13.06.2007

Der unsichtbare Achte

ich-ag der woche

Darbietungen mit Politikermasken und Großpuppen aus Pappmachee waren bei den Anti-G8-Protesten ein heiß geliebtes Mittel, um medienwirksam die Machenschaften der Mächtigen zu veranschaulichen. Aufgeklebte Pinocchio-Nasen sollten zeigen: Die lügen doch alle!

Alle? Na ja, Bush, Merkel und Putin eben. Sarkozy und der Japaner bestimmt auch. Aber wen soll eigentlich die Puppe mit dem blonden Seitenscheitel darstellen? Die Ant­wort ist nicht einfach. Aber sie soll an dieser Stelle verraten werden. Es handelt sich um Stephen Harper.

Nie gehört? Der ist – Sie ahnen es nicht – der Premierminister von Kanada. Obwohl er selbst ein Konservativer wie George W. Bush ist, dessen Kriege unterstützt und das Militärbudget seines Landes erhöht hat, hat ihn keiner der No-Globals als »Terroristen No. 2« bezeichnet. Das liegt auch daran, dass Harper geschickt das Bild von Kanada als den besseren USA pflegt. Dass er ursprünglich das von seinem liberalen Vorgänger Paul Martin unterzeichnete Kyoto-Protokoll abgelehnt hat und seine Regierung jüngst von der kanadischen NGO »Friends of the Earth« wegen Verstoßes gegen eben jenes Protokoll angeklagt wurde, hält ihn nicht davon ab, sich nun als Vorkämpfer für den Klimaschutz zu präsentieren. Dieser sei »viel einfacher, wenn alle mitmachen«, meint Harper. Auch Kanada wäre liebend gerne dabei, kann aber wegen der Verweigerungshaltung der USA nicht: Es könnten sonst Wettbewerbsnachteile entstehen! Aber immerhin werde Kanada nie den Glauben an »Demokratie, Freiheit und Menschenrechte« an den »allmächtigen Dollar« verkaufen, das verspricht der kanadische Premier.

Harper enttäuschte mit seinem Auftritt in Heiligendamm. »Vor einigen Jahren sagte ich noch, dass die Welt mehr ›Kanadas‹ braucht«, meinte der Sänger Bono nach dem Gipfel desillusioniert. Immerhin, ihm war der unsichtbare Achte wenigstens aufgefallen.

jonny weckerle