Greg Graffin: »Punk und Wissenschaft stellen alles in Frage«

Das Logo der Punkband Bad Religion, ein durchgestrichenes Christuskreuz im roten Kreis, dürfte nach dem durchgestrichenen Hakenkreuz eines der am meisten benutzten Piktogramme des Punk sein. Seit 1980 produzierte die Band 14 Platten, zuletzt erschien am 10. Juli »New Maps of Hell«. Bad Religion gilt als eine der einflussreichsten US-Westcoast-Punkbands. Greg Graffin, Sänger, Texter und Mitbegründer der Band, ist nicht nur Punk, sondern auch Professor für Evolutionsbiologie an der Cornell University in Ithaca. Er promovierte über »Monismus, Atheismus und die naturalistische Weltanschauung«. interview: doris akrap

Seit mehr als 25 Jahren machen Sie Bad Religion. Seit einigen Jahren spricht jeder über Religion. Braucht die Welt noch eine Punkband, die über Religion redet? Ich bin sehr glücklich darüber, dass wir uns Bad Religion genannt haben, denn Religion verfolgt uns das ganze Leben lang und wird nie verschwinden. Religion ist eine der interessantesten Konstanten der menschlichen Kultur, und man kann bis zu seinem Todestag darüber reden. Es war gut, uns so zu nennen und nicht Backstreet Boys oder Beastie Boys. Niemand möchte 45jährige Männer sehen, die auf der Bühne tanzen und sich »Boys« nennen. Sie müssten sich eigentlich Beastie Men nennen, und das hätte natürlich weniger Anziehungskraft. Man könnte Sie als einen der ersten Neuen Atheisten in den USA bezeichnen. Was war Ihr Damaskuserlebnis, das Sie dazu brachte, sich mit Religion zu beschäftigen? Ich wuchs in Südkalifornien auf. Als wir Bad Religion gründeten, war ich 15. Als Teenager will man alles tun, um die Eltern zu schockieren. Anfang der achtziger Jahre war das möglich, indem man gegen Religion rebellierte. Auch damals waren die Republikaner an der Macht und evangelikale Fernsehpriester populär. Meine Eltern waren nicht streng religiös, so dass ich mir schon mehr einfallen lassen musste. Ich begann, Biologie zu studieren, und lernte, woher wir kamen und woraus die Welt bestand. Die großen Fragen der Menschheit konnten von der Naturwissenschaft einfach besser beantwortet werden. Die Neuen Atheisten versuchen, mit Evolutionstheorien die Schöpfungslehre zu bekämpfen. Sie haben in Ihrer Doktorarbeit das Verhältnis der Evolutionsbiologen zur Religion untersucht. Ersetzen die Neuen Atheisten den Glauben an Gott durch den Glauben an die Wissenschaft? Ich habe die bekanntesten Evolutionsbiologen der Welt befragt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass für die meisten, obwohl sie sich als grundlegend atheistisch verstehen, Evolution und Religion nicht in einem Konflikt stehen. Religion ist für sie ein Produkt der natürlichen Selektion. Das ist allerdings eine Beleidigung für religiöse Menschen, die die Schöpfung als Geschenk Gottes betrachten. Ich selbst bezeichne mich nicht als Atheisten, sondern als Naturalisten. Als Naturalist sagt man etwas Substanzielles, während ein Atheist nur daran glaubt, dass es keinen Gott gibt. Die prozesshafte Methode der Entdeckung und der Verifizierung ist nichts, womit religiöse Menschen etwas anfangen können. Was ist mit Forschungsrichtungen wie der Neurotheologie, die versucht, mit wissenschaftlichen Methoden nachzuweisen, dass es einen Teil des Gehirns gibt, der für Gott zuständig ist? Damit tun diese Leute der Religion keinen Gefallen, sondern eher der Wissenschaft. Denn sie beweisen nur, dass Gott nichts weiter als reine Nervensache ist. Entgegen der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft halten Sie aber doch nach wie vor an dem Glauben fest, dass eine andere Welt möglich ist? Na klar. Ich habe einen tiefen Glauben daran, dass wir erkennen können, was wahr und was falsch ist. Aber das ist kein blinder Glaube oder eine ignorante Hoffnung, sondern ein realistischer Glaube, der sich keine Illusionen macht, das Böse komplett aus der Welt zu vertreiben. Sie würden sich also der Meinung von Christopher Hitchens nicht anschließen, der behauptet, Religion vergifte alles? Eine der schlimmsten Eigenschaften von Religion ist, dass sie dort eingesetzt wird, wo sie nicht hingehört. Aber Religion ist Teil unserer Kultur. Man man muss verstehen, warum das so ist. Sie behaupten, an Gott zu glauben, entspreche einer Gangmentalität. Was meinen Sie damit? Wenn man glaubt, dass der Mond aus Käse gemacht ist, kann man versuchen, das nachzuweisen. Für Gott gibt es keinen Beweis, auch keinen negativen. Der einzige Beweis ist der, dass viele Leute überall auf der Welt an ihn glauben. Das nenne ich Gangmentalität. Als eine Form von Gangmentalität könnte man aber auch Charles Darwins Theorie der natürlichen Selektion kritisieren. Schließlich wurden seine Erkenntnisse unter dem Stichwort »survival of the fittest« als politisches Programm benutzt. Die größte Leistung Darwins war es festzustellen, dass Menschen, Tiere und Pflanzen nicht nach einem intelligenten Plan geschaffen wurden. Er wusste allerdings nicht, wie Vererbung wirklich funktioniert. Chromosomen waren ihm vor 160 Jahren noch nicht bekannt. Natürliche Selektion behandelte er wie einen Gott, wie eine kreative Kraft des Universums. Ich glaube nicht an ein kreatives Element in der natürlichen Se­lektion. Die Leute, die Darwins Doktrin für eugenische Politik benutzten, haben ihn aber nicht verstanden. Herbert Spencers »survival of the fittest« resultiert aus der Annahme eines natürlichen Kampfes um das Überleben. Das aber ist ein menschlicher Gedanke und solche sind nicht Teil der natürlichen Selektion. Natürliche Selektion würde ich als Krieg der Populationen bezeichnen. In Ihrem »Punk Manifesto« beschreiben Sie den Punk als eine Person, die ein Bewusstsein über ihr limbisches System hat. Ist das ein Plädoyer für die Kombination von Psychoanalyse mit Biochemie? Warum nicht? Das limbische System, ein Teil des Nervensystems, ist verantwortlich für Gefühle. Wir haben die Möglichkeit, durch unser Bewusstsein die Gefühle zu kontrollieren. Das ist nicht einfach, aber möglich. Ich bin mir nur nicht sicher, bis zu welchem Grad wir dazu in der Lage sind. Was ist denn die Verbindung zwischen einem Punk und einem Evolutionsbiologen? Die Verbindung zwischen Punk und Wissenschaft besteht darin, Autoritäten anzugreifen. Wissenschaft entwickelt sich nur weiter, wenn das Bestehende durch Hypothesen in Frage gestellt wird. Jedes Experiment und jede Theorie beinhaltet die eigene Negation. In diesem Sinn ist es das Gleiche, was Punk vertreten hat, nämlich alles in Frage zu stellen. Der einzige Unterschied ist, dass Punk niemals den Glauben daran hatte, etwas Neues aufbauen zu können, wohingegen die Wissenschaft genau das zum Ziel hat. Während die Wissenschaft sich weiter entwickelt, ist Punk stehen geblieben. Seine negative Seite, die vor allem aus England kam, war der Nihilismus. Damit kennt ihr Deutschen euch ja auch ganz gut aus. In der Tat. Aber Iggy Pop zum Beispiel kommt nicht aus England. Und er ist der Urvater der selbstzerstörerischen Rebellion gegen gesellschaftliche Regeln. Finden Sie etwa, dass es kein legitimer Ausdruck von Unzufriedenheit ist, sich in Erdnussbutter und Scherben zu wälzen? Legitim schon. Aber vergessen Sie nicht, dass Iggys berühmtester Song »Lust for Life« heißt. Es gibt nichts Naturalistischeres als die Lust auf Leben. Ein wahrer Nihilist hat keinen Spaß am Leben. Das vorletzte Album von Bad Religion, »The Empire strikes first«, widmete sich der Kritik an den Kriegsplänen der US-Regierung. Auf dem kürzlich erschienenen »New maps of hell« ist von Politik keine Rede mehr. Warum? Das stimmt nicht ganz. Das neue Album schließt mit dem Song »Fields of Mars«. Darin behaupten wir, dass wir eines Tages den Mars, den Kriegsgott, hinter uns gelassen haben werden. Mit diesem Album nehmen wir unseren traditionellen Stil wieder auf, der von Metaphern und Symbolismus geprägt ist, anstatt platte Kritik zu formulieren. Der Grund dafür ist, dass jeder weiß, dass George W. Bush einen Fehler gemacht hat. Er ist der unpopulärste amerikanische Präsident aller Zeiten. Er ist ein echter Verlierer, und niemand will das mehr hören. Es ist einfach langweilig, das zu kommentieren. Woran sollten Punks heute Kritik üben? Es sind die Dinge, die uns am meisten Probleme bereiten, wie Krankheiten und Klimawandel, über die zwar alle quatschen, aber keiner weiß, worüber er da redet. Aufklärung durch Erkenntnisse der Biologie kann dazu führen, die Gesellschaft an der richtigen Stelle zu kritisieren. Kann man auch die islamistische Ideologie mit Biologieunterricht bekämpfen? Es gibt einige großartige Biologen, die Islamisten sind, mehr kann ich dazu nicht sagen. Was ist mit Ihren Plänen, für das Präsidentenamt zu kandidieren? Diesen Plan hatte ich nie. Ich wollte nie Politiker werden. Ich habe nur einmal gesagt, dass ich mich verpflichtet fühlen würde, als Präsident zu kandidieren, wenn die Mehrheit der Amerikaner davon überzeugt wäre, dass ich ein guter Kandidat bin. Aber ich sehe nicht, dass es so viele Leute gibt, die das wollen.

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