Nichts fürs Seminar

Gail Jones: »Der Traum vom Sprechen« von jan-frederik bandel
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»Haben Sie sich da nicht ein bisschen viel vorgenommen?« müsste der Lektor fragen, bedenklich übers Exposé gebeugt. »Die Ästhetik der Moderne, die geheime Poesie der Alltagstechnik – das Telefon als Medium körperloser Intimität, der Traum vom Fliegen und das Erhabene des Frankfurter Flughafens bei Nacht, Radiowellen und geharkte Gärten. Spiritualisierung, Säkularisierung, Sexualisierung. Die Dialektik des Technischen, Nagasaki, die Atombombe –«.

»Und so weiter«, würde die Autorin den väterlich Besorgten vielleicht unterbrechen: »Ganz zu schweigen von der Geschichte einer intensiven Begegnung. Ein Japaner, Mr. Sakamoto, der bei seinen obsessiven Recherchen zur Geschichte des Telefons auf eine jüngere australische Forscherin stößt, Alice Black: eine ungewöhnliche Begegnung in Paris mit einem traurigen Nachspiel in Nagasaki, nicht amour fou, sondern verrückte Freundschaft. Würde das für 220 Seiten nicht schon genügen?«

»Und dann«, riefe der Lektor wieder, »diese Familien- und Beziehungskisten: die beiden ungleichen Schwestern, Alice und Norah Black … « »Die dann am Ende doch keine Schwestern sind.« »Eine ›seifenoperartige Wendung‹, wie Sie selbst schreiben.« »Genau. Außerdem: die Geschichte eines Mädchens, das in einem Arbeiterhaushalt aufwächst und eigentlich Verkäuferin werden soll, nicht ausgerechnet Literaturprofessorin. Die verschiedenen gescheiterten Beziehungen und der Versuch, mit der Erinnerung daran umzugehen. Die Erfahrungen der Krankheit und des Todes. Und das Misstrauen der Schriftstellerin Alice gegen­über den Worten, ihre Schwierigkeiten, zum Sprechen zu kommen.« »Ich sag’s doch: ein bisschen viel.«

In der Tat, es steckt viel drin, in diesem dritten Roman der australischen Autorin Gail Jones, der nun unter dem Titel »Der Traum vom Sprechen« auch auf Deutsch vorliegt. Es ist schon beneidenswert, mit welch scheinbarer Leichtigkeit und Zwanglosigkeit Jones es versteht, einen Diskursroman zu schreiben, in dem kleine Berichte über Erfindungen von Zellophan bis Telefon sich mit schönen Dialogen und kunstvoll fragmentierten und angeordneten Erinnerungsbildern verbinden.

Auf die Artifizialität von Figuren und Konstellationen, die so genannten Diskursromanen so oft eigen ist, verzichtet die Literaturwissenschaftlerin Jones weitgehend. Es ist auch keiner jener Seminarromane entstanden, die hierzulande Germanisten für Germanisten dichten.

Die ästhetischen Bezüge bleiben dadurch oberflächlich, oft nur biografisch, aber ein Roman muss ja auch nicht zwangsläufig eine kulturwissenschaftliche Habilitations­schrift ersetzen, zumal nicht, wenn er so schöne Passagen enthält wie die traumatische Szene, in der Alice als kleines Mädchen ein schwer verletztes Känguru erschlägt, weil die übrigen Familienmitglieder das angefahrene Tier nur anstarren. Oder Mr. Sakamotos Bemühungen, das Liebesleben zweier französischer Kellner wieder in Ordnung zu bringen. Und so weiter.

»Genau, und so weiter«, könnte der Lektor zufrieden nicken und sich endlich entspannt zurücklehnen.

Gail Jones: Der Traum vom Sprechen. Aus dem Australischen von Conny Lösch. Edition Nautilus, Hamburg 2006, 220 S., 22 Euro