02.05.2007

Home Story

Schon jeder bessere Deutschlehrer bläut es seinen Schülern ein, jede Journalismusstudentin lernt es im Proseminar, und jedem Redakteur wird es um die Ohren gehauen, wenn er einmal diese eherne Weisheit des Blattmachens über­gangen hat, die da lautet: Das Wichtigste am Text ist ein guter Einstieg!

Das gilt für Prosastücke und erst recht für Zeitungsartikel. »Schnell« soll der Einstieg sein, geistreich oder verstörend; er soll neugierig machen oder die sensationelle Neuigkeit herausschreien, auf jeden Fall den Leser in den Bann ziehen. Vor Zeiten haben amerikanische Wissenschaftler bewiesen, dass die ersten Sätze darüber entscheiden, ob ein Text weiter gelesen wird. Doch gibt es Einstiege, die vielleicht einmal ihren Zweck erfüllt haben, seither aber so oft geschrieben und gedruckt wurden, dass man sie nicht mehr sehen kann. »Plötzlich ging alles sehr schnell«, ist so ein Fall, ebenso »Jetzt ist es raus« oder »Ein Gespenst geht um in Europa«. Verboten ist auch dieser Satz: »Früher war alles besser.«

Und doch ist er manchmal wahr, einiges war früher besser. Zum Beispiel verteilten die Kollegen von der Produktion gelegentlich Aus­zeichnungen wie »Redakteur der Woche« oder »Ressort der Woche«. Mal ging der Preis an eine Kol­legin, die ihre Seiten um etliche Tage früher abgegeben hatte, als es der Produk­tionsplan vorsieht, ein andermal wurde ein Kollege geehrt, der den Preisrichtern ein Sahneeis spendiert hatte. Für uns Außenstehende blieben die Ver­gabekriterien undurchsichtig und unbegreiflich, es roch nach persönlichem Gutdünken. Doch wo es Willkür gibt, gibt es Milde; wo es Geheimnisse gibt, gibt es Verzauberung; wo es Korruption gibt, gibt es Kommunikation. Kurz: Die Verhältnisse waren feudal, darin aber – in jedem Sinne des Wortes – menschlich.

Bekanntlich hat die Moderne die Willkürherrschaft ersetzt durch die abstrakte, kalte und unpersönliche Herrschaft der Strukturen. Und erbarmungslos, wie sie ist, zog sie neulich auch bei uns ein – und zwar in Gestalt von Excel-Tabellen.

Seither wird minutiös notiert, welches Ressort wann wie viele Seiten abgegeben hat. Verspätungen werden addiert und mit Vorleistungen verrechnet, am Ende wird für jedes Ressort ermittelt, ob es das Wochensoll erfüllt hat oder ob und in welchem Maße es darunter geblieben ist. Jeder wird erfasst, niemand kann unauffällig seine Arbeit verrichten, und für Erklärungen für die Gründe einer Verspätung ist das System blind und taub, wie ein Kontrolleur der Berliner U-Bahn.

Natürlich wurde eine putzige Auszeichnung wie »Ressort der Woche« als unzeitgemäß abgeschafft. Stattdessen bekommt man etwas wie »Minus Drei« oder »Null« gesagt, was so herzlos ist, dass im Vergleich dazu noch jeder Kontoauszug wie ein Liebesbrief anmutet. Schneller zu arbeiten, ist ebenfalls keine Lösung, denn in diesem Fall kriegt man eine nicht minder blutleere Mitteilung wie »Plus Zwei«.

Dass sich für so etwas niemand ins Zeug legen mag, verwundert zwar die modernistischen Tabellen-Fetischisten, lässt uns aber, die wir um die Dialektik der Moderne wissen, allemal hoffen.