Der Mann sieht nicht aus, wie man sich einen Popstar vorstellt. Er möchte auch gar nicht so aussehen. Popstars gehören zu den Menschen, die ihm zuwider sind. Auf Fotos stellt er ein zerknautschtes Miesepetergesicht zur Schau. Zu Interviews ist er »derzeit nicht mehr zu überreden«. Auf der Bühne stakst er tatterig umher, kneift immer wieder zwanghaft die Augen zusammen und schiebt seine Zunge in der Mundhöhle fortwährend hin und her, sodass man den Eindruck erhält, er grimassiere unentwegt (es handelt sich wohl um einen oder mehrere Tics), während er hie und da ins Mikrophon keift oder bellt.
Im März ist er 50 Jahre alt geworden. Seine Band heißt seit 30 Jahren The Fall, obwohl er es sich in den letzten 15 Jahren zu einer Art Hobby gemacht hat, seine Musiker alle paar Monate zu feuern. Der Mann, von dem hier die Rede ist, heißt Mark E. Smith und ist der Große Vorsitzende des weltweiten Vereins derer, die nicht einverstanden sind, »der letzte Aufrechte der britischen Underground-Musik« (Die Welt). Auf seinem neuen, mittlerweile 26. offiziellen Studioalbum findet man das Bewährte: ein meist stumpf-repetitives, grollend einherschnarrendes Bass- und Schlagzeuggerumpel, zu dem Smith genervt seine verstörenden und skurrilen Texte deklamiert (»Goldfish Bowl! Arbeits! … Plätze! Aus!«), so etwa – so kennt man den Mann – auch ein Track, in dem er heftig seine ehemaligen Bandkollegen beschimpft (»Insult Song«), oder eine zehnminütige Elektrogeräuschfetzenlandschaft (»Das Boat«), in der Smith und andere immer nur »I-I-I-I« und »Das Boat« brabbeln und mit Stöcken auf irgendwas herumklopfen.
Auf die Frage, ob das Leben mit The Fall nicht anstrengend sei, antwortete Smith vor kurzem: »Was ich tue, ist wichtig. Es handelt sich gewissermaßen um einen künstlerischen Auftrag. Würde ich mich ausverkaufen, würde ich diesen und somit mein ganzes Leben in Frage stellen. Also verkaufe ich mich jetzt, mit 49, erst recht nicht.« Demnächst beendet er die Arbeit an seinen Memoiren: »Das Evangelium nach Mark E. Smith«.
thomas blum
The Fall: »Reformation Post TLC« (Slogan / Rough Trade)