Der 1900 geborene Hermann Kesten war in den zwanziger Jahren einer jener jungen Autoren, die mit schnell aufeinander folgenden Werken von sich reden machten. Zugleich war er als Lektor der Förderer von Bertolt Brecht, Joseph Roth oder Anna Seghers. Seine Werke wären heute kanonisiert, doch musste Kesten 1933 fliehen. Er emigrierte in die USA, zog später nach Rom, dann nach Basel, wo er in einem jüdischen Altersheim starb.
Obschon erst seit elf Jahren tot, sieht sich der Verlag gezwungen, der Neuausgabe seines Romans »Die Abenteuer eines Moralisten« ein freundliches Vorwort von Hanjo Kesting voranzustellen, in dem dieser erklärt, wer Kesten war. Denn wie so vielen emigrierten Schriftstellern gelang es auch Kesten nicht, die Erfolge der Vorkriegszeit zu wiederholen. In Literaturredaktionen wird heutzutage nicht selten sein Name in »Kästner« umkorrigiert, so gründlich ist er vergessen.
Dabei haben sich seine Romane eine erstaunliche Eleganz bewahrt, die scheinbare Leichtigkeit, mit der sie geschrieben sind, die schnellen Dialoge und klar konturierten Charaktere reißen die Leser mit. 250 seiner Seiten sind schnell gelesen, aber nicht schnell abgehakt. Im erstmals 1961 erschienenen Roman »Die Abenteuer eines Moralisten« geht es um die Liebe in unruhigen Zeiten. Der US-Amerikaner Francis trifft im Berlin der frühen Dreißiger auf seine Landsfrau Silvia; er liebt sie, und daher will er nicht mit ihr schlafen. Das ist dumm, und Silvia, die auch ihn liebt, sucht sich noch jemand anderen, während er wiederum an Silvias Vermieterin Ruth Rabe gerät. Ein Liebesreigen nimmt seinen Lauf.
Man merkt rasch: Kesten mag seine Figuren. Sie sind eloquent, charmant und gewitzt. Doch die Nazis verhaften plötzlich die Vermieterin, Silvia folgt ihrem Liebhaber nach Paris, Francis versucht, Ruth Rabe frei zu bekommen. »Sie taten alle, als ginge ihr Alltag weiter, als lebte man in Berlin und in Deutschland wie im Jahr zuvor. Man zwang aber plötzlich ein ganzes Volk, wie Affen und Schakale zu handeln, wie Bestien zu denken, vor Denunzianten zu zittern, jeder zweite war vielleicht ein Denunziant.« Silvia und Francis begegnen sich in den USA wieder, später noch mal in Rom. Kommen sie nun für immer zusammen? Die Frage wird nicht geklärt. Und wichtig ist sie auch nicht.
Hermann Kesten: Die Abenteuer eines Moralisten. Atrium Verlag, Zürich 2007. 256 Seiten, 19,90 Euro