01.11.2006

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Der letzte linke Student ist traurig. Denn er ist nicht nur allein. Nein: der letzte linke Student ist sogar noch alleiner geworden. Denn: der letzte linke Germanist hat die Uni verlassen. Genauer: er hat nach 400 Semestern sein Studium abgeschlossen. Und das: sogar mit einer 1.

Der letzte linke Student ist nicht neidisch. Vielmehr: ist der letzte linke Student traurig. Der letzte linke Student ist traurig, weil der letzte linke Germanist nun nicht mehr auf die Hochschule darf. Hochschule heißt im besten Fall: hier lernt man, um die Welt zu verändern. Hochschule heißt im weniger guten, doch: noch ganz guten Fall: hier hält man sich auf, damit man nicht woanders arbeiten muss.

Der letzte linke Germanist hat auch an der Hochschule nicht gearbeitet. Der letzte linke Germanist hat an der Hochschule viel geschlafen. Oder aber: er hat gelesen. Gelesen hat der letzte linke Germanist immer nur: das, was er gerade nicht lesen sollte. So hat sich der letzte linke Germanist gebildet. So ist der letzte linke Germanist fast ein linker Student geworden. Denn: der letzte linke Germanist hat immer die Literatur von den linken Literaten gelesen. Also Bernhard, Elsner, Jelinek oder Schmidt. Das hat den letzten linken Germanisten zum letzten linken Germanisten gemacht. Nur einmal hat er geirrt. Da hat der letzte linke Germanist lieber Schopenhauer statt Peter Handke gelesen! Und Schopenhauer: hat den letzten linken Germanisten nicht zum linken Studenten werden lassen.

Deshalb: bleibt der letzte linken Student nur alleiner. Sonst wäre er jetzt nämlich: am alleinsten.

Hätte: der letzte linke Germanist noch 401 Semester studieren können? Was: soll der letzte linke Germanist denn im Leben? Und wer: soll denn die Verrisse in der Studentenzeitung schreiben? Der letzte linke Student glaubt nicht, dass der letzte linke Germanist ein gutes Leben nach der Hochschule haben wird. Denn: draußen ist feindlich.

Wir aber, wir wissen, dass der letzte linke Germanist bei der Wochenzeitung Jungle World unterschlüpfen wird. Und die Wochenzeitung Jungle World ist wie die Hochschule und das Prekariat und die Gewerkschaften: sie ist drinnen! Und drinnen ist links! Daher können wir unsere geweiteten Augen wieder verengen und beruhigt feststellen: der letzte linke Germanist wird weiterschlafen können, weiter Verrisse schreiben und weiterhin das lesen wollen, was er nicht lesen soll.