»Warlord« ist keine anerkannte Berufsbezeichnung, und die meisten Männer in dieser Position möchten auch nicht so genannt werden. »Politiker« gab der kongolesische Milizenführer Thomas Lubanga deshalb vor dem Internationalen Gerichtshof (ICC) in Den Haag als Beruf an, und sein Anwalt Jean Flamme stellt ihn sogar als patriotischen Friedensstifter dar, der »die Gewalt beenden« und »den Reichtum des Kongo dem kongolesischen Volk zugute kommen lassen« wollte.
Thomas Lubanga hatte in mehrfacher Hinsicht Pech. Die von ihm geführte Miliz Union Kongolesischer Patrioten mordete nach dem 1. Juli 2002, dem Tag der offiziellen Gründung des ICC. Die meisten anderen kongolesischen Warlords begingen ihre Kriegsverbrechen in den acht vorhergehenden Jahren, doch dafür ist der ICC nicht zuständig. Lubanga, der nur ein regionaler Machthaber in der Provinz Ituri und ein zweitrangiger Warlord war, verpasste den Anschluss an den so genannten Friedensprozess, der den meisten seiner Kollegen Regierungsposten einbrachte. Zudem richtete sich die erste europäische Militärintervention im Kongo im Jahr 2003 vornehmlich gegen seine Miliz.
Dass er nun immerhin in die Geschichte eingehen wird, weil er als erster Beschuldigter vor dem ICC angehört und nach der Voruntersuchung wahrscheinlich angeklagt wird, tröstet ihn offenbar nicht. »Die Situation ist frustrierend und demütigend«, klagte Lubanga bei der Anhörung.
Die Staatsanwaltschaft begnügt sich mit dem Vorwurf der Rekrutierung und des Einsatzes von Kindersoldaten, der leichter zu beweisen ist als die Mitverantwortung für den Tod von etwa 60 000 Zivilisten in Ituri. Problematischer als diese von einigen Menschenrechtsorganisationen kritisierte Beschränkung ist jedoch die Auswahl der Angeklagten. Einen Tag nach der Anhörung kam es in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo, erneut zu Gefechten zwischen Kämpfern der beiden Präsidentschaftskandidaten. Viele NGO und die EU sprechen von einem »Ende der Straffreiheit«. Doch davon kann keine Rede sein, solange nur die Verlierer nach Den Haag kommen.
jörn schulz