13.12.2006

Nicht tauchen, sondern kitten

in die presse

Manche haben lange darauf gewartet. Nun, nach der Veröffentlichung des Berichts der Iraq Study Group (siehe Seite 15) können sie aufatmen. »Vorbei ist es mit den ame­rikanischen Alleingängen«, jubelt Gerhard Spörl auf Spie­gel Online. »Vorbei ist es auch mit dem Schleifenlassen des Konflikts zwischen den Israelis und den Palästinensern.« Befriedigt kann der Spiegel-Redakteur feststellen, dass die Amerikaner sich nun auf deutsche Tugenden besinnen. Ein »ehrwürdiges Gremium« hat sich da zusammengefunden und die »Parteien Parteien sein lassen«. Das ist »kein Spaß, aber ein Dienst am Gemeinwohl«.

Wenn es um den Dienst am Gemeinwohl geht, dürfen die Deutschen nicht fehlen, da sie ja nie auf die Idee kommen würden, schnöde Interessen zu vertreten. Vielmehr müssen sie von weitsichtigen Kommentatoren gemahnt werden, dass die Welt sie braucht und »Berlin in der Verantwortung« ist. »Nach Bushs Offenbarungseid wachsen die Ansprüche an die deutsche Außenpolitik«, schreibt Richard Meng in der Frankfurter Rundschau. Er muss zwar einräumen, dass »es im zu Ende gehenden Jahr kaum irgendwo einen nachhaltigen Erfolg europäischer Diplomatie« gab. Was die Deut­schen tun wollen oder sollen, weiß er auch nicht so recht, »klar ist nur: Wegtauchen geht nicht«.

Manch einer, wie Harald Müller, der Leiter der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, hat Zweifel, ob es »möglich sein wird, das weltpolitische Porzellan, das die Bushianer in sechs Jahren zerschlagen haben, wieder zu kitten«. Will man die Deutschen nur ausnutzen und sie an einer Unterstützergruppe für den Irak beteiligen, die ein »Hilfsorgan der Amerikaner beim etappenweisen Rückzug« sein soll, wie Christian Semler in der taz befürchtet? Europa muss »einen eigenständigen Beitrag leisten«, fordert Wolfgang Gehrcke für die Fraktion der Linkspartei. »Vor dieser Aufgabe steht vor allen Dingen die Bundesregierung.« Er möchte nicht, dass weiterhin »öffentlich über Sanktionen gegen den Iran nachgedacht wird«, denn so bewegt man die Ayatollahs nicht dazu, sich gemeinsam mit den Deutschen für das Gemeinwohl zu engagieren.

jörn schulz