Nicht ohne meinen Schleier

In ihrem Buch »Verschleierte Wirklichkeit« folgen Christina von Braun und Bettina Mathes den Orientalismusthesen von Edward Saïd von udo wolter

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Bereits im Klappentext wird das Buch »Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen« von Christina von Braun und Bettina Mathes bescheidenerweise als »Standardwerk« gepriesen. Es geht den Autorinnen, wie sie gleich in den ersten Absätzen der Einleitung betonen, nicht nur um den »seit langem bestehenden transkulturellen Austausch zwischen Orient und Okzident heute«, sondern vor allem um »die Art, wie dieser ›Dialog‹ in der Auseinandersetzung über die ›richtige‹ Geschlechterordnung in Erscheinung tritt«. Im Zentrum steht dabei die politisch und kulturell hoch aufgeladene Auseinandersetzung um Kopftuch und Schleier, mit welcher für die Autorinnen allerdings viel weiter gehende »kulturelle, mediale, soziale, po­litische und ökonomische Aspekte verhandelt werden«. Auf über 400 Seiten breiten sie daher weit ausholende kulturgeschichtliche Betrachtungen aus über die Symbolik des Kreuzes, Schriftsysteme, die Geschichte des Geldes, Fotografie, Prostitution und Frauenhandel sowie die unterschiedlichen Wege der Säkularisierungs- und Modernisierungsprozesse in West und Ost.

Dabei folgen sie im Wesentlichen einer feministisch-postkolonialen Weiterführung der Orien­talismusthesen von Edward Saïd, wonach der Westen sich einen imaginären Orient geschaffen hat, in den er hineinprojiziert, was an eigenen Problemen und Sehnsüchten tabuisiert und abgespalten wird. Der Westen definiere sich über Schriftlichkeit und Naturbeherrschung als männlich, der Orient werde zu seinem abgespaltenen weiblichen Anderen. Dabei übernehmen von Braun/Mathes auch ungebrochen die an Saïd zu Recht kritisierte Fortführung binärer Täter/Opfer-Gegensätze in poststrukturalistischem Gewand. So ist es zwar richtig, angesichts der politischen Aufladung des Schleiers darauf hinzuweisen, dass auch das Kreuz eine lange Geschichte als politisches Machtsymbol hat und bis heute keineswegs neutral ist. Es ist den Autorinnen allerdings keine Erwähnung wert, dass es im Westen eines Jahrhunderte dauernden Kampfs um Aufklärung mit zahlreichen blutigen Religionskriegen bedurfte, um die kirchliche Autorität wenigstens in die heutigen säkularen Schranken zu weisen. Stattdessen wird die Aufklärung selbst derart auf eine bloße Verweltlichung christlicher Symbolik reduziert, dass von ihren universalistisch-kritischen Emanzipationsimpulsen nichts übrig bleibt.

Die Autorinnen fragen sich in kulturrelativistischer Manier, ob Islam und Westen nicht »zwei unterschiedlichen Formen von ›Rationalität‹« folgen würden, die sie je als »Erbschaft alter, sakraler Gesellschaften« sehen. Beim Streit zwischen Orient und Okzident um Kopftuch und Schleier gehe es um weit mehr: »In Wirklichkeit stoßen zwei Konzepte von Schriftlichkeit, Männlichkeit und zwei Wissensordnungen aufeinander.« Die in psychoanalytischem Vokabular vorgetragene Generalthese der Autorinnen lautet demnach, dass die vom alten Griechenland ererbte westliche Schriftkultur einen männ­lichen Kastrationskomplex hervorgebracht habe, der zu zwanghaften Enthüllungsphantasien des weiblichen/orientalischen Anderen geführt hat. Im Westen regiere die »Macht des Symbols, das eine Loslösung vom Leiblichen sowie die Inkarnation des Abstrakten einfordert«, während der Orient »sich der ›Mathematisierbarkeit der Welt‹ verweigert« habe. Der Assoziationskette Schriftlichkeit-Abstraktion-Männlichkeit wird als Gegenstück Oralität-Körperlichkeit-Weiblichkeit gegenübergestellt – und damit wird unter der Hand die am Orientalismus als Projektion kritisierte Aufteilung selbst übernommen.

Die Folgen zeigen sich in der Behandlung des Islamismus, den die Autorinnen vor allem als religiösen Fundamentalismus begreifen. Eher zaghaft kritisieren sie den »utopischen Regress« der Glorifizierung einer vermeintlich »goldenen« islamischen Frühzeit und die damit verbundene Identitätspolitik, worüber der weibliche Kör­per auch zum Schlachtfeld eines Kulturkampfs gerate. Doch selbst diese Kritik wird auf fragwürdige Weise kulturalistisch aufgelöst. Für die Autorinnen resultiert Fundamentalismus vor allem aus einem Mangel an »religiösem Fundament« – als ob umfassende Korankenntnis eine Art Versicherung gegen militanten Jihadismus wäre. Die Rigidität der hegemonialen Koranexegese wird dann auf Verschriftlichung und Abstraktion zurückgeführt und ein historischer Bedeutungsverlust der durch Frauen weitergetragenen oralen und konkret-sinnlichen Traditionen der islamischen Kultur beklagt. Selbst der Terror des 11. September zeige die »Ausbreitung westlichen Denkens«, hätten sich doch die Attentäter bei der logistischen Durchhführung ihres Plans »der Zeichenhaftigkeit des Geldes angepasst«.

Auf über 400 Seiten findet sich dagegen so gut wie kein Wort über den Antisemitismus, der in praktisch allen Varianten islamistischer Ideologie zentral enthalten ist und nicht zuletzt einen personifizierenden Affekt gegen die auf Ver­mittlung und Abstraktion beruhenden Seiten der kapitalistischen Moderne darstellt. Das ist umso bemerkenswerter, als zumindest eine der beiden Autorinnen mehrere Bücher zum Thema Antisemitismus und dessen Verbindungen zu Weiblichkeitsbildern in der europäischen Geschichte veröffentlicht hat, was ebenso eine wich­tige Rolle im Islamismus spielt.

Braun/Mathes erwähnen den für die islamistische Staatsideologie im Iran bedeutenden Begriff »Gharbsadeghi«, der englisch mit »Wes­toxification« oder auch »Occidentosis« übersetzt wird. Die islamische Ummah wird als authentischer und reiner Gesellschaftskörper ima­giniert, der durch äußere westliche Einflüsse infiziert und vergiftet zu werden droht. Braun/Mathes konzedieren zwar, dass hier »dieselben Bilder« bemüht werden, »die Anfang des 20. Jahrhunderts den Antisemitismus (in Europa) prägten«. Die Autorinnen ziehen aber keinerlei Verbindung zum antizionistisch verbräm­ten Antisemitismus der iranischen Staatspropaganda. Doch dieselben Metaphern von Krank­heit und Infektion finden sich dort in Form des von Ahmadinejad und geistlichen Würdenträgern oft benutzten Topos von Israel als »Krebsgeschwür« oder »schwärender Wunde« im »islamischen Körper«. Israel wird gewissermaßen als primärer »Infektionsherd« der »Westoxification« ausgemacht, und so werden die aus dem europäischen Antisemitismus bekannten Bilder auf den Nahost-Konflikt übertragen. Doch diesen Zusammenhang zu sehen, ist offenbar unter der Voraussetzung einer empathisch-moralischen Besetzung des islamischen »Anderen« ausgeschlossen – zumal wenn uneingestanden auch noch mit dem Islamismus der Vorzug des Konkreten gegenüber dem Abstrakten geteilt wird.

Die fatalen Konsequenzen dieses Zugangs zei­gen sich auch am zentralen Thema des Buchs. Wie viele andere Verteidigerinnen des Kopftuchs lassen sich Braun/Mathes schwärmerisch über die »Vielfalt des Schleiers« aus. Entgegen ihrem eigenen Anspruch auf genaue gesellschaftlich-kulturelle Kontextualisierung stellen sie dabei assoziative und oft völlig ahistorische Bezüge zwischen weiblichen Kopfbedeckungen und Ver­hüllungen in allen monotheistischen Religionen und den unterschiedlichsten historischen Zeiträumen her.

Aber das ist vielleicht nicht weiter verwunderlich, ist doch der Schleier für sie – ebenso wie das Geld – ein »leerer Signifikant«. Er lasse sich keineswegs auf ein islamisch-patriarchales Machtsymbol reduzieren, sondern könne mit allerlei Bedeutungen gefüllt werden. Und das tun die Autorinnen dann selbst recht freigiebig und mit teils haarsträubenden Gleich­setzungen. »Der Gewalt, der der Westen die verschleierte Muslimin ausgesetzt glaubt, steht die Gewalt des westlichen voyeuristischen Blicks gegen­über«, halten sie mit Blick auf Frantz Fanons ebenso problematischen wie im Postkolonialismus stark rezipierten Aufsatz über die Bedeutung des Schleiers im anti­kolonialen Befreiungs­kampf Algeriens fest. Im gleichen Atemzug stellen sie »der Gewalt der Klitorisbeschneidung«, die sicher bekämpfenswert sei, »im Wes­ten Schönheitsoperationen gegenüber«. Die Zwänge sexistisch konnotierter weiblicher Schönheitsideale im Westen – das gleiche wie die Ge­nitalverstümmelung weiblicher Kleinkinder? Eine absurde Relativierung.

Es ist eine Sache, darauf hinzuweisen, dass über die öffentliche Skandalisierung von Ehren­morden und Zwangsheiraten in muslimischen Milieus die sexistische Gewalt in der Mehrheitsgesellschaft entthematisiert zu werden drohe. Sicher ist auch etwas an der Feststellung der Autorinnen dran, die westliche Frau erscheine »in der Gegenüberstellung mit der vermeintlich unterdrückten Kopftuchträgerin emanzipierter, als sie wirklich ist«. Doch das Wort »vermeintlich« signalisiert bereits, dass Braun/Mathes daraus eine ganz andere, mehr als fragwürdige Sache machen. Das Kopftuch junger Musliminnen wird von ihnen vor allem als freiwillig und stolz getragenes Widerstandssymbol gegen die »Zumutungen der Mehrheitsgesellschaft« gewertet. Dabei betreiben sie massiv eine kulturalistische Islamisierung von Migrantinnen. Denn entscheide sich eine Muslima in Deutschland gegen den Schleier, so habe sie sich »die Möglichkeit genommen, ihre kulturelle Differenz gegenüber der Mehrheitsgesellschaft zum Ausdruck zu bringen«. Tausenden junger Frauen mit islamischem Hintergrund, die ihre individuelle Differenz ganz bewusst nicht religiös ausdrücken, wird damit schlicht eine authentische Subjektpositionierung abgesprochen.

Die Möglichkeit, dass Islamisten nicht nur als westliche Projektionen existieren, sondern ganz real mithilfe des Kopftuchzwangs eine hierarchische Geschlechterordnung und die Islamisierung »ihrer« Communities durchsetzen, taucht bei Braun/Mathes wie bei vielen ähnlich ausgerichteten Positionen kaum auf. Wenn doch, so wird sie in wie Pflichtübungen wirkenden Nebensätzen quasi als Banalität eingeräumt. Die Autorinnen weiten ihren verklärenden Blick auf die angeblich so selbstbestimmten Kopftuchstudentinnen sogar noch auf islamistische Diktaturen wie den Iran aus – schließlich sei »im heutigen Iran mehr als die Hälfte der Studierenden weiblich«. Frauen würden zwar zugegebenermaßen »unter islamischem Recht, der Sharia (…), Gewalt und Entrechtung erfahren, (…) aber mit dem Kopftuch, das als Symbol für diese Entrechtung herangezogen wird, hat das wenig zu tun«. Was von solchen Behaupt­ungen zu halten ist, ergibt sich allein schon aus der Tatsache, dass in Teheran und anderen iranischen Städten seit Monaten seitens der »Sittenwächter« des Regimes eine Tugendterrorkampagne gegen »schlecht verschleierte Frauen« tobt, die zu Tausenden belästigt, verhaftet und misshandelt werden.

Doch Braun und Mathes zufolge ist »die physische Gewalt, der man die verschleierte Muslima ausgesetzt glaubt«, nichts weiter als »ein Ausdruck jener symbolischen Gewalt (…), der die entblößte (westliche) Frau unterliegt«. Diese These illustrieren sie mit der gleichzeitigen Erfindung des Bikinis und der Atombombe. Die Entblößung des Frauenkörpers und die wissenschaftlich-technologische Gewalt sollen gleicher­maßen die männliche Blickmacht des Westens belegen.

Natürlich passt es gar nicht in ihr Bild, dass die kritischen Positionen zum Kopftuch, die sie bei deutschen Feministinnen wie Alice Schwarzer angreifen, auch von zahlreichen Migrantinnen formuliert werden. Entsprechend ressentimentgeladen gehen die Autorinnen feministische Islamkritikerinnen wie Necla Kelek, Seyran Ates und vor allem Ayaan Hirsi Ali an, die selbst einen islamischen Hintergrund haben und auf radikale Distanz zu dieser Religion gegangen sind. Braun und Mathes stellen den Film »Submission« in die koloniale Tradition orientalistischer Vergewaltigungsphantasien. Der Film bediene sich »eindeutig pornographischer Mittel«, ja er unterscheide sich von »anderen westlichen Bildern des Orients« durch »die Deutlichkeit, mit der die Gewalt des Voyeurismus zum Ausdruck gebracht wird«. Schließlich schreiben die Autorinnen: »Das mag der Grund sein für die Gewalt, mit der Muslime ihrerseits auf den Film reagiert haben.«

Damit äußern sie offen Verständnis für die Motive von Theo van Goghs Mörder Mohamed Bouyeri, auch wenn sie sich verbal davon distanzieren. Es gehe ihnen nämlich nicht darum, »den Mord zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, sondern zukünftig die (…) Gewalt auslösende Wirkung symbolischer und unbewusster Ordnungen im Umgang mit dem Fremden ernst zu nehmen«. Mit anderen Worten: Es empfiehlt sich, etwas Selbstzensur zu üben. Das legen sie auch im Fall des Karikaturenstreits nahe.

Die Affäre um einige falsche Angaben in Hirsi Alis Asylantrag benutzen Braun und Mathes, um ihr wahrheitswidrig vorzuwerfen, sie habe die ihr drohende Zwangsheirat nur vorgetäuscht (tatsächlich hat sie wegen der auch in Holland geltenden Drittstaatenregelung einen Aufenthalt in Kenia verschwiegen). Dies sei »symptomatisch für ihre seither eingenommenen Positionen«, Hirsi Ali also eine notorische Lügnerin.

In gleicher Manier dreschen sie auch auf andere feministische Islamkritikerinnen wie Necla Kelek und Seyran Ates ein. Deren Bücher seien ebenso wie die von Hirsi Ali »nicht nur Bestseller«, klagen Braun und Mathes, sondern wür­den gar »als ernsthafte Beiträge zur Diskussion über die Integration von Muslimen in die deutsche Gesellschaft gelesen«. Zur Untermauerung ihrer Kritik an der angeblichen »Unhaltbarkeit der darin enthaltenen Thesen« führen sie dann einzig den im Februar vorigen Jahres von der Wochenzeitschrift Die Zeit veröffentlichten »Offenen Brief« von »60 deutschen Migrationsforschern« an, initiiert von Mark Terkessidis und der von den beiden ständig als Autorität in Kopf­tuchfragen zitierten Yasemin Karakasoglu. Renommierte Islamwissenschaftlerinnen wie Ursula Spuler-Stegemann kritisierten den Aufruf als »eine einzige geballte Peinlichkeit«.

Gayatri Chakravorty Spivak kommentierte mit einem viel zitierten Bonmot den kolonialistischen Gestus der Frauenbefreiung der Engländer im Indien des 19. Jahrhunderts: »White men are saving brown women from brown men.« Betrachtet man die Ignoranz, mit der atheistische und universalistische Positionen feministischer Migrantinnen hier bedacht werden, so scheint eine nicht minder paternalistische Umkehrung am Werke zu sein: »White women are saving islamic ideologues from enlightened brown women.«

Legt man das Buch mit einem nochmaligen Blick auf den Klappentext wieder aus der Hand, so handelt es sich dabei doch wohl eher um ein Standardwerk der philo-orientalistischen Ideen und Irrtümer einer antirassistisch daherkommenden postmodernen Gegenaufklärung.

Christina von Braun, Bettina Mathes: Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen. Aufbau-­Verlag, Berlin 2007, 476 S., 24,95 Euro