07.02.2007

Prosa der Abschiebung

platte buch

Deutsche Polizisten, Poeten und Essayisten? Das Internet-Projekt www.polizei-poeten.de widmet sich ganz den Befindlichkeiten von Polizistinnen und Polizisten bei ihrem täglichen Umgang mit dem Gewaltmonopol. Und es lässt die Betroffenen ausführlich zu Wort kommen, in Versform oder Prosa. Aus dem Internet-Projekt ist mit »Jeden Tag den Tod vor Augen. Polizisten erzählen« nun bereits das zweite Buch hervorgegangen. Es sind wieder alle dabei: Der Drogenfahnder mit »Rissen in der Seele«, der Kriminalpolizist, der über den Sekundenbruchteil vor der Abgabe eines Schusses eine ganze Seite lang nachdenkt, und der Milieu-Beamte, dem die Prostituierten vertrauen.

Ein Paradebeispiel für den Reflexionsgrad der »Polizei-Poeten« ist allerdings eine Passage aus dem ersten Buch, »Die erste Leiche vergisst man nicht«. Darin beleuchtet ein Polizist aus Aalen die menschliche Tragödie, die eine Abschiebung bedeutet – vor allem natürlich für die Polizisten, die damit ihre Nachtschichten verbringen müssen. Nachdem der Erzähler eines Nachts mit seiner Einsatztruppe die Wohnung einer Familie gestürmt hat, um die Eltern und Kinder nach Togo abzuschieben, nimmt er sich einen Moment Zeit, um offen mit dem Familienvater zu sprechen. In Wirklichkeit habe er, der Polizist, ja nichts dagegen, wenn die Familie in Deutschland bleibe. Genau genommen finde er die Abschiebung sogar ungerecht. Aber der Polizist verlangt Verständnis, seine Situation sei schließlich auch nicht einfach: »Wir haben nun einmal diese verdammt beschissene Pflicht!«

Im Vergleich mit dieser rührenden Poesie äußern sich die Polizei-Poeten im neuen Buch leider deutlich weniger naiv und auch politisch vorsichtiger. Schade. Ohne Ehrlichkeit keine Poesie.

ron steinke

Volker Uhl (Hg.): Jeden Tag den Tod vor Augen. Polizisten erzählen. Piper, München 2006, 219 S., 8,90 Euro