Es wird nicht ins Hirn gefickt
Zeitlebens träumte der berühmt-berüchtigte französische Literat Donatien Alphonse François Marquis de Sade (1740 bis 1814) von einer Karriere als Drehbuchautor und Theaterregisseur. Dem Theater galt bereits in frühester Jugend seine Leidenschaft, und sie blieb ihm bis ins hohe Alter erhalten, als er noch als über 70jähriger Theaterstücke in der Nervenheilanstalt Charenton inszenierte. Die Theaterleidenschaft prägte auch seine literarischen Werke, die sich über weite Strecken mit seinen an Regieanweisungen erinnernden Handlungsanweisungen wie Drehbücher lesen. Zu Lebzeiten blieb ihm weitgehend der Erfolg auf dem Theater vorenthalten – lediglich sein Theaterstück »Graf Oxtiern. Die Missgeschicke der Libertinage« wurde während der Französischen Revolution auf regulären Bühnen aufgeführt und nach kürzester Zeit wieder abgesetzt.
Dafür erhielt er dann im 20. Jahrhundert in rund einem Dutzend Dramen als Protagonist eine späte Ehrung. Das bekannteste ist »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade« – besser bekannt unter seinem Kurztitel »Marat/Sade« – von Peter Weiss, mit dem dem deutsch-schwedischen Dramatiker 1964/65 der internationale Durchbruch gelang. Bei dem Weiss’schen de Sade handelte es sich um einen radikalen Individualisten, der einen charismatischen Gegenpol zu dem Sozialrevolutionär Jean Paul Marat bildet. Weiss erklärte über sein Interesse an der Gegenüberstellung, dass ihn der »Konflikt des bis zum Äußersten geführten Individualismus und dem Gedanken an eine politische und soziale Umwälzung« interessiere.
40 Jahre später hat sich nun der Choreograf und Regisseur Gregor Seyffert an die Figur de Sade und seinen Mythos gewagt und zum 265. Geburtstag in einem großangelegten Spektakel, »Der Mensch ist ein schönes, böses Tier«, das Leben und Werk auf die Bühne gebracht. Im Hinblick auf den etwas unglücklich formulierten Titel, der mit den Kategorien »Tier« und »böse« Bezeichnungen wählt, die nur schwer in das de Sadesche Universum passen, in dem der Mensch in der Tradition des Materialismus zur Maschine degradiert und die Dichotomie von »gut« und »böse« bereits 100 Jahre vor seinem geistigen Nachfolger Friedrich Nietzsche ad absurdum geführt wird, erklärt Seyffert: »Mich hat an diesem Titel das Paradox des Gegensatzes ›schön‹ und ›böse‹ fasziniert – etwas Schönes zu sein, etwas Edles zu sein, die Krone der Schöpfung und auf der anderen Seite mit einem Keim zur Zerstörung ausgestattet zu sein. Das ist vielleicht nicht 100 Prozent deckungsgleich mit der Philosophie de Sades, trotzdem erscheint es mir ein Hauptproblem der Reflexion seiner Protagonisten und seiner Rezipienten zu sein.«
Aus dem einstigen Schmuddelautoren, dessen Werke noch vor wenigen Jahren neben Josefine Mutzenbacher und den »Memoiren der Fanny Hill« zu finden waren, ist dank des Feuilletons führender deutschsprachiger Tageszeitungen und romantisch-verklärender, mehrfach für den »Oscar« nominierter Familienfilme wie »Quills. Macht der Besessenheit« (2000) ein entsexualisierter und entpolitisierter de Sade geworden. Danach gefragt, ob auch er de Sade seines subversiven Gehaltes beraubt habe, weicht Seyffert ein wenig aus: »Zum einen muss man sagen, dass de Sade nicht nachzuweisen ist, dass er in der Realität schwere Verbrechen begangen hat. Das Einzige, was ihm vorzuwerfen ist, sind die Produkte seiner Phantasie. Zum anderen muss man sich, wenn man de Sade öffentlich thematisiert, vorher die Frage stellen, wie weit man gehen will. Ich glaube, dass keinem damit gedient ist, wenn man nur sein eingefleischtes Hardcore-Publikum anspricht. Ich wollte de Sade in seiner ganzen Bandbreite erzählen – sicherlich spritzt in Vockerode nicht unbedingt viel Blut, und es wird nicht ins Gehirn gefickt und gemordet. Es wird die Phantasie angesprochen, ohne dass die Masse der Zuschauer ausgeschlossen wird.«
An Pfingsten fand die Wiederaufnahme des Spektakels – eingerahmt in ein an die Gothic- und BDSM-Subkultur gerichtetes Kulturprogramm mit düsteren Konzerten und einer Fetisch-Modenschau – in der Kulturruine des Kraftwerks Vockerode statt. Ein Ort, der sich atmosphärisch in das Gesamtkonzept der Seyffertschen Interpretation perfekt einpasst und auch als eine ideale Metapher für den Autoren und sein Werk verstanden werden kann.
Die Ruine des 1937 erbauten Kraftwerks strahlt den Charme des Verfalls und des Niedergangs aus, wirkt aber zugleich kühl und technisch. Das Ambiente lässt die Zuschauer teilhaben am Gefühl der Gefangenschaft, die nach der in ihrem Essay »Soll man de Sade verbrennen?« vertretenen Auffassung der französischen Feministin Simone de Beauvoir zum Geburtshelfer des Schriftstellers Marquis de Sade wurde.
Seyffert meint, dass das Kraftwerk selber zu einem Protagonisten in seinem Spektakel geworden ist. Gleichzeitig bietet der Ort aber auch eine Fülle von Möglichkeiten, Showelemente wie Pyrotechnik sowie Bondage-, Licht- und Toninstallationen zu integrieren, mit denen es ihm gelingt, den üblichen Theaterrahmen zu sprengen – ganz so wie de Sade den literarischen Rahmen seiner Zeit gebrochen hat.
Gezielt werden diese Elemente eingesetzt, um die Spannung zwischen den drei Akten zu halten, in denen die Zuschauer von einer Bühne zur nächsten auf einem Erlebnisparcours geführt werden. Gesäumt ist dieser Weg mit Installationen, sadomasochistischem Mobiliar, blutbeschmierten Wänden und Schwarzweißfotografien, die entfernt an die Kunst des Expressionisten Hans Bellmer erinnern. Der Zuschauer soll die permanente Spannung spüren, die das Werk de Sades durchzieht und den Leser nie zur Ruhe kommen lässt.
Verstärkt wird diese Spannung durch die Musik. Die Auswahl reicht von den barocken Klängen des Komponisten Georg Friedrich Händel über ein religiös-angehauchtes Requiem von Karl Jenkins bis hin zum düsteren Sound von Apocalyptica und den Nine Inch Nails. Vor dieser Kulisse beleuchtet Gregor Seyffert den Menschen und den Literaten de Sade und dessen Mythen.
Sein Ziel ist es, die Zuschauer ohne oberlehrerhaften Ton an die Gestalt und Philosophie heranzuführen, die mit den auch im Spektakel zitierten Worten des französischen Literaten Jules Janins zum »Bluthusten der europäischen Geistesgeschichte« wurde. Basierend auf seiner knapp sechsjährigen Auseinandersetzung mit der Figur de Sades, die in diesem Stück gipfelte, stechen zwei Interpretationsansätze besonders heraus – der existenzialistische und der psychoanalytische Ansatz.
Im ersten Akt wird aus der Sicht des Greises die Lebensgeschichte in einer rückwärts gewandten Chronologie bis hin zum Skandal um die Prostituierte Rose Keller geschildert. Eingebettet darin ist der Dialog de Sades mit der Obrigkeit – symbolisiert durch den französischen Kaiser und den Papst. Die Auseinandersetzung mit der Obrigkeit nimmt einen wesentlichen Teil der Inszenierung ein. In Anlehnung an Albert Camus’ Essay »Der Mensch in der Revolte« erscheint de Sade in diesem Dialog als der einsame, existenzialistische Empörer und Ankläger. Das de Sadesche Programm wird auf die Anthropologie des Menschen und die Fragen nach Moral und Missbrauch von Moral bzw. Macht und Missbrauch von Macht fokussiert.
Gleichzeitig setzt Seyffert dem gängigen Mythos des blutdürstigen und spermatriefenden Monsters das Bild eines sensiblen Menschen entgegen, der an seinen Erkenntnissen und dem eigenem Diktum, »alles zu sagen«, leidet. Dies Paradox findet der Regisseur spannend. »Genau diese Widersprüche – zwischen Handlung und Gedankenwelt – machen diese Figur aus. Dabei entsteht ein theatralisches Potenzial in seiner Widersprüchlichkeit. Wir stellen dies auf der Bühne dar. Auf der einen Seite der liebevolle Familienvater, als den ihn einige Biografen beschreiben, der im nächsten Moment sich total – ohne einen äußeren sichtbaren Einfluss – verändert; so als wäre ein Schalter umgelegt worden.«
Marquis de Sade forderte in Briefen aus dem Gefängnis an seine Frau die klare Trennung zwischen Person und Werk ein. Dies Paradox durchzieht thematisch auch den zweiten Akt, der in La Coste, dem in der Bretagne gelegenen Stammschloss de Sades, spielt. Hier treten in einer rein choreografischen Darstellung de Sade, seine dunkle Seite und das Schwesternpaar Justine und Juliette aus seinem gleichnamigen Doppelroman in einen gemeinsamen Dialog. Der dritte Akt, in dem der Regisseur sich mit der Kindheit und Jugend des Marquis auseinandersetzt, jene Zeit, über die bis auf wenige kolportierte Anekdoten und Passagen aus de Sades semibiografischen Briefroman »Aline et Valcour« wenig bekannt ist, ist durch die Suche nach Antworten für das literarische Schaffen de Sades geprägt.
Er ist hin- und hergerissen zwischen seiner hypernervösen, seinen Näherungsversuchen ablehnend gegenüberstehenden Mutter und seinem Onkel, dem Abbé de Sade, der bei Seyffert als Verderber und Verführer auftritt. In der Zeit, als er bei seinem Onkel aufwuchs, kam de Sade mit dem aufklärerischen Gedankengut in Kontakt, das ihn zeitlebens prägte und ihn – mit den Worten Theodor W. Adornos und Max Horkheimers ausgedrückt – zum Aufklärer der Aufklärung werden ließ.
Die Figur der Mutter ist im Werk de Sades eine wichtige, aber negativ konnotierte Größe. Der Muttermord – als das vom Christentum als das schlimmste zu begehende Verbrechen gebrandmarkt – nimmt für die Konstituierung seiner Libertins eine wichtige Rolle ein. Die Initiierung von Eugenie in der »Philosophie im Boudoir« findet einen Abschluss in der Marter ihrer Mutter. Ebenso erklärt der russische Libertin Minski gegenüber Juliette, dass sein erstes Mordopfer seine Mutter war. Inwieweit dieser Aspekt auf einen ödipalen Komplex zurückzuführen ist, wie einige Vertreter der psychoanalytischen de-Sade-Interpretation darstellen und es auch indirekt von Seyffert im Zuge des bildlichen Zurückkehrens von de Sade in den Mutterleib symbolisiert wird, ist sehr fragwürdig. Der Hass auf die Mutter kann auch als eine Metapher für den Hass auf seine Schwiegermutter Madame Montreuil interpretiert werden, die sich für seine knapp 18 Jahre währende Inhaftierung verantwortlich zeigte.
Seyffert gelingt es insgesamt dennoch, ein sehr vielschichtiges Bild des Marquis de Sade jenseits üblicher Mythen zu präsentieren, wobei er das Idealbild des liebenden Familienvaters zu einem neuen Mythos stilisiert und de Sade streckenweise fälschlicherweise zu einem anarchistisch orientierten Ankläger der Klassenjustiz werden lässt.
In seiner Aufführung werden Grundelemente der de Sadeschen Philosophie und Aspekte seines abenteuerlichen Lebens ohne allzu vereinfachende Platitüden und billige Assoziationen auf der Bühne dargestellt und erhalten eine passable, thesenhafte Zuspitzung.
Seine im dritten Akt vorgenommene Interpretation erscheint hingegen sehr problematisch und diskussionswürdig zugleich. Seinem eigenen Anspruch, eine Einführung zu bieten und Lust auf eine Auseinandersetzung mit dem Werk de Sades zu erzeugen, ist der Regisseur sicherlich gerecht geworden. Das Spektakel bietet den Zuschauern, die sich bislang nicht mit de Sade beschäftigt haben, eine erste Orientierung, und in seiner Vielschichtigkeit und seinem Zitatenreichtum ist das Stück auch für Kenner des de Sadeschen Oeuvres eine intellektuelle Herausforderung. Über kleinere Mängel und zum Teil überzogene Darstellungen de Sades – z.B. als aristokratischer Ankläger der Klassenjustiz im ersten Akt – kann man dabei getrost hinwegsehen.