11.10.2006

Alptraum indischer Zahnarzt

platte buch

Irgendwo zwischen Hesses »Siddharta« und dem guten alten »Anders Reisen«-Führer lassen sich Helge Timmerbergs Reportagen aus allen Teilen der Welt einordnen. Sie sind begnadeter Journalismus und schöne Literatur über fremde Gefilde und veränderte Bewusstseinszustände. Drogen spielen oft eine größere Rolle als Landschaften, und immer wird die fremde Bevölkerung anhand ihrer speziellen Gepflogenheiten beim Balzverhalten charakterisiert.

Timmerberg, der viel in Tempo, stern, Zeit, Merian und Playboy veröffentlicht hat, gehört zu den wenigen Reiseschriftstellern, die sich dem fremden Land ausliefern können und zugleich immer auch wissen, dass sie darin nicht zuhause sind und auch sonst nirgendwo richtig hingehören. Wahrscheinlich ist es genau dieser Zwiespalt, aus dem eine gewisse Weisheit und die trockene Ironie entstehen.

Die Zweifel sind natürlich bei einem, der mit 17 losgezogen ist und mit 50 noch immer nicht angekommen ist, größer geworden. Die Einsamkeit, vor allem das Verlassenheitsgefühl des Travellers, der bohrende Zahnschmerzen hat; die Niktotinsucht, die den Zug­reisenden im Nichtraucherabteil packt; der Durchfall, den man anstelle der versprochenen Erleuchtung nach dem Schluck Wasser aus dem Ganges kriegt; die vielen umherreisenden attraktiven israelischen Frauen mit dem militärischen Gang – von all dem handelt das neue Buch »Shiva Moon«, in dem Timmerberg von seinem Lieblingsland Indien erzählt. Es wird entlang des Ganges gereist, viel Yoga praktiziert und das auch von Madonna gern frequentierte Zentrum der Astrologie besucht.

Am Ende sind der Zahnschmerz und die Angst (»Alptraum indischer Zahnarzt«) zu groß. Die Reise wird vorzeitig abgebrochen, und auf die große Frage, wo man eigentlich zu Hause ist, gibt es plötzlich die einfache Antwort: Heimat ist, wo mein Zahnarzt wohnt.

heike runge

Helge Timmerberg: Shiva Moon. Rowohlt, Berlin 2006, 204 S., 26,80 Euro