zieht es an einen Tisch, der mit unzähligen bunten Broschüren bedeckt ist. Das Angebot ist unüberschaubar. Selbst ernannte spirituelle Meister und Meisterinnen, geistige Heiler, Seher, Medien, Schamanen oder Parapsychologinnen werben für ihre Dienste. Hildegard Matheika, »Expertin für mediale Beratung, Lebensberatung und Jen­seits­kontakte«, lockt mit einem Satz auf ihrem Werbeheft, der fast wie eine Drohung klingt: »Sie erhalten von mir einen Schlüssel für das Leben, nutzen Sie ihn!« Wer in der Broschüre blättert, stellt fest, dass Matheika einiges kann: spirituelle Beratung, Unternehmensberatung, Partnerzusammenführung, Geist- und Gebetsheilung, Reinkarnation, Rückführung und vieles mehr. Sie selbst hätte dringend eine Stilberatung nötig. Auf dem Foto sieht sie aus, als hätten die Schauspielerinnen der Fernsehserie »Dallas« ihre Frisurvorliebe stark geprägt.

Neben Matheikas Broschüren liegt ein Stapel mit Zetteln, auf denen die folgende Frage steht: »Kennen Sie den Wunsch, sich mit Tieren unterhalten zu können, sie fragen zu können, was sie bewegt, was ihnen fehlt, was sie gern möchten?« Selbstverständlich handelt es sich nicht um das Angebot einer gewöhnlichen Hundeschule. Es wird zu einem Kurs eingeladen, in dem man das »telepathische Kommunizieren« mit Tieren erlernen kann.

Die Berliner Esoteriktage haben natürlich mehr zu bieten als einen Tisch voller Broschüren. Es gibt auch zahlreiche Vorträge, z.B. über die »Kraft der Ahnen«, das »Heilen durch Runen in Verbindung mit heiligen Hölzern« oder die »ganzheitliche Rechtsberatung«. Wer möchte, kann lernen, wie man Karten legt. Wem das zu platt ist, der kann zusehen, wie Sabine Fennell Buddha »channelt« oder Bettina Hallifax den »Highway zur Seele« nimmt.

Sogar ein Sondervortrag ist angekündigt: »Hellsehen lernen mit dem Medium Maria Elisabeth!« Der Herder-Salon, in dem der Vortrag stattfindet, ist überfüllt. Überwiegend Frauen mittleren und höheren Alters sitzen auf den Stühlen, quetschen sich in die Gänge zwischen den Stuhlreihen oder haben Plätze auf den Tischen ergattert, die am Rand des Saals stehen. Er ist recht lieblos eingerichtet. An der Decke hängen billige Lampen mit Goldverzierungen. Das Orange, in dem die Wände gehalten sind, dürfte auch Leuten unangenehm ins Auge stechen, die keiner esoterischen Farbenlehre kundig sind. Hier und da stehen in großen Vasen Sonnenblumen aus Plastik herum. Ähnlich trist wie der Herder-Salon sind ansonsten nur Speisesäle in Altenheimen.

Die Luft ist schlecht. Eine Frau möchte ein Fenster öffnen und spricht diejenige in sanftem Ton an, die davor sitzt: »Ich hoffe, es ist dir recht.« Man ist also »auf du«. Eine etwas jüngere Frau trägt eine Jutetasche mit der Aufschrift: »Das Schmetterlings-Erleuchtungs-Projekt Avatar.« Neben ihr klagt ein Familienaufsteller einer Begleiterin sein Leid: »Ich bin jetzt selbständig. Das ist ganz komisch. Plötzlich kümmert sich niemand mehr um mich.«

Dann betritt »das Medium« Maria Elisabeth den Saal. Auf dem Foto in den Werbeprospekten, die ein Mann eifrig verteilt, hat sie schwarze Haare und rosige Haut. Vor den Zuhörern steht eine Frau, die wohl an die 60 Jahre alt sein dürfte. Sie hat graue Haare und graue Haut.

Aber schließlich zählt ja das Innere. Und damit kennt sich Maria Elisabeth aus. »Sie alle haben sicherlich persönliche Probleme. Sie alle sind sicherlich von Zeit zu Zeit unzufrieden«, sagt sie. Einige Besucher nicken, andere raunen zustimmend. Da weiß Maria Elisabeth Rat: »Ich kann Ihnen zeigen, wie Sie diese Probleme überwinden können. Und sie werden nie mehr zurückkommen.« Noch dazu sei es recht einfach, die Unzufriedenheit aus der Welt zu schaffen. Man müsse nur seine eigene »Medialität« wieder entdecken, erzählt die Referentin. »Medialität« sei lediglich ein anderes Wort für das Hellsehen. Hellsehen könne man, »wenn man die Dinge sieht, wie sie sind«.

Leider hätten die meisten Menschen ihre angeborene »Medialität« nach der Kindheit verloren. Dann verliert sich der Vortrag in einer kruden Mischung aus Versatzstücken der Hirnforschung, der Entwicklungspsychologie und natürlich der Esoterik. Verstehen muss man die Ausführungen nicht, denn »das geht nicht über den rationalen Verstand«.

Der Mensch ziehe sich im Lauf des Lebens jedenfalls »emotionale Blockierungen« zu. Gegen diese Verstopfung in den »Chakren« helfe nur eins: eine gründliche Reinigung in drei Schritten bzw. Kursen. Zunächst werde man unter Elisabeths Führung in den »Alphazustand« versetzt. Auf dieser Reise zurück in die eigene Kindheit werden alle Blockaden beseitigt. »Sie kommen nie mehr zurück. Sie sind ein für allemal weg«, sagt die Hellseherin. Und die angeborene »Medialität« kehre auch wieder zurück. Dann müsse die »Auraschicht« gereinigt werden. »Danach strahlen wir das aus, was wir sind«, weiß die Referentin. In einem dritten Schritt müsse dann noch der Körper gereinigt werden. »In jedem Organ schlummern alte Emotionen. In der Leber schläft zum Beispiel der Ärger«, behauptet die Referentin.

Hat man Maria Elisabeths spirituelle Waschanlage durchlaufen, kann man nicht nur hellsehen. Man kann auch anderen Menschen helfen, denselben Weg zu gehen.

Elisabeth ist ganz verzückt über ihre Medialität: »Ich habe auf jede Frage eine wahre Antwort.« Und dann soll es wohl philosophisch werden, endet aber peinlich: »Die Wahrheit passiert. Die Wirklichkeit ist das, was wir aus der Wahrheit machen.« Ein Zuhörer hat eine überaus praktische Frage: »Wie soll ich in der Wahrheit ankommen, wenn die Politiker, die ich in den Nachrichten sehe, immer lügen?« Elisabeth kann beweisen, dass sie zumindest nicht um eine Antwort verlegen ist: »Dann hören Sie doch einfach auf, die Nachrichten zu schauen.«

Um zu erahnen, was dann noch kommt, braucht man aber keine hellseherischen Fähigkeiten. Auch Maria Elisabeth muss an das Geschäft denken. Man könne in ihrem Institut in München in drei Kursen die Reinigung durchlaufen. Jeder Kurs koste etwa 1 200 Euro. Und in einem netten Hotel neben dem Institut könne man auch gleich übernachten. Der Saal leert sich recht schnell.

Die Esoterikexpertinnen versprechen in ihren Vorträgen und Broschüren Abhilfe bei allen erdenklichen Problemen. Gegen den Hunger können sie nichts ausrichten. Zum Glück gibt es im AVZ-Logenhaus die »Eso-Snack-Bar«. Neben dem Eingang zur Bar hängt eine Tafel. Auf ihr kann man lesen, welche Logen sich im Haus treffen. Es scheint ihnen um die ganz großen Dinge zu gehen. Sie heißen »Urania zur Unsterblichkeit«, »Zur siegenden Wahrheit« oder »Zur Humanität und Beständigkeit«.

In der »Eso-Snack-Bar« stehen Vitrinen mit Bildern besonderer Logenbrüder und Abzeichen der Gesellschaften. Wer ausgefallene Speisen erwartet, wem etwa der Sinn nach ayurvedischer Küche steht, der wird herb enttäuscht. Das angebotene Essen kennt man eher aus Berliner Eckkneipen. Es gibt Bouletten mit Kartoffelsalat, warme Wiener oder auch belegte Brötchen mit Schinken. Die Currywurst fehlt allerdings. Zum Nachtisch kann man Kaffee und Kuchen bekommen. Viele ältere Leute sitzen in der »Eso-Snack-Bar«. Auf Butterfahrten dürfte es ähnlich aussehen.

Im ersten Stock des Logenhauses hat der Architekt versucht, ein besonders prunkvolles Geschoss zu entwerfen. Weitläufig sind das Foyer und die einzelnen Säle. Der Innenarchitekt hat dann anscheinend seiner Leidenschaft für den Kitsch nachgegeben. Überall schimmert es golden. An der Decke sind Stuckimitate angebracht. Das Treppengeländer ist mit Zirkeln und Schreinerwinkeln verziert, den Symbolen der Logenbrüder. Vereinzelt stehen Plastikpflanzen herum.

Das Stockwerk dient als Ausstellungsfläche für die Esoterikmesse. Etliche Stände bestehen aus Stangen und darüber hängenden Tüchern. In diesen kleinen Zelten sitzen sie, die Wahrsagerinnen, Seherinnen, Schamaninnen, und warten auf Kundschaft. Meist steht noch ein Werber vor dem Stand und versucht, Vorbeigehende zu einem Gespräch zu überreden. Die Besucherinnen und Besucher sehen zum Großteil nicht so aus, als müssten sie sich Sorgen um ihre finanzielle Lage machen. Schließlich findet die Messe ja auch in Wilmersdorf statt. Das ist nicht unbedingt der ärmste Stadtteil Berlins. Doch 40 Euro für eine »mediale Lebensberatung« zu zahlen, die 15 Minuten dauert, lässt die meisten doch zögern.

Deshalb müssen die Aussteller mit großen Versprechungen aufwarten. Die »Geistheilerin« Wanda Pratnicka wirbt etwa damit, Ängste, Depressionen und sogar Selbstmordgedanken beseitigen zu können. Ihre Webseite heißt »www.DerExorzist.com«. Der Name dürfte Rückschlüsse auf ihre Heilmethoden zulassen.

Andere Aussteller verkaufen ihre Produkte direkt am Stand. Auf einem Tisch gibt es CDs. Was aus den Lautsprechern säuselt, schreckt eher ab. Natürlich werden Bücher angeboten. Die Auswahl ist unüberschaubar. Anhänger von Verschwörungstheorien kommen jedenfalls auf ihre Kosten. Es gibt Bücher wie »Das große Buch der Verschwörungen. Vom 11.September zu den Schwarzen Koffern« oder »Geheime Geschichte. Was unsere Historiker verschweigen«.

Ein Anbieter verkauft Holzstöckchen, in die Runen eingeschnitzt sind. Im Fachjargon heißen sie »Runenstäbe«. Was es mit den Stöckchen auf sich hat, kann man in dem Buch »Das erwachende Erbe der Runen« erfahren.

Gleich gegenüber wirbt ein Stand mit dem Slogan: »Für ihre Gesundheit: Tachyonenenergie«. Aufmerksamen Zuschauern der Science-Fiction-Serie »Star Trek« ist diese Energie sehr wohl bekannt. In der Serie wird sie dazu genutzt, um durch die Zeit zu reisen oder getarnte Raumschiffe aufzuspüren. Den Verkäufern ist es irgendwie gelungen, die Tachyonenenergie in quietschbunten Glassteinen einzufangen. Ab 35 Euro aufwärts sind sie zu haben.

Am Stand von »Maitreya, dem Weltlehrer des Wassermannzeitalters« hat man es nicht mit dem schnöden Verkaufen. Es geht um mehr, nämlich um die Zukunft der Welt oder »ganz pragmatisch um die Lösung der von uns Menschen verursachten Probleme«. Maitreya selbst ist nicht anwesend. Er muss sich erst noch offenbaren. Glaubt man einer Broschüre, kann es nicht mehr lange dauern: »Der hoffnungsvolle Tag, an dem Maitreya sich im Fernsehen einer innerlich bereiten, aber skeptischen – weil schlecht informierten – Menschheit vorstellen kann, ist nahe.« Und dann wird es richtig rund gehen: Die Uno wird reformiert, die Ressourcen werden gerecht verteilt, der Hunger wird beseitigt, den Marktkräften, dem Konsum und der Kommerzialisierung wird Einhalt geboten. Kriege wird es dann selbstverständlich auch nicht mehr geben. Diesen Welterlösungsirrsinn verbreitet eine Organisation namens Share International, die sich auch gern auf Treffen von Globalisierungsgegnern herumtreibt.

Vor dem Herdersalon stehen die Besucher mittlerweile in einer großen Schlange. Als die Türen aufgehen, drängen sie hinein zu dem Vortrag »Unglaubliche Kontakte zum Jenseits«. Dr. Marita Lautenschläger hält ihn. Sie wird im Programm als die »Nr. 1 in authentischen Jenseitskontakten« oder schlicht als »Das Medium« angekündigt. Was die ganz in Schwarz gekleidete Frau zu sagen hat, klingt wie das, was man aus dem Spukfilmchen »The Sixth Sense« mit Bruce Willis kennt. Sie fragt das Publikum: »Können Sie sich vorstellen, dass Verstorbene jetzt und hier unter uns sind und sogar durch uns hindurch laufen?« Die Zuhörer antworten brav wie aus einem Mund: »Ja!« Das »Medium« liefert auch eine Erklärung: »Die Verstorbenen schwingen feinstofflich schneller als die Lebenden. Die meisten Menschen können sie deshalb nicht sehen. Aber ich habe diese Augen. Ich sehe das Jenseits.« Ein Mann fragt: »Aber was ist denn nun das Jenseits?« Lautenschläger legt da recht lockere Maßstäbe an: »Das Jenseits ist der Himmel und die Hölle, aber auch Ufos und andere Planeten. Jenseits ist alles jenseits der Erde.«

Dann folgt der praktische Teil. »Wir wollen nun die Verstorbenen rufen«, sagt die Rednerin. Dazu braucht sie Freiwillige, die Verbindung mit einem Toten aus der Familie oder aus dem Freundeskreis aufnehmen wollen. Zahlreiche Leute melden sich. Lautenschläger bittet eine junge Frau nach vorn. Sie möchte mit ihrem toten Vater reden. Das »Medium« schließt kurz die Augen, fasst sich an die Schläfen und verkündet dann: »Ihr Vater steht nun hinter ihnen. Er hat schwarze Haare.« Die Frau nickt. Sie hat ebenfalls schwarze Haare. Die Rednerin weiß aber noch mehr: »Er ist nicht dick. Aber dünn ist er auch nicht. Er ist eben gut gebaut.« Wieder nickt die Frau. »Und jetzt möchte ihr Vater ihre Wange streicheln. Er geht jetzt zu ihnen und berührt sie«, offenbart Lautenschläger. Die Testperson sagt zwar, sie könne nichts spüren. Sie bricht aber dennoch in Tränen aus. Das »Medium« entlässt sie daraufhin.

Bei der zweiten Freiwilligen verläuft das Ratespiel nicht ganz so glatt. Die Rednerin tippt bei der Verstorbenen auf eine Frau mit kinnlangen, lockigen Haaren. Die Frau verneint das. Doch ein erfahrenes »Medium« ist durch nichts zu erschüttern: »Auch das passiert. Wir haben die falsche Marianne gerufen.« Sie schließt erneut die Augen, reibt die Schläfen und sagt: »Ich versuche es einfach mit dem Gegenteil. Ihre Mutter steht hinter ihnen und hat lange, glatte Haare.« Siehe da, es stimmt. Als die verstorbene Mutter dann noch Grüße an den Enkel ausrichten lässt, bricht auch diese Freiwillige in Tränen aus.

Nun verändert Lautenschläger ihre Methode. Die Freiwilligen sollen eine Frage an einen Verstorbenen stellen, die dieser durch das »Medium« beantworten kann. Eine schluchzende Frau bringt nur schwer den Satz über die Lippen: »Ich möchte meinen toten Vater fragen, was wir fünf Kinder mit meiner Mutter machen sollen.« Die Rednerin wartet kurz und antwortet: »Ihr Vater sagt, sie sollen ihre Mutter ins Heim geben. Sie braucht professionelle Hilfe.« Die weinende Frau nickt. Eine weitere Frau wird aufgerufen. Auch sie kämpft mit den Tränen. Sie hat eine Frage an ihren Vater: »Was soll ich mit meinem Mann machen?« Lautenschläger schweigt kurz und sagt dann: »Ihr Vater sagt: Setzen Sie Ihren Mann vor die Tür. Das hätten Sie schon längst tun sollen!« Die Frau setzt sich und nickt schluchzend vor sich hin.

Damit endet der Vortrag. Die Rednerin wirbt noch kurz für ihr Buch: »Sie bekommen es an meinem Stand. Es sind nur noch fünf Exemplare übrig. Beeilen sie sich!« Dann gehen die Zuhörer aus dem Saal. Einige verlassen das Logenhaus. Draußen scheint die Sonne. Ruhig und beschaulich ist es. Aber zumindest für einen Ehemann und eine alte Mutter irgendwo in Berlin könnte der Tag noch mit einer Überraschung enden.