Die Russen kommen

Auch in Israel gibt es Neonazis. Mit der Zahl russischer Einwanderer wächst auch deren Anteil. Die israelische Gesellschaft tut sich schwer im Umgang mit diesem Phänomen. von ivo bozic (text und fotos)
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Kommen Sie herein, schauen Sie sich alles in Ruhe an. Wissen Sie, das ist eine besonders schöne und lebendige Synagoge. Hier ist jeden Tag Betrieb, jeden Tag, morgens und abends, ist die Synagoge voll mit Menschen«, erklärt der Hausmeister stolz. Touristen verirren sich normalerweise nicht nach Petah Tiqwa, einen Vorort Tel Avivs, dessen einzige Sehenswürdig­keit eben jene Große Synagoge ist. 109 Jahre ist sie alt, groß und hell. In der Mitte zwischen den Sitzbänken stehen unzählige religiöse Schriften. Der sympathische ältere Herr ist sehr erfreut über das Interesse an seiner Synagoge und führt mich herum. Als ich ihn auf den Vor­fall vor einem Jahr anspreche, wirkt er jedoch ein wenig gekränkt. Ob dies die Synagoge sei, die im vorigen Jahr von Neonazis geschändet wurde, will ich wissen. Ja, sagt er und schüttelt den Kopf. Das sei eine schlimme Sache ge­wesen. Ein paar verirrte Jugendliche hätten wohl dahinter gesteckt. Ach, es gebe überall auf der Welt so viele Verrückte. Er möchte das Thema wechseln. Es ist ihm unangenehm, dass da jemand aus Deutschland vor ihm steht und ihn nach Neonazis in Israel fragt. In der Tat: eine paradoxe Situation. Auch mir ist sie unangenehm.

Es war im Mai vorigen Jahres. Da waren Neo­nazis nachts in die Synagoge eingebrochen und hatten überall Hakenkreuze und den Namen »Hitler« hingesprayt, auch auf den Thora-Schrein und die religiösen Bücher. Auf den Boden hatten sie »Rammstein« geschrie­ben. Die Thora-Rollen waren aus dem Schank gezerrt und auf den Boden geworfen worden. Drei Täter wurden später gefasst, darunter der Anführer einer 15- bis 20köpfigen Naziskin-Truppe. Er kam einige Monate ins Gefängnis und zog dann mit seinen Eltern nach Be’er Sheva. Er soll jedoch regelmäßig am Wochenende wieder in Petah Tiq­wa sein und den Kontakt mit seinen Kameraden pflegen. Das erzählt mir später Zalman Gilichensky, der in Israel so etwas wie die einzige Antifa-Recherche-Stelle betreibt.

Die Tageszeitung Ha’aretz berichtete kürzlich in einer Serie mit dem Titel »Antisemitismus von Innen« auch über die Stadt Petah Tiqwa. Jugendgangs sollen die Straßen unsicher machen, hieß es. Drei Szenen machte die Zeitung aus: Punks, Skins und Naziskins. In Zeichnungen wurden deren Dresscodes dargestellt. Glatze, weiße Schnürsenkel bei den Naziskins, schwarze Hosen, bunte Haare bei den Punks und so weiter. Ha’aretz sprach mit einem 18jährigen Mädchen namens Irina, die bis vor kurzem ein »Skin-Girl« gewesen sei. Ihr Ex-Freund sei der Anführer einer Gruppe von Skinheads, die sich darauf spezialisiert habe, Orthodoxe zu attackieren. An Wochenenden, so erzählt Irina, habe man im Park zusammengesessen, getrunken, geraucht und Nazimusik gehört, später habe man dann Ausschau nach Orthodoxen gehalten. An Hitlers Geburtstag hätten sie sich auf einem Friedhof getroffen und gefeiert.

Petah Tiqwa ist keine Banlieue, keine trostlose Satellitenstadt mit Plattenbauten und ohne soziale Infrastruktur, von der man behaupten könnte, Jugendlichen bliebe gar nichts anderes übrig, als auf die schiefe Bahn zu geraten. Im Gegenteil. Es ist eine sehr quirlige, lebendige, eigentlich sogar ganz hübsche Stadt, mit Fußgängerzonen, Geschäftsstraßen, einem großen Markt – und die »Mutter aller Siedlungen«.

1878 begannen aus Ungarn stammende jüdische Siedler, die damals malariaverseuchten Sümpfe trockenzulegen und eine Stadt aufzubauen, der sie den Namen Petah Tiqwa (Tor zur Hoffnung) gaben und die später, nach der zweiten Einwanderungswelle 1904, zum Geburtsort der zionistischen Arbeiterbewegung werden sollte. Tel Aviv war noch nicht gegründet. 300 Sy­nagogen gibt es hier. Unter den 170 000 Einwohnern sollen etwa 5 000 ultra-orthodoxe Familien sein. Dennoch sind die Männer mit den schwarzen Hüten und Mänteln längst nicht so präsent im Straßenbild wie etwa in Jerusalem. Man ist von hier schnell in der heimlichen Hauptstadt: Mit dem Bus dauert es keine halbe Stunde bis nach Tel Aviv.

Was allerdings unüberseh- und un­überhörbar ist: In Petah Tiqwa spricht man Russisch. Alle Anschläge an schwar­zen Brettern sind auf Russisch, auch die Schilder in den Läden. In den Ständern vieler Zeitungskioske liegen ausschließlich russische Zeitungen aus. Die Getränkeläden bieten ein beeindrucken­des Wodka-Sortiment. Auch die Punk-, Skin- und Naziskin-Gangs setzen sich ausschließlich aus russischen Jugendlichen zusammen.

Petah Tiqwa ist nur eine von mehreren Städten Israels, in denen russische Neueinwanderer in der Mehrzahl sind. Von den 6,5 Millionen Israelis stammen 1,3 Millionen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Das sind 20 Prozent. Viele von ihnen leben auch in Groß­siedlungen in der Westbank, etwa in Ariel, aber auch in den Metropolen Jerusalem und Tel Aviv. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es eine regelrechte Einwanderungswelle.

Viele Russen profitieren dabei von der israelischen Einwanderungsgesetzgebung, die seit einer Änderung des Rückkehrrechts (»Law of Return«) 1970 nicht nur Juden ein Aufenthaltsrecht in Israel und die Staatsbürgerschaft zubilligt, sondern auch allen, die nach den Nürnberger Rassegesetzen als Juden angesehen würden. Es reicht also, wenn ein Großvater jüdisch ist, um einwandern zu dürfen, während nach jüdischem Recht die Mutter jüdisch sein muss, um als Jude zu gelten.

»Wer jüdisch genug war, um von den Nazis vergast zu werden, ist auch jüdisch genug, um vom jüdischen Staat aufgenommen zu werden«, erklärt Michael Jankelowitz von der Jewish Agency diese Rechtsauffassung. Als 1999 erstmals deutlich mehr nicht jüdische als jüdische Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel eingewandert waren, begann eine bis heute andauernde Debatte um eine Reform des Rückkehrrechts (Jungle World 51/99). Heutzutage sind nur 25 Prozent derer, die aus den GUS-Staaten einwandern, Juden, von den unter 10jährigen Kindern hat keines zwei jüdische Eltern.

Es sind vor allem russische Neueinwanderer, die zu einer Nazi-Gesinnung neigen. Und nicht nur in Petah Tiqwa. Im Januar wurden sechs Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren im Tel Aviver Vorort Bat Yam dabei erwischt, wie sie in ihrer Schule die Mezuzahs – kleine Schriftkapseln, die man in jüdischen Haushalten an den Türrahmen befestigt – abrissen und eine Israel-Fahne und religiöse Schriften verbrannten. »Wir lehnen Juden und alles Jüdische ab«, erklärten sie. In der ebenfalls von russischen Migranten geprägten Stadt Arad, am Rand der Negev-Wüste im Süden des Landes, wurde in den vergangenen Monaten fünf Mal in Synagogen eingebrochen und randaliert. Im Jahr 2006 gab es mindestens sechs Berichte über Schändungen von Friedhöfen und Synagogen und Nazi-Graffitis in Israel.

Neu ist das Phänomen nicht. Seit 2002 wurden über 500 antisemitische Vorfälle in Israel registriert, vor allem Hakenkreuzschmierereien und Vandalismus auf Friedhöfen, aber auch Attacken auf orthodoxe Juden. 2003 berichtete eine russischsprachige Zeitung über eine ebenfalls russische Internetseite der offen neonazistischen Gruppe »White Israeli Union«, die gegen Juden wie Araber hetzte. Die Seite, die der IDF-Soldat Ilia Zolotov betrieb, wurde von der Polizei sofort abgeschaltet. Weiterhin online ist hingegen eine auf einem russischen Server beheimatete Seite eines »Russian Na­tional Center«. Dort wurden schon mal Unterschriften für einen in Tschechien verhafteten Musiker der Nazi-Band »Kolovrat« gesammelt. 150 Unterschriften kamen von israelischen Internet-Usern.

Im Oktober 2004 sollte im »Kosmonaut«, einem Club im Tel Aviver Alternativ-Bezirk Florentin, ein Konzert der österreichischen Neonazi-Band »Der Blutharsch« stattfinden. Eine Band, deren Songs zum Teil auf dem Liedgut der NS-Bewegung basieren. Nach einiger öffentlicher Kritik wurde das Konzert schließlich abgesagt. Die israelischen Organisatoren sprachen von Zensur. Es könne nicht die Rede davon sein, dass »Blutharsch« eine Naziband sei, vielmehr werde hier eine Hexen­jagd gegen eine Jugendkultur betrieben, wie in den achtziger Jahren gegen die Heavy-Metal-Szene. Tatsächlich gibt es für Darkwave in Israels Jugend ein Publikum. Bereits vier Monate vorher war die rechtsextreme Band »Death in June« ungestört im Club »Exposé« aufgetreten. Rund 500 Zuschauer waren anwesend.

Zalman Gilichensky will, dass ich für das Ge­spräch zu ihm in sein Büro komme. Das befindet sich in einer gutbürgerlichen Wohngegend am nördlichsten Rand Jerusalems. Englisch spricht er kaum. Ich soll einen Dolmetscher mitbringen. Ari hat sich bereit erklärt, mir zu helfen. Ich treffe Ari zum ersten Mal fünf Minuten vor unserem Treffen mit Gilichensky in der Nähe des Büros. Ich muss ihm am Telefon beschreiben, wie er mich erkennen kann. Das ist nicht schwierig. Ich bin der Typ mit der blauen Jacke, alle anderen Menschen hier in der Gegend sind schwarz gekleidet. Es ist ein durch und durch orthodoxes Viertel. Die Männer tragen lange schwarze Mäntel und große Hüte, die Frauen Hauben und lange Röcke; die kleinen Jungs auf dem Spiel­platz haben eine Kippa auf dem Kopf und ihre Schläfenlocken hinters Ohr geklemmt.

Auch Gilichensky ist ein Orthodoxer. Er hat kurze graumelierte Haare, einen Bart, trägt einen schwarzen Anzug und eine Kippa. Sein Hut hängt an einem Haken neben der Tür. Gilichensky lässt uns Platz nehmen. Das Büro ist nur wenige Quadrat­meter groß, drei Computer stehen dort und ein Kopiergerät. Eine Freiwillige, ein junges Mädchen, sitzt an einem Rechner und arbeitet still, ohne zu uns aufzublicken, als wir eintreten.

Zalman Gilichensky ist 1989 aus Mol­dawien nach Israel emigriert. Grund dafür waren die ökonomische Situation des Landes, aber auch der virulente Antisemitismus in seinem Herkunftsland. Dass er ausgerechnet in Israel auf Antisemitismus stieß, habe ihn geschockt, sagt er. Nachdem er 1999 in einer russischsprachigen Zeitung eine Anzeige geschaltet habe, in der er nach Erfahrungen mit Antisemi­tismus in Israel fragte und hunderte Reaktionen erhielt, entschloss er sich, mit Freunden zusammen das Informa­tionszentrum für Opfer von Antisemi­tismus in Israel zu gründen, in dessen wir Büro jetzt sitzen.

Gilichensky breitet Fotos vor uns aus, die Hakenkreuzschmierereien in Be’er Sheva, Lod, Bnei Brak, Jerusalem und Haifa zeigen. Der Vorfall in Petah Tiqwa sei alles andere als ein Einzelfall, erklärt er. Er macht auf ein besonde­res Problem aufmerksam. Wie alle Israe­lis müssen auch die russischen Jugendlichen ihren Wehrdienst ableisten, egal ob sie Juden sind oder nicht. Gilichensky zeigt mir das Foto eines IDF-Soldaten, der in israelischer Uniform mit zum Hitlergruß erhobenem Arm posiert. Es handelt sich um Ilia Zolotov, den ehemaligen Betreiber der Website »White Israeli Union«. Als die Polizei im Mai vorigen Jahres bei dem 20jährigen eine Hausdurchsuchung wegen des Verdachts auf Dro­genbesitz machte, fand sie in seiner Wohnung in Ariel neben Heroin auch jede Menge Nazi-Literatur und ‑Propaganda auf seinem Com­puter. Er hasse die Juden, erklärte er freimütig. Zeitungen titelten mit der Überschrift: »IDF-Soldat: Ich bin ein Nazi.« Im September 2006 wurde er verurteilt, seine Strafe waren ein paar Sozialstunden und eine Fahrt in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz.

Bei einem anderen IDF-Soldaten ent­deck­te man voriges Jahr ein eintätowiertes Haken­kreuz auf dem linken Oberarm. Gilichensky zeigt mir auch dieses Foto. Die einzige Strafe für den Soldaten bestand im Ausschluss aus der Armee. Für Nazi-Propa­gandadelikte gibt es in Israel keine juristische Handhabe. Im Februar 2005 marschier­ten nicht jüdische Soldaten bei einer Übung der IDF in Nazi-Manier auf und brüllten Dinge wie »Sieg Heil« und »Heil Hitler«, es kam zu einer Rauferei mit jüdischen Sol­daten der Einheit. Gilichensky macht ein ernstes Gesicht. Er sagt: »In Russland oder Europa, da laufen Neonazis vielleicht mit Messern durch die Gegend, hier aber haben sie, wenn sie in der Armee dienen, eine scharfe Waffe in der Hand.«

Bei offiziellen Stellen in Israel stoße er nur auf taube Ohren, klagt Gilichensky. Man wolle das Problem einfach nicht wahrhaben. Bereits im Jahr 2000 sei eine Fernsehdokumentation zum Thema geplant und auch schon zur Hälfte produziert gewesen, dann aber habe man es sich anders überlegt und das Projekt abgebrochen. Hauptsächlich westliche Medien interessierten sich für seine Arbeit, sagt Gilichensky.

Das rechtsextreme Gedankengut bringen Neueinwanderer teilweise aus Russ­land mit, meint er, aber da sie mehrere russische Fernsehkanäle empfangen können, regelmäßig in die alte Heimat reisen und über Internet Kontakt mit entsprechenden Szenen halten, gebe es auch eine andauernde politische Beeinflussung in Israel. Er holt zwei Bücher aus der Schreibtischschublade. Es sind Bücher von Holocaustleugnern. Er hat sie in russischen Buchhandlungen in Israel erworben. Auch Kassetten mit Nazi-Musik werden übers Internet in Israel vertrieben.

Ich frage Gilichensky, ob es personelle oder strukturelle Verbindungen zwischen antisemitischen Russen in Israel und dem arabischen Antisemitismus gebe. Nein, sagt er schnell, die Neonazis würden schließlich auch Araber hassen, da gebe es keinerlei Verbindungen, jedenfalls sei ihm nichts dergleichen bekannt. Ich frage ihn, ob es auch jüdische Neonazis gebe oder ob alle auf­fällig gewordenen Antisemiten in Israel Nichtjuden seien. Diese Frage findet Gilichensky befremdlich. Antisemitische Juden? Wie solle denn das gehen?! Nein, nein, es handle sich ausschließlich um Leute, die mit dem Judentum nichts zu tun hätten.

Es gibt jedoch auch einige, die das anders sehen. Aaron J. Goldberg vom Israel-Büro der Anti-Defamation League hat Zalman Gilichensky bereits vor Jah­ren vorgeworfen, den Antisemitismus zu instrumentalisieren, um eine Revision des Rückkehrrechts zu betreiben. Tatsächlich fordert Gilichensky als eine Maßnahme gegen den wachsenden Antisemitismus, das Rückkehrrecht für Nichtjuden zu verschärfen und statt der Anwendung pauschaler Kriterien Einzelfallprüfungen durchzuführen. Und es lässt sich nicht ausschließen, dass ein Orthodoxer wie Gilichensky auch national-religiöse Motive dafür hat, unzufrieden mit der Zuwanderungspolitik zu sein, die derzeit dazu führt, dass sich der Anteil der Nichtjuden in Israel stetig vergrößert.

Aber Gilichinsky macht nicht den Eindruck, ein verbohrter Religiöser zu sein. Man glaubt ihm seine Besorgnis darüber, dass sich ausgerechnet in Israel, dem Zufluchtsort für von Antisemi­tis­mus betroffene Juden, Neonazis ausbreiten können. Auch wenn diese bislang nur ein Randphänomen sind, die Israelis in der Tat gewichtigere Sorgen haben und die wesentlich größere Bedrohung durch Antisemiten außerhalb Israels besteht, so wächst doch unbestreitbar die Notwendigkeit, auf diese Erscheinungen zu reagieren.