Mit Titan und Humor
Die Fahne steht. Am Donnerstag der vergangenen Woche tauchte die Mir-1 bis in 4 261 Meter Tiefe des Nordpolarmeeres und befestigte sie im Meeresboden. Die Flagge aus Titan verdeutliche, dass »die Arktis russisch« sei, sagte der Expeditionsleiter Artur Tschilingarow. Er sitzt für die Präsident Wladimir Putin ergebene Partei Einiges Russland in der Duma. Als Anrainerstaat der Arktis darf Russland innerhalb einer 320 Kilometer großen Zone vor seiner Küste wirtschaften, so bestimmt es die UN-Seerechtskonvention. Die angebliche Fortsetzung des russischen Kontinentalschelfs, auf dem die Fahne platziert wurde, soll weiter gehende Ansprüche geltend machen. Die USA, Kanada, Norwegen und Dänemark bestreiten jedoch die russischen Angaben. Der Sprecher des dänischen Außenministeriums Peter Taksoe-Jensen sagte: »Wir nehmen die russische Aktion mit Humor. Für die juristische Durchsetzung völkerrechtlicher Ansprüche spielt das keine Rolle.«
25 Prozent der globalen Öl- und Gasvorräte und weitere Bodenschätze werden unter dem Meeresboden der Arktis vermutet. Doch selbst wenn die globale Erwärmung das lästige Eis beseitigen sollte, blieben Hindernisse. Noch keine Offshore-Ölförderanlage drang tiefer als 2 000 Meter vor, die Kosten der Rohstoffgewinnung wären auch in flacheren Regionen immens. Insofern könnte es den arktischen Bodenschätzen ergehen wie den Manganknollen, die in den achtziger Jahren als potenzielle Quelle des Reichtums wie auch internationaler Konflikte galten, aber immer noch auf dem Meeresgrund ruhen. Doch Russland will bis 2030 die Produktion von Kriegsschiffen um 50 Prozent steigern, und irgend etwas muss die ruhmreiche Flotte ja zu tun haben. pb
Auf undeutschem Gleise
Deutsche Bahn. Streikpanik bricht aus! Am Montag wurde das Ergebnis der Urabstimmung bei der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) bekannt gegeben. 95,8 Prozent der Lokführer sprachen sich für einen Streik aus, um die Erhöhung ihrer Löhne zu erzwingen. Ausgerechnet in der Urlaubszeit, wie es allenthalben hieß! Und das, obwohl Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) zuvor noch eindringlich vor einem Streik gewarnt hatte. Der Bild am Sonntag hatte er gesagt: »Kommt es zu Bahnstreiks, so schadet das der Wirtschaft und dem Ansehen Deutschlands.« Streiks schaden dem Ansehen des Landes: So etwas kann nur ein deutscher Politiker von sich geben. sw
Wie Tiere behandelt
Belgien. »Man hat uns wie Tiere behandelt«, sagte die elfjährige Angelica dem belgischen Fernsehsender RTBF. Sie und ihre Mutter Ana Cajamarca sollten am Montag der vergangenen Woche nach Ecuador abgeschoben werden. Ihrer Anwältin zufolge wurde Ana Cajamarca, die vier Jahre illegal in Belgien gelebt hat, von den Beamten misshandelt, als sie vor der Abschiebung fliehen wollte. Sie habe blaue Knie, blutende Hände und deutliche Spuren der Handschellen davon getragen. Ein Gericht erließ daher eine einstweilige Verfügung. Der Ausländerbehörde zufolge ist die Abschiebung aber nur vorübergehend ausgesetzt. pb
Zwei Christen, ein Amt
Libanon. Verbrechen kann sich lohnen. Zwei Abgeordnete der antisyrischen Koalition im libanesischen Parlament wurden im vergangenen Jahr ermordet, bei den Nachwahlen am Sonntag fiel einer der Sitze an einen Kandidaten der prosyrischen Allianz. Camille Khouri, Kandidat der Freien Patriotischen Bewegung von Michel Aoun, einem Verbündeten der Hizbollah, gewann in Metn gegen den früheren Präsidenten, Amin Gemayel, dessen Sohn bei einem Attentat im November 2006 starb. Die Nachwahl vertieft die Spaltung der christlichen Bevölkerungsgruppe, um deren Führung Aoun und Gemayel, beide ehemalige christliche Warlords, streiten. Im September soll das Parlament einen neuen Präsidenten wählen, der Kandidat muss ein Christ sein. pb
Freie Fahrt für Shiva
Hunderte Kilometer laufen die Verehrer Shivas jährlich, um an die heiligen Gewässer Nordindiens zu gelangen. Dafür verlangen sie, dass die Straßen auf ihrer Route für den Verkehr gesperrt werden. Am Freitag warnte die Polizei, der diesjährige Pilgermarsch werde von der islamistischen Harkat-ul Jihadi angegriffen. Doch das blieb bislang aus. Dafür randalierten am Dienstag die über 3,5 Millionen Pilger. Sie zündeten Busse an und blockierten Autobahnen und Straßen im ganzen Norden, nachdem ein Bus drei von ihnen überfahren hatte. Fundamentalistische Hindugruppen wie Shiv-Sena oder die nationalistischen Hindutva-Brigaden sind bekannt für ihre Militanz. Als der amerikanische Schauspieler Richard Gere im April die Bollywood-Queen Shilpa Shetty bei einer Aidsaufklärungsshow in Neu-Delhi auf die Wange küsste, verbrannten die Hindu-Nationalisten Bilder von Gere und Shetty. Ihr Auftritt sei ein Angriff auf die indische Kultur gewesen, behaupteten Anhänger von Shiv-Sena. DA