Vor ein paar Wochen noch war die Luft hier dick und zäh, und niemand von uns konnte ernsthaft mehr an einen Klimawandel glauben. Kettenraucher mit dem Schadstoffausstoß eines Bitterfelder Kohlekraftwerks sorgten dafür, dass schon am Vormittag dichter Bodennebel aufzog, der sich im Laufe des Tages zu einer kompakten Wand verdichtete. Am Abend war dann die Sicht so schlecht, dass man vom Feuilleton aus nicht mehr bis ins Themen-Ressort rübergucken konnte. Sitzt da hinten noch jemand? Hallo? Tische, Wände, Computer nahmen eine eklig gelbe Farbe an. Fest stand: Wir waren dem Untergang geweiht. Wir würden irgendwann alle ersticken und allmählich unter einer dicken Ascheschicht versinken, bis uns vielleicht irgendwann irgendwelche Archäologen wieder ausgraben und uns als die letzte Raucherredaktion ins Museum stellen würden. Das alles waren keine schönen Aussichten.
Dann hatten drei Redakteurinnen einen Plan, der als ziemlich genial galt und von einigen für so gut und so schwer realisierbar wie die Weltrevolution gehalten wurde. So wie in anderen belasteten Regionen kaputte Landschaften durch umfangreiche Rekultivierungsmaßnamen in hübsche Dschungellandschaften verwandelt werden konnten, sollte auch unsere Redaktion wieder aufblühen und zu neuem Leben erweckt werden. Grundsätzlich richtig, aber im Prinzip sei es undurchführbar, die ganze Fabriketage zum Frischluftbereich zu erklären, hieß es seitens der Raucher. Ließen sich Konferenzen wirklich ohne stetige Nikotinzufuhr durchstehen? Sollte es tatsächlich möglich sein, nicht so gute Texte zu redigieren, ohne sich ganz viel Trost bei seinen Zigaretten zu holen? Und war das überhaupt menschenwürdig, die letzten Hochleistungsraucher in ein übersichtliches Raucherzimmer einzuquartieren, in dem kein Nichtraucher mehr zum Lüften vorbeikam? Raumpläne und Sitzordnungen wurden erstellt und wieder verworfen, und immer größer wurde der Andrang im Nichtraucherbereich. Palmen wurden gekauft und zwischen Inlandsressort und Feuilleton angepflanzt. Aschenbecher flogen in hohem Bogen aus dem Fenster und konnten durch Schalen mit leckerem Obst ersetzt werden. Es wird also wieder durchgeatmet und man fühlt sich wohl in der Kreuzberger Wellness-Etage. Jeder Luftkurort wird uns beneiden.
Heißt das jetzt, dass ihr auf dem Straight-Edge-Trip seid? hören wir gerade aus dem Hintergrund rufen. Nein, natürlich nicht. Erstens sind alle Substanzen erlaubt, die nicht stinken. Zweitens können die verschiedensten Drogen weiterhin bequem bei uns eingenommen werden. Es gibt den Raucherraum für die Nikotin-Fraktion. Es gibt das Frauenklo mit dem schönen großen Spiegel für die Partykokser. Bier gibt es in der Teeküche, wo auch Pilze zubereitet werden können. Im Produktionsraum wird gekifft. In der Korrektur spricht man dem Rotwein zu.
Der Klimawandel ist also da, doch wir können nichts Schlechtes über ihn sagen.