10.01.2007

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Sabbatjahr« nennt es der Kollege und macht sich einfach mal auf die Socken. »Weltreise und so«, sagt er, das Übliche: Südamerika, USA, Australien, Asien, mal sehen. Eine andere Kollegin weiß hingegen genau, wo es hingehen soll: Feuerland. Ach, nichts Näheres? Nein, nein, es soll schon der allerletzte Zipfel der Welt sein. »Bis zum Äußersten gehen, das habe ich hier bei der Jungle gelernt«, sagt sie lächelnd. Der nächste Kollege erklärt: »Klimaerwärmung? Darauf verlasse ich mich nicht. Der Winter kommt schon noch, höchste Zeit, die Koffer zu packen.« Zwei Monate Israel, »mein Englisch auffrischen«. »Haltet die Ohren steif«, sagt er noch und solche Dinge, winkt, und dann ist er weg.

So sehen individuelle Reisepläne aus der Sicht der im Berliner Januar zurückbleibenden Redaktion aus. Doch was geht in den Reisenden vor? In den Köpfen jener Kolleginnen und Kollegen, die offenbar ohne jeden Skrupel wochen-, ja monatelang ihren Arbeitsplatz verlassen, diese gepflegte Brutstätte der Kreativität, die offenbar auf alles so lange einfach so verzichten können: den täglichen Schocker-Kaffee, den erfrischenden Streit auf der Mittwochskonferenz, den gepflegten Rüffel bei der Blattkritik am Freitag, die eremitische Wochenendarbeit, das leckere Frühstücksbüffet zum Redaktionsschluss, das Bier danach im »Locus«.

Vielleicht ja dies: Wird es die Jungle World noch geben, wenn ich zurückkomme? Sorgen, die man sich einst auch um sein Hab und Gut im besetzten Haus machte, während man im lakadonischen Urwald mit den Indios Hühnchen grillte. Oder: Es muss auch mal ohne mich gehen. Ein Gedanke, der Redakteurinnen und Redakteuren der Jungle World für gewöhnlich fremd ist, aber ungeheure Erleichterung verspricht. Oder: Auf geht’s, up and away über den Tellerrand, neue Eindrücke sammeln, die Welt besser verstehen, Kontakte aufbauen – alles im Dienste der journalistischen Qualität, versteht sich, im Dienste der Sache, der Jungle-Sache.

Oder einfach: Raus hier! Raus aus Deutschland, aus Kreuzberg, aus diesem Hinterhof. Dem Winter. Weg von den buckligen Kollegen und ihren Februar-Depressionen. Oder: Pinguine, Hauptsache Pinguine! Oder: Endlich die Matrix verlassen und sich neu für sie entscheiden. Oder: Die Beziehung retten. Oder auch: Ohje, was werden die ohne mich nur tun? Werden die politischen Antipoden die Gelegenheit nutzen? Werden die stilistischen Gegenspieler alles einreißen? Was wird aus all den offenen Fragen, die wir hier für gewöhnlich ansammeln wie Mutter Courage ihre Brotkrumen? Und: Was, wenn die merken, dass es auch ohne mich geht? Was, wenn plötzlich alles fluffiger läuft? Die Abo-Kurve steigt wie nie zuvor? Ohne mich?!

Aber vermutlich machen sich unsere Globetrotter all diese Gedanken gar nicht. Vermutlich denken sie vor allem daran, wie der ganze stuff in den kleinen Koffer passen soll. Ob man wohl schon Sonnencreme braucht da unten. Wie sie zum Flughafen kommen sollen. Solche profanen Dinge. Wahrscheinlich geht es ihnen letztendlich genau darum. Das können wir verstehen. Es klingt nach Urlaub.