Nicht nur deutsche Politiker wünschen sich mehr Patriotismus. Mindestens ebenso besorgt über den Mangel an Nationalgefühl sind ihre britischen Kollegen, deren Forderungen sogar noch dreister sind. Das Immigrationsministerium schlug in der vergangenen Woche vor, einen neuen Nationalfeiertag der »Britishness« einzuführen, und möchte, dass Einwanderer sich die Staatsbürgerschaft »verdienen«. Neben Gesetzestreue, Sprach- und Geschichtskenntnissen sollen sie in einem Test auch nachweisen, dass sie unbezahlte Sozialarbeit geleistet haben. Dies soll nicht nur Jihadisten abschrecken, sondern auch denen, die bereits Briten sind, die Britishness näher bringen.
Eine gute Idee, meint Jonathan Freedland im Guardian, doch warum bezieht sie sich allein auf Migranten? »Warum sollen sie britischer sein als die Briten? Zum Glück gibt es eine einfache Lösung: Lasst alle den gleichen Test absolvieren.« Jeder 18jährige soll »einige Anforderungen erfüllen, bevor er Bürger wird, einschließlich ein bisschen Gemeinschaftsarbeit«. Keiner wird benachteiligt, und alle, die den Test bestanden haben, stehen dann »zusammen in einer staatsbürgerlichen Zeremonie«.
»Ich meine das so«, versicherte Freedland am Mittwoch der vergangenen Woche. Zwei Tage später allerdings sah er die Notwendigkeit, »klarzustellen«, dass »die Staatsbürgerschaft hier geborener Briten nicht vom Bestehen eines Tests abhängig sein sollte«. An der gemeinsamen Zeremonie hält er jedoch fest, denn »Staatsbürgerschaft sollte etwas bedeuten«.
Aber was? »Das Beste daran, britisch zu sein, ist, dass wir uns nicht für verklemmten nationalistischen Unfug wie das Feiern unserer ›Britishness‹ begeistern«, meint Edward Pearce im gleichen Blatt. »Ich mag den Patriotismus nicht«, schreibt Pearce, und eben dies, »das allgemeine Fehlen eines ernsthaften Patriotimus«, sei britisch. Das Empire sei in vielerlei Hinsicht eine Zumutung gewesen, habe aber immerhin eine »heilsame Apathie, eine Immunität gegenüber Flaggen« hinterlassen. Und das gelte es zu feiern, meint Edward, und schlägt vor, statt eines »British Day« lieber einen »Tag der Apathie« einzuführen.
jörn schulz