Die Bürger von Weiden, einem kleinen Städtchen hinter dem Mond bzw. in der Oberpfalz, verehren ihren Oberbürgermeister. »Ober« nennen sie ihn liebevoll. Hans Schröpf heißt er, Mitglied der CSU ist er, und seit 30 Jahren regiert er die Stadt wie Kim Jong-il Nordkorea.
In der vorigen Woche aber wurde vor dem Amtsgericht in Regensburg ein Prozess gegen ihn und seine Frau eröffnet. Es ließ sich nicht verhindern. Der Vorwurf lautet auf Veruntreuung von Spenden und Steuerhinterziehung. 61 950 Euro, die bei einer Tombola gesammelt wurden, soll das Paar in die eigene Tasche gesteckt haben. Einen »Rabatt« von 232 000 Mark, den die Ferngas Nordbayern der Stadt im Jahr 2001 gewährte, soll Schröpf als Spende verbuchen haben lassen, sodass 31 200 Mark Umsatzsteuer nicht abgeführt wurden. Und der Prozess brachte weitere bizarre Details ans Licht. Eine Spende von 10 000 Mark, die ein Kaufmann Schröpf 1999 in einer Bürgersprechstunde in bar aushändigte, ist schlicht verschwunden.
Schröpf ist einschlägig bekannt. Wegen des Einbehaltens von Aufsichtsratstantiemen ist er bereits vorbestraft. Noch kurioser als die vermuteten Schurkenstücke des Oberbürgermeisters ist jedoch die stählerne Treue, die ihm die Weidner entgegenbringen. Egal, was er anstellte, er wurde jedes Mal mit einer bayerischen Mehrheit von über 60 Prozent wieder gewählt. »Das ist halt ein alter Hund«, sagen die meisten über ihn, »einer wie wir.« Man solle nicht nur auf seine »Fehler« schauen, sondern auch darauf, was er Gutes für die Stadt getan habe. Wer die Weidner kennt, der weiß, dass selbst die Teilnehmer an der Tombola nach wie vor begeisterte Anhänger des »Obers« sind.
Und die bayerische Justiz? Der Richter Frank Zeitler vertagte den Prozess bis zum 17.November und forderte die Verteidigung und die Staatsanwaltschaft auf, sich gütlich zu einigen. Wie hieß es immer in der Fernsehserie »Königlich-Bayerisches Amtsgericht«? »Auf die Guillotine hat unser Herr Amtsrichter eh niemanden g’schickt.«
stefan wirner