21.02.2007

Vom ersten Freier bis zum letzten Schuss

platte buch

Über Junkies, die sich prostituieren, gibt es wenig Literatur. Über ältere Junkiefrauen, die auf den Strich gehen, gibt es fast keine brauchbaren Bücher. Die Journalistin Ingrid Strobl füllt nun die Lücke mit ihrem Buch »Es macht die Seele kaputt«, obschon der Titel etwas abschreckend wirkt. Strobl begann nach der Arbeit an ihrem Junkie-Roman »Ende der Nacht«, auf dem Strich an der Geestemünder Straße in Köln zu recherchieren. Dort wird ein Modellprojekt städtisch abgesicherter Prostitution durchgeführt.

Den Frauen, denen Strobl hier begegnet und die sie zunächst porträtiert, um Vorurteile ihrer Leserinnen und Leser von vornherein abzubauen, lässt sie die Zeit, sich zu erklären. Selbstverständlich liest man die scheinbar immergleichen Dramen. So sagt »Bettina« etwa über ihre Zeit im Heim, dass sie dort mehr Sicherheit gehabt habe als zuhause: »Und vor allem nicht jeden Abend diesen Alkstress, den meine Eltern veranstaltet haben.« Doch nur weil man diese Aussagen kennt, werden sie nicht unwahrer. Bei Strobl fügen sie sich zudem zu einem differenzierten Ganzen zusammen, in dem die Junkies beileibe nicht nur als Opfer erscheinen.

Gerade der Respekt aber, mit dem Strobl den Frauen begegnet, bewirkt, dass sich ein umfassendes Bild der Heroin- und Prostitutionskarrieren ergibt, die zwischen erstem Schuss, erstem Freier, erster großer Liebe, dem »Muttersein auf Droge« und dem täglichen Stress beim Anschaffen oft ähnlich, doch nie gleich verlaufen.

Es ist ein Buch für Junkies wie für Nichtjunkies, das keine Studie ersetzt, wohl aber aufmerksam macht auf diese an den Rand der Gesellschaft gedrängten Frauen. Eine etwa, »Regine«, verschwindet plötzlich. Später stellt sich heraus, dass sie sich verzweifelt eine Überdosis zugeführt hat, beim ersten Schuss nach einer »erfolgreichen Therapie«.

jörg sundermeier

Ingrid Strobl: Es macht die Seele kaputt. Junkiefrauen auf dem Strich. Orlanda-Frauenverlag, Berlin 2006, 220 S., 18,50 Euro