Wenn Lesen verblödet

Weitgehend ungestört können rechtsextreme Verlage ihre Propaganda verbreiten. Manche treten auch auf der Frankfurter Buchmesse auf. von titus lenk

Die Bücher, die sie veröffentlichen, tragen so illustre Titel wie: »Die Chronologie des Luftterrors 1939-45«, »Nürnberg – Tribunal der Sieger«, »Adolf Hitler, mein Jugendfreund«, »Falsche Fremdenfreundlichkeit« oder, eher kulturbeflissen: »Musik in der Waffen-SS«. Rund drei Dutzend Verlage für rechtsextreme Literatur gibt es in Deutschland. Sie residieren vor allem in den alten Bundesländern, und hier insbesondere im Süden. Die Stadt mit den meisten rechten Verlagen ist vermutlich München. Hinzu kommen weitere, die nicht nur rechte und antisemitische Werke im Sortiment haben. Und auch im Ausland gibt es noch eine Reihe deutschsprachiger rechtsextremer Verlage, die auch die hiesige Szene mit ihren Büchern beliefert.

Man kann diese Verlage grob in ältere traditionelle und jüngere, eher neurechts orientierte unterteilen. Die erstgenannten wurden in der Nach­kriegszeit gegründet. Sie publizieren vor allem Erinnerungs- und Rechtfertigungsliteratur in Form von beschönigenden Geschichten über Kriegserleb­nisse und legen völkische »Klassiker« wieder auf. Gründer waren meist ehemalige hochrangige Na­tio­nalsozialisten. So rief der ehemalige stellvertretende Reichspresseleiter der NSDAP, Helmut Sündermann, zusammen mit seiner Frau Ursula im Jahr 1952 den rechtsextremen Druffel-Verlag ins Leben.

Inzwischen aber ist der alte Kundenstamm, die Kriegsteilnehmer, die so gerne lasen, wie tapfer sie waren und wie sie um ein Haar das Gartenhäuschen bei Moskau bekommen hätten, größtenteils verstorben und vom ideologischen Nachwuchs ersetzt worden. Von den traditionellen rechten Verlagen haben sich der Druffel-Verlag, der Vowinckel- und der Türmer-Verlag im Jahr 1991 in Berg am Starnberger See zur Verlagsgesellschaft Berg unter der Führung des Verlegers Gert Sudholt zusammengeschlossen.

Im Normalfall aber werden die meisten rechten Verlage von einer Person geführt. Etwa der Dresdner Kleinverlag Zeitenwende, einer der wenigen rechten Verlage in Ostdeutschland. An dem mehrgeschossigen renovierten Gebäude, das er als seine Postadresse angibt, ist kein großes Schild angebracht. Lediglich ein kleiner handgeschriebener Zettel am Briefkasten weist den Briefträger darauf hin, dass sich hier nicht nur die Privatadresse des Geschäftsführers Sven Henkler, sondern auch der Sitz des neurechten Kleinverlags selbst befindet. Bis Anfang des Jahres 2005 wurde im Verlag Zeitenwende Hagal – Die Allumfassende, ein vierteljährlich erscheinendes Magazin und Quasi-Organ des neurechten Forums »Sy­ner­gon Deutschland«, herausgegeben; inzwischen wird es vom Regin-Verlag publiziert.

Dass rechte Verlage ein Magazin oder meh­rere herausgeben, ist typisch. So gehört zum Tübinger Grabert-Verlag das vierteljährlich erscheinende Magazin Deutsch­land in Ge­schich­te und Gegenwart, zum Münchner Castel del Monte-Verlag die mo­natlich erscheinenden Staatsbriefe und zum österreichischen Stocker-Verlag mit Sitz in Graz das ebenfalls vierteljährlich erscheinende Magazin Neue Ordnung. Der Stocker-Verlag wird im übrigen auch auf der Frank­furter Buchmesse vertreten sein, genauso wie der Druffel&Vowinckel-Verlag und der Junge-Freiheit-Verlag.

Die rechtsextreme Buchbranche scheint auch die Entwicklungen der herkömmlichen Branche mitzumachen. Mit der wachsenden Popularität von Hörbüchern entstand auch ein rechter Hörverlag, Vox Libri, mit Sitz in Nettetal. Im Jahr 2001 erschien dort ein Hörbuch zum 100. Geburtstag des ehemaligen Freikorpsmitglieds Ernst von Salomon. Dieser ermordete im Jahr 1922 Walther Rathenau, den damaligen deutschen Außenminister, der Jude war. Außerdem erschien bei Vox Libri die Doppel-CD »Hajo Herrmann. Kleine Odyssee – der Luftangriff auf den Hafen von Piräus«, auf der Herrmann, ein Veteran der Legion Condor, selbst das Vorwort spricht.

Während Naziläden und Nazikneipen immer wieder das Ziel von antifaschistischen und zivilgesellschaftlichen Kampagnen sind, fristen rechte Verlage ein recht beschauliches und ungestörtes Dasein. Und das, obwohl ihre Autoren ihre Thesen teilweise bis tief in die Mitte der Gesellschaft tragen. Das Buch »Das Heerlager der Heiligen« von Jean Raspail, dessen deutsche Fassung im Grabert-Verlag erscheint, ist derzeit der rechtsextreme Bestseller. Es wurde nach Angaben des Verlages in fünf Spra­chen übersetzt und weltweit zwei Millionen Mal verkauft. Es handelt, wie der Verlag schreibt, von der drohenden »Überwältigung Europas durch die explodierenden Menschenmassen der Dritten Welt«.

Von Vorteil für rechte Verlage ist es auch, wenn größere Versandbuchhandlungen, wie etwa der katholische Weltbild-Versand aus Augsburg, bereitwillig ihre Literatur im Angebot führen. Weltbild ist durch die Aufnahme von Lektüre aus dem Stocker-Verlag, dem Arndt-Verlag aus Kiel oder dem Bublies-Verlag aus Schnellbach ein Multiplikator für rechte Thesen.

Problematisch sind zudem Verlage, die nicht eindeutig als rechtsextrem erkennbar oder einzuordnen sind. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist das Verlagsimperium von Herbert Fleissner. Dem Alten Herrn der Burschenschaft Suevia Inns­bruck, der nach Angaben des Informationsdienstes gegen Rechtsextremismus Mitglied des revi­sio­nis­tischen Witikobundes ist, gehört ein großes Ver­lagsimperium, zu dem derzeit u.a. die Verlage Lan­­gen, Müller, Herbig, Universitas, Bechtle, Amalthea, Limes, Nymphenburg bzw. Anteile an diesen gehören.

Die große Mehrheit der in diesen Verlagen verlegten Literatur ist nicht rechtsextrem, aber auch Autoren wie dem Holocaustleugner David Irving, dem von Hitler hoch dekorierten ehemaligen Wehr­machtspiloten Hans-Ulrich Rudel, dem ehemaligen Pressereferenten von Joseph Goebbels, Wil­fred von Oven, oder dem südafrikanischen Rechts­extremen Claus Nordbruch wird ein Forum geboten. Das macht Fleissners Verlagsimperium umso gefährlicher, weil auf diese Weise relativ unbemerkt rechtsextreme Lektüre ins normale Sortiment gelangt.

Zudem stützen Werbeanzeigen von Fleissners Verlagen in der Deutschen Rundschau, der Jungen Freiheit, Deutschland in Geschichte und Gegenwart und dem Republikaner auch die eindeutig bzw. offen rechtsextremen Verlage und andere Segmente der rechten Szene. Ein Teil des mit normaler Lite­ratur verdienten Geldes wird so in die Bewegung investiert.

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