LeserInnenworld
Jungle World 43/04: Die Quittung, bitteschön!
In die Irre geführt
Der Text zum Karlsruher Verfassungsgerichtsurteil über Sanierungshilfen für Berlin ist seltsam: Einerseits kritisiert der Autor, dass der SPD/PDS-Senat unsozial spart, andererseits rechnet er vor, wie viel die verwöhnte Hauptstadt bereits jetzt bekommt. Ja, was denn nun? Soll Berlin noch härter sparen, etwa die Kitabetreuung auf Kölner Niveau herabsenken, Studiengebühren einführen und Theater schließen? Oder soll der Senat das Gegenteil tun?
Die These vom verwöhnten Berlin ist ressentimentgeladen. Westberlin wurde ja nur deshalb von der BRD alimentiert, weil es zuvor seine ökonomische Basis im kapitalistischen Regionenwettbewerb verloren hatte – waren doch sämtliche Großunternehmen aus Angst vor den Russen abgehauen (davon profitieren Bayern und Hessen noch heute).
Größtes Manko des Berichts ist aber: Die politische Dimension des Urteils wird nicht deutlich. Denn das Urteil bestätigt auf föderaler Ebene das, was auf allen Politikfeldern längst durchexerziert wird: Die Reichen sollen reicher und die Armen ärmer werden.
ricardo
Jungle World 43/04: Thema Unterschicht
Subjektive und objektive Kriterien
Der Ol mal wieder zu bester Form aufgelaufen, sagt mehr als tausend Artikel, was nicht heißen soll, dass euer Thema zur Unterschicht-Diskussion nicht gefallen hätte. Soziale Schichtung ist häufig Konzept der Soziologie, manchmal allerdings auch Bestandteil makroökonomischer Betrachtungen, neuerdings ein Politikum. Die Gliederung der Gesellschaftsmitglieder basiert hier auf ihren typischen Soziallagen, dabei spielen vor allem Beruf und Einkommen eine wichtige Rolle. Das bedeutet, dass heutzutage, in Gegenden, in denen die Arbeitslosigkeit bei nahezu 100 Prozent liegt und dementsprechend das Einkommen der meisten bei null Euro, von einer flächendeckenden Unterschicht ausgegangen werden kann. Schlimm genug, aber heißt das nun, die Jungle World ist bald Unterschicht, wenn es nicht mit der Abo-Kurve nach oben geht? Allerdings unterscheiden die Soziologen bei der Einteilung der Schichten zwischen objektiven und subjektiven Kriterien, und damit kann eure Zeitung im ganz klassischen Sinne – egal was passiert – der Oberschicht zugeordnet werden.
barbara schramm