Colonia Studies
Geschichte von unten zu schreiben, ist nicht die schlechteste Idee. Der Kölner Autor Bernd Imgrund lässt seinen Helden Quinn Kuul die achtziger Jahre nochmal aufrollen. Anmoderiert wird die Geschichte als Porträt einer Generation, die Reinhard Mohr zu Beginn der Neunziger als »78er« beschrieben hat. Es geht um ein Leben in WGs, in denen Männer angehalten sind, im Sitzen zu pissen; und wo man sich begrüßt, indem man sich am Arm rubbelt. Imgrund schreibt mit enzyklopädischem Eifer und exemplifiziert das Ganze an einem äußerst schwierigen Objekt: Köln.
Es ist die Welt des jungen Quinn zwischen schwerer Fabrikarbeit, Hausbesetzungen, Wohngemeinschaften und Studenten in Wollsocken und Sandalen, RAF, Reagan, Kohl, 1. FC Köln und obligatorischer Kriegsdienstverweigerung. Den Sound liefern Falco und die Virgin Prunes, die Bilder »Dallas« und »Rudis Tagesshow«, sein Held ist Don Johnson. Das Lebensziel: die Zweierkiste.
Der Autor versucht sich an Optik und Sprache des 18jährigen in einer verwickelten, von Zeitsprüngen durchwirkten, nicht immer leicht durchsichtigen Story. Denn die Welt des Schulabbrechers ist stark zersplittert. Man könnte auch sagen, sie ist beinahe unverständlich: Wie mit Leergut wirft der oft allwissende, wenn nicht allesbesserwissende und damit stellenweise naseweis erzählende Protagonist um sich, auf dass wir nur noch Scherben dieser Zeit vorfinden.
Quinn, das ist eine zerrissene Figur: ein einziges Hin und Her zwischen der Liebe zur Kassiererin vom Stüssgen-Markt, dem Aldi fürs Kleinbürgertum, Maloche, Alternativszene und seltsamen V-Männern. Imgrund schreibt ihm einen – manchmal unwirklich schillernden – Kosmos zurecht, in dem von der Stasi bis zu DDR-Goldschätzen alles enthalten ist, was die Weltgeschichte in Colonia bereitgehalten haben könnte.
Und natürlich: In »Quinn Kuul« wirken die Jahre vor der Wende entfernter als das »Dritte Reich«. Hitlers Nachwirkungen werden in der Selbstdefinition der Arbeiterschaft offenkundig. Der Durchschnittsprolet sieht sich als »der kleine Mann auf der Straße«, seine Zeitung heißt Express – und mit der Schilderung seiner Verhaltensweisen gelingen dem Autor die besten Passagen: »Das könnte denen da oben so passen, was will der kleine Mann schon tun«; »die da oben … so ähnlich liefen die Gespräche jedes Mal, ob es um die Erhöhung der Benzinpreise oder zu dünnes Klopapier ging«. – »Damit der kleine Mann recht behält, rennt er nach der Arbeit in die Kneipe, da kann er zahlen, soviel er will. Das Bier, aber bitte in 0,2-Liter Kölschabfüllung, da kennt er sich aus, hält ihn ruhig und am Geldkreislauf. Wer auf der Straße demonstriert, gehört aufgehängt.«
Die Beschreibung ohne Erzählerkommentar ist immer noch am besten, ist aber selten. Ums Kneipenleben geht es oft. Imgrund vergisst auch nicht, die »kleine Frau« zu erwähnen, und setzt ihrem Standardgetränk, das in Deutschland vermutlich mehr Existenzen ruiniert hat als der Zweite Weltkrieg, ein Denkmal. Über Mutters Lieblingsschnaps heißt es: »In einem Fach mit Konservendosen und -gewürzen stand hinten durch, für uns 7jährige unsichtbar und unerreichbar, ihre Schnapsflasche. Wenn ich mich heute daran zu erinnern versuche, tippe ich auf Berentzen, die eckige Pulle mit dem Leuchtapfel auf dem Etikett.«
Die Mutter »nahm die Flasche, trug sie wie eine Monstranz in beiden Händen vor sich her und stellte sie auf dem Tisch ab. Sodann drehte sie sich noch einmal um und holte sich das immergleiche Glas vom Regal. Bevor sie das Glas an die Lippen setzte, hielt sie es eine Weile an jenem leicht geschwungenen Stiel, drehte es, als suchte sie nach der richtigen Position, und trank es dann mit heiliger Miene in sich hinein. Anfangs dachte ich tatsächlich, es handele sich um Medizin. (…) Und wirklich hatte dieses Heilmittel eine je nachdem beruhigende oder belebende Wirkung.«
Allem voran ist »Quinn Kuul« ein Lexikon des Kölner Proletentums. Damit durchschreitet Imgrund ein schwieriges Terrain. Aus einem nicht bestimmbaren Grund ist es beinahe unmöglich, Literatur über das Rheinland zu verfassen. Egal ob Mord und Totschlag, politische Verwicklungen, Geschichte – mit der Nennung rheinischer Ortsnamen verschwimmt das meiste wie in einer Suppe. Der Rheinländer präsentiert sich als ahistorisches, apolitisches Wesen; redet er nicht vom Wetter, so vom Krankenhaus. Er will grundsätzlich nichts, ist träge und zugleich aggressiv, auf seinen Karneval eingebildet und verschlagen, er kämpft ums zu erbende Haus, wenn noch keiner gestorben ist; der Berufston changiert zwischen Jammern und aggressiver Jovialität, sein Vortrag ist die Büttenrede.
Nur wenige haben aus diesem Landstrich Funken geschlagen – Ulla Hahn mit »Das verborgene Wort« oder Irmgard Keun, die sich stilecht am Kiosk zu Tode trank, mit ihrem Gesamtwerk. Der Rest: joviale »Bonn-Krimis« oder die Klatschspalte des Express. Imgrund, ehemals politischer Redakteur der Kölner Stadtrevue, hat den literarischen Versuch, über das Rheinland zu schreiben, schon zum zweiten Mal unternommen. Der erste hieß »Korrupt« und wurde vom Verlag Kiepenheuer & Witsch als »Krimi zum Müllskandal« vermarktet. Damit hatte dieser Thriller zwar kaum zu tun, aber das Manuskript lag gerade vor, als Köln für seinen kreativen Umgang mit der Abfallwirtschaft bekannt wurde.
Dem Schicksal, den Tagesaktualitäten zugerechnet zu werden, will Imgrund in »Quinn Kuul« entgehen, in dem er das Konstruktionsprinzip bekannt gibt. Wie in einem Karl-May-Roman solle es zugehen, heißt es vorneweg, wenn auch Old Shatterhand ein jugendlicher Rußwerk-Einsacker ist. Wie bei May soll sich ein Panoptikum mit vielen Unter-, Neben-, Seitenschilderungen öffnen – hier aus der Welt des Achtziger-Teens in jener Stadt, deren größte Attraktion die Baghwan-Disco war. Viele Colonialismen kommen zum Vorschein, die dem Kölner eingängig sein mögen, dem Nichteinwohner aber nicht immer.
Ein Fall von autochthoner Dichtung: Durch Kuul spricht der Landstrich – mit allem, was er zu bieten hat –, der waschechte Rheinländer wurstelt sich durch und überlebt.
Bernd Imgrund: Quinn Kuul. Haffmans bei 2001, Frankfurt 2007, 572 S,. 17,90 Euro