Rainald Grebe im Gespräch

»Das Pure kann ich nicht ertragen«

Bekannt wurde Rainald Grebe mit seinen »Hymnen« auf Brandenburg (»In Bran­denburg, in Brandenburg / Ist wieder jemand voll in die Allee gegurkt / Was soll man auch machen / Mit 17, 18 in Brandenburg?«) oder auf Thüringen (»Thüüü-üüüringen / ­Goethe ist extra aus’m Westen hergezogen / Thüüü-üüüringen / David ­Bowie ist auch schon einmal drübergeflogen«). Doch Grebe hat viele Talente. Er studierte an der Berliner Ernst-Busch-Hochschule Puppenspiel, arbeitete als Schauspieler und Dramaturg am Thea­terhaus Jena und veröffentlichte im vorigen Jahr seinen ersten Roman »Global Fish«. Und natürlich ist er Sänger und Pianist der »Kapelle der Versöhnung«, deren komisch-melancholische Lieder er textet und komponiert. In dieser Woche erscheint mit »Volks­musik« sein drittes offizielles Album.

Würden Sie im Autohaus in Schwedt spielen?

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Wenn man mich einladen würde, klar, gerne!

Sie scheinen ein Faible für die Provinz zu haben, besonders für die ostdeutsche.

Ich habe fünf Jahre lang in Thüringen gelebt und verbringe meinen Urlaub oft im Osten. Provinz erdet ungemein.

Wie kommen Lieder wie »Brandenburg« und »Thüringen« im Osten an?

Sehr gut. Neulich sind wir in Thüringen aufgetreten, und die Leute sind aufgestanden und haben »ihre Hymne« mitgesungen. Die meisten haben ja Humor. Außerdem treffen diese Lieder eine gewisse Wahrheit.

Nach Ihren Hymnen auf einzelne Bundesländer wäre es nahe liegend, eine neue Hymne für Deutschland vorzulegen.

Das habe ich versucht, und dabei kam das Lied »Verkehr« heraus. Das ging auf einen Gedanken von Christoph Schlingensief zurück, der einmal auf die Frage, was für ihn Deutschland ist, gesagt hat: Die Fracht, die von A nach B transportiert wird. Das ist alles sehr entideologisiert, aber mir erschien es plausibel, Deutschland mit dem Fahren, dem Abhaken von Terminen, dem reinen Kapitalismus zu beschreiben. Als Hymne ist das aber nicht mehr zu erkennen.

Was unterscheidet das Lied von anderen künstlerischen Formen, mit denen Sie arbeiten?

Wenn dir eine Zeile gelingt, die den Leuten im Gedächtnis bleibt, weil sie die Dinge auf den Punkt bringt, kann dies eine größere Wirkung haben als ein ganzer Roman. Einen Roman hat man nicht im Ohr, eine Hymne schon.

Viele Ihrer Lieder sind in der Ich-Form gehalten. Ist das bloß stilistisches Mittel, oder erzählen Sie tatsächlich von sich?

Ich kann nicht anders, als meine Erfahrungen zu verarbeiten, auch wenn ich diese natürlich verschachtele und übereinander lege.

Es ist also Rainald Grebe, der auf den Satz »Kannst wohl nur mit Alkohol fröhlich sein« mit »Stimmt« antwortet?

Das weiß ich nicht mehr, aber diese Feten, von denen der Song handelt, kenne ich natürlich. Ich wollte einen Song für die Situa­tion machen, wenn man morgens um fünf auf einer Party hängt. Das ist ja ein kultureller Standard, diese mittelmäßigen, immergleichen Feten des Normalbürgers.

Und Ihre Ex-Freundin Dörte, die Sie als »Ausweg aus der Spaßgesellschaft« charakterisieren?

Da sind mehrere zusammengeflossen.

Ihr neues Album heißt »Volksmusik«. Die gilt vielen als reaktionär und verklärend.

Ich glaube nicht, dass ich etwas verkläre.

Darum ist diese Bezeichnung verwirrend.

Wir kamen darauf, weil unser Schlagzeuger Martin Brauer bei einem Urlaub in Mecklenburg sah, wie Leute am Lagerfeuer an der Gitarre meine Lieder gesungen haben. Ich fand es zuvor schon irritierend, als ich mit diesem »Katzenklo«-Effekt konfrontiert war, also als Leute anfingen, bei meinen Konzerten mitzusingen oder ein bestimmtes Lied zu fordern, wie sie bei Helge Schneider »Katzenklo« hören wollen. Damit musste ich umgehen, und so kamen wir darauf, den Begriff »Volks­musik« zu verwenden und zu behaupten: Wir machen Volksmusik.

Volksmusik ist nicht für Achim Menzel und Heino reserviert?

Damit hat unsere Musik nichts zu tun, außer vielleicht, dass wir beim neuen Album darauf geachtet haben, die Melodien möglichst einfach zu halten. Die Volksmusik im eigentlichen Sinn gibt es ja nicht mehr, am wenigsten in Deutschland, wo diese Tradition durch den Krieg gekappt wurde. Auch wir bewegen uns im popkulturellen Kontext. Trotzdem gibt es ein Bedürfnis nach Heimatklängen, also danach, dass die Dinge, die uns umgeben, in der Musik vorkommen. Und sei es die Ich-AG.

Kurt Tucholsky hat sich einmal darüber lustig gemacht, dass in einem Volkslied ein Wort wie »Hypothek« auftauchte. Einige Ihrer »Volkslieder« heißen »Ich-AG« oder »Casting-Allee«, in denen Sie das Milieu der »Prekären« beschreiben.

Der Begriff »Volkslied« ist bei mir ein bisschen ironisch gemeint, aber nicht ausschließlich. Die meisten meiner Lieder greifen meine Situation und die meiner Freunde und Bekannten auf.

Und für mich ist die Volksmusik nicht erledigt. Das nächste wäre, wie in den alten Liedern, allgemeingültige Sachverhalte zu behandeln, elemen­tare Dinge wie Liebe und Frühling, Abschied und Tod. So weit bin ich noch nicht ge­kom­men, ich weiß auch gar nicht, ob ich das kann.

Sie sind in einem kleinen Ort bei Köln aufgewachsen. Dennoch spielen Sie keine »Heimatklänge« aus dem Rhein­land.

Weil ich zu diesem unpersönlichen Vor­ort keinen heimatlichen Bezug hatte. Auch meine Eltern waren Zugezogene. Ich habe keinen Ort, von dem ich sagen kann: Da komme ich her, da gehöre ich hin.

Auf der Bühne wirken Sie sehr ernst.

Ich stelle mich nicht da hin, um Witze zu reißen. Eigentlich geht es um ernste Themen, und manche Lieder singe ich einfach nur, weil sie schön sind.

Was ist das treibende Gefühl bei Ihren Liedern?

Melancholie. Oder ein Gefühl von Verlorenheit und Einsamkeit.

Spott?

Vorher muss ein Schmerz da sein. Der Spott oder der Zynismus stellen sich erst später ein. Denn das ganz Pure kann ich nicht ertragen. Dennoch ist Humor kein Selbstzweck, es geht darum, in der Tradition der Liedermacher der sechziger Jahre eine Geschichte zu erzählen. Es gibt nicht viele Künstler in Deutschland, die das Traurige mit dem Komischen verbinden. Peter Licht vielleicht und natürlich Funny van Dannen. Als ich den zum ersten Mal gehört habe, ging mir das Herz auf.

Die Liedermacher alter Schule kamen ohne Humor aus, brachten aber eindeutige politische Aussagen. Ist Ironie nicht ein Mittel der Unverbindlichkeit?

Das hat was mit Distanzierung zu tun, sicher. Ich war einmal in Jena auf einem Konzert von Konstantin Wecker. Da waren vielleicht 800 Leute, meist ältere mit Holzfällerhemden und Lederweste, und Wecker sang ein Antikriegslied, »Ich sage Nein« oder so. Alle haben gejubelt, alle waren sich so furchtbar einig. Und ich habe mich gefragt: Warum kann ich das nicht?

Warum können Sie das nicht?

Das ist die Frage: Warum kann ich mich nicht auf die Bühne stellen und sagen, »George Bush ist ein dummer Cowboy«, obwohl das vielleicht stimmt? Warum würde ich eher ein Lied über Leute machen, die einen gepflegten Antiamerikanismus vor sich herschieben? Warum schaffe ich es nicht, ein Lied oder ein Theaterstück mit einer klaren politischen Aussage zu machen? Warum will ich das auch nicht und finde die pure Meinung in der Kunst sogar langweilig?

Ich habe nur ein Propagandalied geschrieben, und das richtete sich gegen Guido Knopp. Anders als bei den großen politischen Fragen hielt ich mich da für kompetent, na ja.

Ansonsten fällt es mir schwer, mir eine eindeutige Meinung zuzulegen, worunter ich auch leide. Denn meine Hal­tung, die gewissermaßen die meiner Generation ist, ist eine inaktive. Andererseits habe ich es nicht vergessen, was uns ein Lehrer an der Ernst-Busch-Hochschule gleich in der ersten Stunde sagte: »Wenn ihr die Welt verändern wollt, geht zu Greenpeace, aber lasst die Kunst bleiben!«