01.11.2006

Von wegen alles anders

Die Banlieue Clichy-sous-Bois heute. Eine Reportage von Bernhard Schmid

Vorsicht, Kamera! Es ist schwer, in diesen Tagen im Zentrum von Clichy-sous-Bois keinen Kameras zu begegnen. Das Phänomen ist seit ungefähr 14 Tagen zu beobachten, und es wird binnen weniger Tage wohl gänzlich verschwinden. Normalerweise interessiert sich niemand sonderlich für diese Trabantenstadt, die genau zehn Kilometer nordöstlich der Pariser Stadtgrenze liegt.

Im vergangenen Jahr war es plötzlich anders, als nach dem Tod der beiden Jugendlichen Bouna Traoré und Zyad Benna – die von der Polizei gehetzt worden waren, ohne dass sie einer Straftat verdächtig gewesen wären – in Clichy-sous-Bois die Unruhen ausbrachen. Jene Unruhen, die sich in den folgenden drei Wochen zunächst auf den Großraum Paris und dann auch auf die Vorstädte des übrigen Frankreich ausdehnen sollten.

Jetzt, da der Jahrestag näher rückt, wächst das Medieninteresse an der Vorstadt mit knapp 30 000 Einwohnern, die gewöhnlich außerhalb des Wahrnehmungshorizonts des durchschnittlichen Fernsehkonsumenten oder Pariser Bürgers liegt, rapide an. »Die Einwohner fangen an, sich wie in einem Zoo zu fühlen«, meint die freundliche Dame vom Sozialzentrum an der Dhuyse – einem kleinen Fluss, der, zum Teil unterirdisch geführt, Clichy-sous-Bois durchquert.

Sie sagt es als Erklärung dafür, warum sie eine Verabredung in diesen Tagen ablehnt, wie auch andere Leute, mit denen ich in den letzten sechs Monaten allmählich Kontakte aufgebaut habe. »Wir empfangen gar keine Journalisten mehr. Gestern hat sich ein Fernsehwagen von France 3 vor unsere Eingangstür gestellt. Prompt hat er gebrannt. Die Leute haben die Nase voll davon, sich wie kuriose Wesen vorgeführt zu fühlen, um kurz nach dem Jahrestag wieder vergessen zu werden.« Ein paar Menschen sind aber doch bereit, sich zu verabreden, als ich betone, dass es mir um etwas völlig anderes geht als den meisten Fernsehteams und Sensationsjournalisten.

Clichy-sous-Bois ist gar nicht so einfach zu erreichen, zumindest wenn man kein Auto hat. Die Stadt hat keinen Bahnhof, weder überregionale Züge noch Regional- und S-Bahnen fahren hier hin. Man muss über die nobel-bürgerliche Nachbarstadt Le Raincy anreisen und dort einen Bus nehmen. Man fährt lange an der Stadtgrenze zwischen Livry-Gargan auf der Linken und Clichy-sous-Bois auf der Rechten vorbei. Genau hier nahm im vorigen Jahr das Drama seinen Ausgang. An dieser Stadtgrenze war von einem Fußballplatz aus eine Gruppe von Jugendlichen am Spätnachmittag auf dem Nachhauseweg. Der Bus fährt an dem Gelände vorbei.

Die Buslinie 601 verkehrte bis zu den Unruhen im Herbst vorigen Jahres täglich nur bis 21 Uhr, dann war Schluss. Wer danach noch nach Clichy wollte, musste entweder zu Fuß durch zwei Vorstädte marschieren oder ein Taxi nehmen. Die Fahrt kostet 30 Euro, wenn der Chauffeur überhaupt einverstanden ist, die Tour gilt bei manchen Fahrern als verrufen. Seitdem die Unruhen vorbei sind, verkehrt die Linie 601 plötzlich bis ein Uhr morgens – obwohl der Bürgermeister von Le Raincy, der ehemalige Städtebau- und Integrationsminister Eric Raoult, strikt gegen den Busverkehr war. Er wollte nicht, dass zu viele potenzielle Unruhestifter aus der ungeliebten Nachbarschaft seine schöne Stadt durchqueren. Nach dem Herbst 2005 konnte er sich damit nicht länger behaupten. Mehrere Einwohner geben zu Protokoll, insofern hätten die Riots doch etwas gebracht. Das sei aber auch die einzige positive Veränderung seit »den Ereignissen«, die ihnen einfalle.

Hatten die Riots also doch keinen so »sinn- und ziellosen« Charakter, wie es die bürgerlichen Medien immer hervorhoben? Handelte es sich vielmehr um eine Art von militant geführter Verhandlung mit denen, die für die Gestaltung der Lebensbedingungen verantwortlich sind? Lässt sich ein konkretes Ergebnis benennen? »Ja und nein«, meint Laurence Ribeaucourt. Die Sozialarbeiterin und Präsidentin eines Frauenfußballclubs ist eine parteilose, aber auf der gemeinsamen Liste der Linksparteien gewählte Stadträtin. Seit 18 Jahren kennt sie die Cités, die Hochhaussiedlungen der beiden aneinander grenzenden Städte Clichy und Montfermeil. Sie kennt sie nicht nur, sie ist dort auch bekannt und wohl gelitten.

»Ja« bedeutet, die Ereignisse seien eine Art von militant geführten Verhandlungen gewesen. Oder präziser: ein Aufschrei gegen konkrete Lebensbedingungen, und dabei sei den Angesprochenen auf allen Seiten klar gewesen, worum es ging. Aber »nein«: Zum Positiven verändert habe sich seitdem nichts, im Wesentlichen sei alles gleich geblieben.

Ähnlich sieht das auch Monique Legrand. Sie leitet die Solidaritätsvereinigung mit den Arbeitsmigranten. Ich treffe sie am späten Abend in ihrem kleinen Büro im Untergeschoss eines Hochhausgebäudes. Ihre Vereinigung bemüht sich seit Jahren, Solidarität zwischen den Bewohnern und den verschiedenen Bevölkerungsgruppen migrantischer Herkunft zu schaffen. Das ist nicht immer leicht, denn wenn auch alle das Bewusstsein gemeinsamer sozialer Lebensverhältnisse teilten, so nehme doch mit der wachsenden Armut der Rückbezug auf die eigene Gruppe zu.

Stimmt es denn wenigstens, dass die öffentlichen Mittel für Gruppen wie ihre seit den Unruhen erhöht worden sind, wie es die Regierung damals ankündigte? Hat der Staat nicht das Interesse erkannt, zumindest kleine Verbesserungen der alltäglichen Situation herbeizuführen, dank Initiativen und Vereinigungen, die dafür sorgen, dass die Lage nicht jeden Tag explosiv wird?

Von wegen Erhöhungen, meint Legrand. Die konservative Regierung habe im Herbst 2005 nur versprochen, Subventionen zu zahlen, die seit dem Amtsantritt drei Jahre zuvor radikal zusammengestrichen wurden. Diese Mittel sollten nun wieder fließen, und zwar für alle Initiativen, die in der Zwischenzeit nicht eingegangen sind. Aber selbst das verändere kaum etwas, so Legrand: »Wir mussten uns eben in der Zwischenzeit an andere Stellen wenden, etwa an Stiftungen privater oder öffentlicher Unternehmen, um finanziell zu überleben.«

Solche Zahlungen werden bei den Subventionsentscheidungen berücksichtigt. Real verändert habe sich allein, dass die staatlichen Subventionen nun nicht mehr verspätet kommen. »In den letzten Jahren wurde oft das für das laufende Jahr erforderliche Budget, zum Beispiel für die Bezahlung der Gehälter von Angestellten, erst im Januar des Folgejahrs überwiesen. Jetzt wird pünktlich abgerechnet.«

Aus ihren Schilderungen geht hervor, welch wichtige Rolle solche Vereinigungen im Alltag spielen. »Wenn wir Hausaufgabenhilfe und Betreuung für Schüler anbieten, sind unsere Stunden rappelvoll. Die Kinder sagen uns, dass sie endlich in Ruhe dazu kommen, ihre Schulaufgabe zu machen. Zu Hause sind die Wohnungen oft klein und die Familien groß, etwa bei Immigranten, die recht frisch aus ihren Herkunftsländern kommen. Die Kinder haben dann keinen Platz und keine Ruhe für ihre Schulaufgaben.« Es gehe um die Zukunft dieser Kinder, die alle einen starken Willen zeigten, die Schule zu schaffen.

Schulen, Transportmittel, Verkehrsanbindung: Das waren über lange Zeit – und sind es immer noch – die drängendsten Probleme in Clichy-sous-Bois. Die Stadt ist in dieser Hinsicht schlicht vergessen worden. Die Geschichte dieser Pariser Vorstadt verlief anders als die ähnlicher Trabantenstädte. Die prominentesten Städte in der Pariser Ban­lieue wie Saint-Denis oder Aubervilliers, die unmittelbar an die Hauptstadt angrenzen, waren bereits vor 100 Jahren bevölkerungsreiche Kommunen. Es handelt sich um Arbeiterstädte, auf deren Territorium die Industrie rund um Paris angesiedelt worden war. Dort wollte man die Arbeiterbevölkerung einerseits aus der Hauptstadt ausschließen, und andererseits wollte man sie dort konzentriert wissen, damit der »revolutionäre Bazillus« sich nicht über das ganze Land ausbreite.

Montfermeil und Clichy dagegen waren zur selben Zeit ländliche Kleinstädte, die am Waldrand lagen, daher der Name von Clichy-sous-Bois. Das von Plattenbausiedlungen umgebene Stadtzentrum deutet auf diese Vergangenheit hin: Das Rathaus ist ein ehemaliges Jagdschlösschen, und dem Stadtteilzentrum Espace 93 sieht man an, dass es einmal ein Gutshof gewesen sein muss.

Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete man hier Großsiedlungen, der Bau der wichtigsten Cité begann 1965. Ursprünglich waren die Wohnungen eher an für gehobenes Publikum vorgesehen, da man den Standorten am Rande des Waldes von Bondy und des gleichnamigen Sees eine hohe Lebensqualität zusprach. Auch Prominente wie der Sänger Johnny Halliday oder bekannte Schauspieler hatten hier noch vor 15 oder 20 Jahren ihre Wohnungen, erzählt Legrand.

Monsieur Bouzidi, der Pförtner bei der Fotoausstellung »Clichy ohne Klischee« im Espace 93, erinnert sich an Ärzte und Anwälte, die damals noch dort wohnten. In jener Zeit waren die Bewohner gegen eine stärkere Verkehrsanbindung. In einem alten Fotoalbum im Saal neben der Ausstellung, das die KP aus ihren Archiven zur Verfügung gestellt hat, sieht man vergilbende Bilder von Demonstrationen gegen ein Straßenprojekt – geführt wegen der Lebensqualität. Viele Einwohner hatten entweder ein Auto oder wohnten ohnehin nur einen Teil der Woche dort, die übrigen Tage lebten sie in Paris. Die Infrastruktur war für sie nicht wichtig. Auf den alten Fotos sieht man auch gut, dass die Bevölkerung von Clichy damals anders aussah: sehr viel weißer.

Es kam zu Veränderungen. Die Wohnungen in den Hochhäusern von Clichy gehören überwiegend nicht der öffentlichen Hand, sondern privaten Eigentümern. Die ursprüng­lichen Anleger verkauften sie zu Spekulationszwecken weiter. Die neuen Investoren saßen in Paris oder in der Schweiz und kümmerten sich nicht um die Instandhaltung, während öffentliche Stellen sich nicht zuständig fühlten. Die Immobilien kamen zusehends herunter. Die Mittelschichten und die Wohlhabenden zogen weg. Die Einwohnerschaft wurde ausgetauscht.

Wer blieb oder neu hinzukam, das waren die, die nicht anders konnten: Immigranten und andere Arme, die wegen der Städtebaupolitik und der explodierenden Lebenshaltungskosten aus Paris heraus und an den Rand gedrängt wurden. Und es kamen neue Einwanderer, nicht selten »illegale«, da mafiöse Netzwerke ihnen gegen viel Geld Wohnungen in den herunterkommenden Hochhäusern anboten. Andernorts konnten sie sich meist nicht einmieten.

Je mehr aber ihre Anzahl zunahm, desto gleichgültiger wurden dem Staat und den privaten Eigentümern die Lebensbedingungen. So gibt es einen großen Mangel an Ärzten, die öffentliche Hand hätte einspringen und Gesundheitszentren oder -stationen einrichten können, tat es aber nicht. In Clichy-sous-Bois kommen heutzutage 8,8 Ärzte auf 10 000 Einwohner. Im nationalen Durchschnitt sind es derzeit 33,5.

Gleichzeitig funktioniert Clichy-sous-Bois, wo es kaum Arbeitsplätze gibt, als Reservat für billige Arbeitskräfte des Großraums Paris. »Nehmen Sie hier mal morgens um fünf Uhr den Bus, dann sehen Sie die zahlreichen schwarzen Frauen, die seit vier Uhr unterwegs sind. Sie gehen putzen in den Büros in der Hauptstadt, einmal frühmorgens und dann noch mal am Abend. Oder sie arbeiten am Flughafen von Roissy, wie Tausende von Leuten aus dieser Gegend«, meint Legrand. Auch wenn die Arbeitslosigkeit 30 Prozent erreicht, so ist doch die Mehrheit in Clichy in die Arbeitswelt integriert – auf der untersten Stufe der Rang­leiter.

Zum Leben hingegen werden die Leute in einer Siedlung geparkt, die vom Rest der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht abgeschnitten ist. »Wir sind für die Gewalt (Anm.: bei den Unruhen). Es ist normal, dass die Leute sich gegen die Polizei zur Wehr setzen. Was die Weißen dazu denken, ist uns scheißegal: Die wohnen hier ohnehin nicht und kommen auch nicht hierher.« Das haben zwei junge schwarze Frauen im Minirock handschriflich unter ihr Foto geschrieben, das im Stadtteilzentrum Espace 93 ausgestellt ist.

Ein junger Schwarzer, der vor einem Mekka-Wandposter in der elterlichen Wohnung abgebildet ist, schrieb: »Wie gut wäre es, wenn man sich mit Leuten unterschiedlicher Herkunft stärker mischen würde. Hier sind wir weitgehend unter Einwanderern. Ich möchte auch mal mit anderen Leuten zusammenkommen. Aber wenn ich morgens zur Arbeit fahre und abends hierher zurückkomme, fühle ich mich wie eine Ratte, die man vorübergehend aus ihrem Käfig gelassen hat, damit sie sich ein Stück Käse holt.«

Haben denn die Unruhen an diesem Gefühl der Trennung, der Abgeschnittenheit und Diskriminierung etwas geändert? »Ich glaube schon, dass dieser Aufschrei viele Leute außerhalb der Banlieues einen Moment zum Nachdenken gebracht hat. Ich sehe es an meinem Bruder, der in einem wohlbehüteten Ort im Elsass lebt. Als die Unruhen hier anfingen, rief er mich an: ›Bist du verrückt, was machst du noch dort, kommt dort raus.‹ Ich habe ihm erklärt, dass es hier nicht wie im Krieg zugeht, und die Gründe dafür erläutert, warum ich hierbleibe, warum ich mich hier auch wohlfühle – die Solidarität, dass man sich kennt – und warum ich hier eine Aufgabe habe, was bewirken kann. Danach habe ich gemerkt, dass mein Bruder zum ersten Mal nachgedacht hat: Wie lebt ihr eigentlich dort?« Das meint Laurence. Wer aber mit den Fingern auf die Bevölkerung in den Banlieues zeigen wolle, werde es auch weiterhin tun.

Den Ausgangspunkt eines positiven Prozesses sieht Mohamed Mechmache, der Sprecher der Vereinigung »AC le feu!«, die sich im November 2005 unmittelbar nach den Unruhen gegründet hat. Der Name steht für Association du collectif liberté, égalité, fraternité ensemble et unis (Vereinigung des Kollektivs Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit, zusammen und vereint). Das Kürzel spricht sich zugleich aus wie ­assez le feu, genug vom Feuer. Seit sechs Monaten sind die Mitglieder der Vereinigung ununterbrochen quer durch Frankreich gereist, haben 120 Städte besucht und 20 000 so genannte Zeugnisse in einem »Cahier des doléances« gesammelt. Diesen Namen, übersetzt etwa: Beschwerdeheft, trugen ursprünglich die Forderungen an den König, die 1789 am Ausgangspunkt der bürgerlichen Revolution standen.

Aus Besançon, Marseille, Tours oder Nantes sowie aus der Pariser Banlieue kommen die Zeugnisse. Jeder Teilnehmende füllt ein Formular von »AC le feu!« aus, kann ein Thema auswählen (Prekarität, Einwanderung, Diskriminierung, Umwelt, Praktiken der Polizei) und dazu Festellungen und Forderungen formulieren. Immer wieder finden sich Wünsche nach einem Wahlrecht für alle, die in einer Kommune wohnen und Steuern zahlen – egal ob mit oder ohne französischen Pass –, dem Ende von Diskriminierungen bei der Einstellung oder der Wohnungssuche oder nach einer die späteren sozialen Rollen nicht so früh festlegenden Schule.

Am Mittwochnachmittag voriger Woche marschierten die Organisatoren durch Paris, um die Forderungen dem französischen Parlament zu übergeben. »Danach liegt es an den Politikern, ihre Verantwortung zu ergreifen und etwas zu tun. Die Leute werden feststellen, was von ihren Forderungen berücksichtigt wird. Anschließend wählen sie, wir ermutigen die Leute, sich in die Wählerlisten einzutragen.« Vorher war vielen die Politik oft egal. Mohamed möchte Linke wie bürgerliche Rechte gleichermaßen in die Pflicht nehmen, indem sie mit den Forderungen konfrontiert werden. Bisher hätten beide Gruppen nicht viel zur Verbesserung der Lebensbedingungen getan, auch wenn nicht alles zu verwerfen sei, was in der Vergangenheit versucht wurde. Wenn sich gar nichts tue, so meint er, könne es beim nächsten Mal »zehnmal stärker« explodieren als im vergangenen Herbst.

Kann es zu neuen Unruhen kommen? Niemand vermag es derzeit zu sagen. In den letzten Wochen waren, örtlich begrenzt, immer wieder kleinere Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften zu vernehmen. Die Medien rückten sie in den Mittelpunkt, die Rede war von »Hinterhalten« gegen die Polizeikräfte. Deswegen kam es Ende September in der Siedlung Les Tartêrets (in Corbeil-Essonnes, 20 Kilometer südlich von Paris) und am 4. Oktober in Les Mureaux westlich der Hauptstadt zu größeren Polizeiaktionen.

In beiden Fällen stellten sich die Medien, die vorab informiert worden waren, im Nachhinein selbstkritische Fragen über ihre mögliche Instrumentalisierung durch den ehrgeizigen Sicherheitspolitiker Nicolas Sarkozy. Die These vom Hinterhalt geriet im Anschluss an die Großeinsätze ins Wanken. In Les Tartêrets wurde außerdem die These von einem bandenmäßig organisierten Angriff widerlegt, die Zusammenstöße waren eher spontan. In Les Mureaux fiel die Bilanz noch kritischer aus. Statt 150 bis 250 Personen, wie die Polizei zunächst behauptet hatte, waren wohl nur 20 in die Zusammenstöße verwickelt.

Die von einem enormen Medienaufgebot begleitete Razzia endete mit einem Fiasko. 100 Wohnungen wurden im Morgengrauen aufgebrochen, und das Ergebnis bestand in nur einer Festnahme, wobei der Festgenommene aller Wahrscheinlichkeit nach an den Auseinandersetzungen nicht beteiligt war. Sarkozys Spektakel, das der Bevölkerung mit dem Hinweis auf die Gewalt in den Banlieues Angst einjagen soll, scheint in Frage gestellt zu werden.