»Es gibt keinen modernen Islam«

Nasrin Amirsedghi, exil-iranische Publizistin

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Seit einigen Monaten überziehen die Mullahs im Iran die Bevölkerung mit einer neuen Repressionswelle. In deutschen Me­dien ist davon kaum etwas zu hören. Nasrin Amirsedghi floh 1980, kurz nach Errichtung der islamischen Diktatur, mit ihrer Tochter aus dem Iran. Die Publizistin, Philologin, Literatur- und Filmwissenschaftlerin lebt in Mainz und ist dort bei »DIA«, einem »Verein für Kultur & Migra­tion« aktiv. Sie spricht sich gegen Islamismus, Kulturrelativismus und die Verharm­losung des Regimes in Teheran aus.

interview: jonny weckerle

Am vergangenen Montag nahmen Sie in Berlin an einer Podiumsdiskussion mit dem Titel »Frie­den mit den Mullahs?« teil, bei der die Gründe für das deutsche »Appeasement« und die »Kollaboration« mit dem Iran gesucht wurden. Welche Erklärungen haben Sie für diese Politik?

Ich sehe sowohl ökonomische Gründe als auch subtile und historisch motivierte Gemeinsamkeiten. Die ökonomischen Gründe lassen sich einfach aus den Fakten ablesen. Laut Bericht des Handelsblatts vom 4. April 2007 ist der Iran für deutsche Unternehmen der größte Markt im gesamten Nahen und Mittleren Osten nach den Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Zurzeit sind rund 10 000 Firmen im Iran aktiv. Vom Jahr 2000 bis 2005 hat sich das Volumen der deutschen Ausfuhren mehr als verdoppelt. So stiegen beispielsweise die deutschen Exporte nach Iran von 1,57 Milliarden Euro im Jahr 2000 auf 4,43 Mil­liar­den Euro im Jahr 2005. Der Handel der EU mit dem Iran erreichte im November 2006 die Sieben-Milliarden-Dollar-Grenze.

Während die Geschäfte zwischen beiden Ländern blühen, werden im Iran Menschen, auch Kinder, in makabren öffentlichen Spektakeln vor den Augen gläubiger Schaulustiger bestialisch hingerichtet, gesteinigt, verhüllt, geprügelt, gedemütigt, bevormundet, ganz simpel vernichtet, und die Bundesrepublik schweigt. Es ist eine Schande. Deutschland macht sich damit zutiefst schuldig. Allein am 24. August 2007 wurden in Isfahan im Namen der Sittenerziehung 23 000 Menschen auf der Straße schikaniert, geprügelt, verwarnt und 242 von ihnen festgenommen. 39 000 Geschäfte wie Boutiquen oder Friseursalons wurden durchsucht, 600 davon verplombt und geschlossen. Seit April 2007 wurden etwa 2000 Jugendliche, Männer und Frauen hingerich­tet oder gesteinigt.

Gibt es auch andere Gründe für das »Appeasement« als ökonomische?

Nicht weniger wichtig sind die deutsch-iranischen Gemeinsamkeiten: der gemeinsame und tief verankerte Antisemitismus im Islam und im Christentum und die Nachwirkungen der christlichen Lehre im Sozialismus. Während das Christentum versucht, sich heute in Europa halbwegs zivilisiert zu verhalten, gibt es eine Kontinuität des islamischen Judenhasses. Antisemitismus hat auch in Europa tiefe Wurzeln. Aber was der Iran seit 32 Jahren hemmungslos offen betreibt, ist das Hegen und Pflegen, das Hochpäppeln dieser Wurzeln zu einer Gigantomanie des Schreckens.

Wie ist das zu erklären, wenn ein Land wie Deutschland mit seiner – für mich – nie endenden historischen Last, der nationalsozialistischen Judenvernichtung, mit dem Iran weiter wirtschaft­liche und diplomatische Beziehungen unterhält, während die iranische Regierung Israel vernichten will? Was Hitler nicht vollenden konnte, wird bald von Mullahs mit Atomwaffen vollstreckt, wenn Europa nicht endlich aufwacht.

Wie bewerten Sie die hiesige Debatte über den Iran?

Es gibt gar keine Debatte. Wenn überhaupt, dann keine vernünftige und offene Debatte. In der Bun­desrepublik gibt es zwar keine Zensur, aber einen Filter für Informationen, je nach po­litischer Macht und nach Laune wird vieles geschönt. Man will keine Wahrheit hören, sondern den bestehenden Mist parfümieren. Dafür holt man sich prominente so genannte Iran- und Islam-Experten wie Peter Scholl-Latour oder Udo Steinbach.

Auch Autoren und Autorinnen, die aus dem Iran stammen, wie Navid Kermani, Katjun Amirpur und Bahman Nirumand, sind in den Medien prominent vertreten.

Nirumand als alter 68er-Linker und das hier ­geborene Paar Kermani und Amirpur als gläu­bige Muslime träumen davon, dass man die De­mokra­tie wie eine Glukoseinfusion in die Adern der so genannten Gemäßigten unter den Mullahs injizieren kann. Ihre Funktion ist es, das Wesen des Mullahregimes und des Islam zu beschönigen. Sie sehen das Übel nur in Israel und dem US-Imperialismus, sie verharmlosen die Mullahbarbarei, indem sie den Islam zu einer Religion des Friedens erklären. Sie mischen Metaphysik und Materialismus zu einem reizenden Eintopf, der nur Unheil und Tod in sich birgt.

Im Namen des Dialogs fand im Jahr 2000 im Haus der Kulturen in Berlin eine Iran-Konferenz unter den Rettungsflügeln von Gerhard Schröder, Joseph Fischer und Nirumand statt. Während hin­ter den Dialogkulissen über 100 Wirtschaftsdelegationen aus dem Iran mit deutschen Kollegen milliardenschwere Wirtschaftsverträge aushandelten, verprügelte die Security die Hand voll iranischer Oppositionsmitglieder im Saal.

Ist das iranische Regime Ausdruck des Islam, oder handelt es sich im Wesentlichen um ein modernes Phänomen, welches sich einen religiösen Anstrich gibt?

Islam ist Islam, wie er im Iran oder Saudi-Arabien praktiziert wird. Wo der Islam nicht nach der Sha­ria ausgeübt wird, ist er im Kern nicht mehr islamisch. Es kann keine moderne Variante dieser Religion geben. Modern ist nur, dass das wahre Gesicht des Islam durch die Digitalisierung und weltumspannende Informationswege aus den Kämmerchen der Orientalisten herausgetreten ist und sein Bild das Fußvolk erreicht hat. Zu hof­fen ist nur auf eine beschleunigte Aufklärung.

Wie erklären Sie es sich, dass die Linke einst vehement gegen das Regime des Schahs protestierte, zu der Mullahdiktatur aber bestenfalls schweigt?

Der gemeinsame Feind der Linken bleibt immer der Imperialismus, und zwar nur der amerikanische. Doch wie würden Europa und der Rest der Welt aussehen, wenn die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg nicht interveniert hätten? Die Linken haben ein gespaltenes Verhältnis zu den eigenen, jahrelang erkämpften europäischen Errungenschaften, die Individualismus, Pluralismus, Presse- und Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenrechte beinhalten. Der Totalitarismus fasziniert sie. Die leidenden Menschen im Iran oder ähnlichen Ländern lassen sie mit ihrem Schicksal allein.

Wie sähe angesichts von Atomkrise und verschärfter Unterdrückung im Iran ein progressives Vorgehen aus?

Es gibt viele Länder, die Atomprogramme betreiben, aber keines davon kündigt an, Israel vernich­ten zu wollen. Das Problem ist, dass die Europäer das nicht ernst nehmen wollen. Wenn es heute unter den westlichen Nationen überhaupt eine gibt, welche diesem Wahnsinn mit wirksamen Sanktionen begegnen könnte, ist es die deutsche. Darauf kann man nur hoffen. Ob sich was tut, bezweifle ich aber ernsthaft. In der derzeitigen Lage kann man niemandem im Iran helfen. Meine einzige Hoffnung ist, dass die Menschen aus eigener Kraft das Regime stürzen.

In Freiburg war kürzlich im Rahmen der Städtepartnerschaft mit Isfahan unter dem Titel »Iran.com« eine Ausstellung mit moderner iranischer Kunst zu sehen. Gibt es im Iran Raum für oppositionelle Kunst und Kultur?

Wenn kritische Intellektuelle wie Journalisten, Künstler, Literaten tagtäglich verhaftet, ermordet und hingerichtet werden, zeigt dies, dass oppositionelle Kunst und Kultur im Iran absolut keinen Raum haben. Insofern ist eine Initiative wie »Iran.com«, die direkt dem Regime und dessen Kontrolle untersteht, nichts als gefällige Dekoration. Wie in allen totalitären Systemen werden die Künstler instrumentalisiert, um die Welt­öffentlichkeit zu täuschen.

In einer von Ihnen unterzeichneten Unterstützungserklärung für den Islamkritiker Ralph Giordano wird gefragt: »Wo sind wir denn hier?« Auf welches »wir« und »hier« berufen Sie sich dabei? Auf die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland?

Mit wir und hier ist Europa, sind die europäischen Errungenschaften der Kultur, sind die Europäer, insbesondere die verantwortlichen Intellektuellen gemeint. Wir alle hier hoffen darauf, dass die Vernunft irgendwann mal wieder siegt. Aber wie Sie sehen, sind wir Einzelidioten. Der Kampf ist nicht einfach und wird nicht mit Waffengleichheit geführt.

Wie bewerten Sie die wachsende islamkritische Bewegung in Deutschland, etwa entsprechende Blogs oder Initiativen gegen Moscheebauten?

Ich begrüße das sehr. Das gibt den Menschen die Möglichkeit, Informationen zu erhalten, die man in den etablierten Medien nicht findet. Der Widerstand gegen die Islamisierung wird dadurch sichtbarer. Man muss nur sehr aufpassen, nicht in anderes, falsches Fahrwasser zu geraten und dort zu versinken.