Marcus Tullius Cicero war kein Freund des Ranking. »Suche nicht andere, sondern dich selbst zu übertreffen«, riet der römische Philosoph. Doch in der Wettbewerbsgesellschaft muss immer einer der Beste oder wenigstens der Einflussreichste sein. Deshalb erstellt das Magazin Cicero eine Liste der 500 deutschen »Top-Intellektuellen«.
Wie wird man zum Top-Denker erkoren? »Gemessen wird das über die Anzahl der Zitationen in 160 Print-Medien, in der Suchmaschine Google und im biografischen Archiv Munzinger«, erläutert Max A. Höfer. Um Qualität geht es nicht, allerdings entscheidet Höfer, wer als Intellektueller bezeichnet werden kann. Nach fragwürdigen Kriterien, denn wer Wolf Biermann zum Intellektuellen ernennt, sollte auch Dieter Bohlen, der immerhin drei Bücher veröffentlicht hat, diesen Titel zugestehen.
Zumal Bohlen gut in diese Liste passen würde, denn er ist ein Optimist, und Höfers Ranking, dessen eigentlicher Zweck die Erkundung des deutschen Gemüts ist, feiert den »Aufstieg der Optimisten«. Günter Grass fiel vom ersten auf den dritten Platz zurück, das ist »ein Zeichen von Optimismus und Normalisierung«. Doch nicht das einzige, denn »das leichte Abrutschen von ›Generalverdacht‹-Intellektuellen wie Christa Wolf (Platz 17), Jürgen Habermas (10) und Claus Peymann (26) unter den Top 30 im Ranking 2007 deutet an, dass diese Mentalität weniger gefragt ist«. Martin Walser dagegen, »der seinen Frieden mit der Republik schon früher machte«, hat den zweiten Platz »erobert«. Sogar die Literaturkritik wird optimistischer, der grantelnde Marcel Reich-Ranicki belegt zwar noch Platz 5, aber Elke Heidenreich, die nur selten ein Buch verreißt, holt auf (Platz 8).
An der Spitze steht Josef Ratzinger. »Sein penetranter moralischer Rigorismus war eine ›Ersatzhandlung‹, resümierte die Neue Zürcher Zeitung« – doch halt, dieses Urteil gilt Grass. Was Ratzinger betrifft, so sind jene »verstummt«, die ihn »einen katholischen Scharfmacher« nannten. Seine Wahl zum Papst ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass die Welt, mit Ausnahme der britischen Presse, bereit ist zur »Anerkennung der demokratischen Aufbauleistung der Deutschen«.
jörn schulz